Wasser aus dem Berg Aug01

Wasser aus dem Berg

Seit dem 19. Jahrhundert wird Wasser aus dem Fels bei Neusitz gewonnen Die Gänge sind dunkel, feucht und manchmal muss man gebückt laufen. Gefühlt Tausende von herumschwirrenden Fliegen wollen offensichtlich vom Schein der Taschenlampen und ihren Trägern nicht gestört werden. Von 1867 bis 1872 hat ein Bergmann aus Sachsen mit Unterstützung von Rothenburger Arbeitern ein Stollensystem in den Anstieg der Frankenhöhe nahe Neusitz geschlagen. Grund dafür war der stete Wassermangel der Rothenburger. Dabei ging es nicht darum, auf eine Quelle zu stoßen, sondern die findigen Wassersucher waren auf das Sickerwasser aus. Eigentlich eine clevere Idee. Bedenkt man aber den dazu nötigen Aufwand, müssen die Rothenburger wahrlich verzweifelt gewesen sein. Rothenburg sitzt durch seine Lage auf einem Felsvorsprung regelrecht auf dem Trockenen. Mit dem Zuwachs der Bevölkerung wurde das Thema der Wasserversorgung immer bedeutender. Auf mehreren Wegen wurde Wasser von außerhalb in die Stadt geleitet. Zusätzlich soll es mehr als 300 private Zieh-, Schöpf- und Pumpbrunnen in den Häusern gegeben haben (in: „Die Wasserversorung der Stadt Rothenburg“, Städtische Werke Rothenburg, 1979). Aber immer wieder gab es Trockenperioden, die den Mangel augenscheinlich werden ließen. So auch in den Jahren 1863/64. Der damalige Bezirksarzt und anerkannte Geologe Dr. Pürkhauer „regte eine Suche nach Wasser an den Abhängen der Frankenhöhe an“ (in: „Die Wasserversorung der Stadt Rothenburg o. Tauber“, Die Linde, März 1951, S. 18 ff). Unter der Leitung des Wasserinspektors Henoch von Plauen wurde das Projekt umgesetzt. Drei vereinte Wasseradern Die Anlage umfasst eine Brunnenstube unterhalb von Wachsenberg und drei dort zusammenfließende Quellen: den „Lumpenbrunnen“, eine Quelle nahe der Wachsenberger Steige, den „Wachsenberger Stollen“ unterhalb Wachsenbergs und die „Schneelache“ (auch „Scheelache“genannt), ein in den Fels getriebener Stollen auf der Höhe der Straße nach Aidenau. Die Anlage ist bis heute in Betrieb und der Stollen nahe Neusitz ist...

Wellness im Turm Aug01

Wellness im Turm

Der Rödertum ist geöffnet Wer in diesem Sommer in Rothenburg hoch hinaus will, der muss auf den Röderturm. In normalen Zeiten gibt es in der Stadt zwei begehbare Türme: den Rathausturm und den Röderturm. Da der Rathausturm wegen der Enge der Treppen unter Coronabedingungen nicht nutzbar ist, bekommt der Röderturm nun alle Aufmerksamkeit. Der Röderturm ist um 1390 entstanden. In der Turmstube haben Besucher einen fantastischen Blick über die Stadt. Der Verein Alt Rothenburg, der den Turm auch zugänglich macht, hat dort in einer Dauerausstellung die Zerstörung des nordöstlichen Viertels von Rothenburg im März 1945 und den späteren Wiederaufbau dokumentiert. Claudia Geißler-Kraft ist ehrenamtliche „Türmerin“des Vereins, die, unterstützt von Irmgard Hofbauer aus Ansbach, die Gäste im Turm empfängt und ein coronakonformes Öffnungskonzept ausgearbeitet hat. „Es war gar nicht so leicht herauszufinden, was wir eigentlich sind“, erzählt sie schmunzelnd. Der Turm wurde letztendlich nicht als Museum, sondern als Freizeiteinrichtung eingestuft. Bei einer Inzidenz unter 50 darf der Turm öffnen. „Steigen die Werte über 50 wird der Betrieb aus Sicherheitsgründen eingestellt“, so Geißler-Kraft. Ein Drehkreuz mit Sprechanlage regelt den Zugang, auf dem Turm müssen FFP2-Masken getragen werden, Desinfektionsmittel stehen bereit. Im Turmzimmer mit rund 70 m2 geht immer ein laues Lüftchen. Claudia Geißler-Kraft ist der vielleicht größte Fan des Turms. „Der Röderturm ist einfach ein Schatzkästchen“, sagt sie strahlend, „Ich habe so viele Ideen, was man hier oben alles machen könnte.“ Die erste setzt sie nun um:„Wellness und Entspannung auf dem Röderturm“. Claudia Geißler-Kraft kommt beruflich aus dem pädagogischen Bereich. Sie weiß um den Wunsch der Menschen nach Entschleunigung und hat das Handwerkszeug dazu parat. Daher bietet sie außerhalb der Öffnungszeiten des Turms, mittwochs um 17.30 Uhr (mit Voranmeldung) oder nach individueller Terminvereinbarung eine 1,5-stündige Entspannungseinheit an. Zuerst machen es sich die Teilnehmer (maximal fünf Personen)...

Alle lieben Lotte Jul01

Alle lieben Lotte

Das Toppler Theater macht Goethes Werther zum musikalischen Sommerhit „Vorhang auf“ für die diesjährige Saison im Toppler Theater. Zum Start gibt sich kein Geringerer die Ehre als Johann selbst. Johann, wer? Natürlich Johann Wolfgang von Goethe. Aber keine Sorge, dieser Johann im Toppler Theater ist kein angestaubter Dichter, sondern weiß auf unterhaltsam-humorvolle Art zu unterhalten. „Verliebt in Lotte – Theaterstück mit Liedern nach Goethes Werther“ heißt die Eigenproduktion des Rothenburger Toppler Theaters, die noch bis zum 18. Juli gespielt wird. Carsten Golbeck, freier Dramaturg und Autor an diversen Bühnen, hat das Dreipersonenstück eigens für die stimmungsvolle Bühne geschrieben. In normalen Zeiten fasst das Theater, das im Nordhof des Dominikanerinnenklosters zu Hause ist, rund 120 Plätze. In Zeiten von Corona wird die heimelige Atmosphäre noch intimer, wenn weit weniger Plätze pro Aufführung zur Verfügung stehen. Unterhaltung mit Musik Das mit viel Musik und Gesang untermalte Theaterstück lässt die Zuschauer schmunzeln, denn eine Frau, die schöne Lotte, verdreht gleich zwei Männern den Kopf: Dem jungem Johann alias Goethe und dem jungen Werther, bekannt als tragischer Held aus Goethes Erzählung „Die Leiden des jungen Werther“. Auf geschickte Weise verwebt Carsten Golbeck so die literarische Vorlage mit verschiedenen Ebenen. Die Liebe, die erwiderte und die unerwiderte, ist damals wie heute omnipräsent und sorgt für einen unterhaltsamen Theaterabend. Regie führt Thomas Helmut Hepp. Ebenfalls im Juli (Premiere ist am 23. Juli) startet die zweite Eigenproduktion des Toppler Theaters: „Der Kredit“ von Jordi Galceran. Ging es bis dahin im Theater um die Liebe, kommt nun die zweite große Herausforderung im Leben auf die Bühne: das liebe Geld. In dem Zweipersonenstück verweigert ein Filialleiter einem Kunden einen Kredit. Der eine hat Haus, Job und Familie, dem anderen wird es verwehrt. Es beginnt ein Spiel um Geld und Glück und das System...

Steine statt Reliquien Jul01

Steine statt Reliquien

Die Heiltumskammer der St.-Jakobs-Kirche Der Eingang ist unscheinbar. In der Durchfahrt unter der St.-Jakobs-Kirche (in der Klingengasse) befinden sich zwei braune Holztüren. Die meisten Passanten gehen zügigen Schritts daran vorbei. Dr. Oliver Gußmann, Touristen- und Pilgerpfarrer an St.-Jakob, öffnet eine der alarmgesicherten Türen. Ein verwunschen wirkender, polygonaler Raum mit Rippengewölbe verbirgt sich dahinter. Durch mehrere Fenster fällt Licht auf die steinernen Zeitzeugen im Inneren. Imposante Skulpturen, Gipsmodelle, Gemälde, Steinfragmente, hölzerne Engelsflügel und ein leuchtend roter Herrnhuter Stern, der zur Weihnachtszeit über dem Altar hängt, füllen diesen Ort. Ja, was genau ist das eigentlich für ein Raum? Kapelle, Heiltumskammer, kleines Museum oder nur ein Abstellraum? In Rothenburg hat sich die Bezeichnung Heiltumskammer etabliert. Eine Heiltumskammer ist ein sakraler Ort, an dem Reliquien aufbewahrt werden. Heutzutage, im 21. Jahrhundert, ist der Raum aber keine echte Heiltumskammer mehr, denn Reliquien befinden sich hier nicht. Und ob es diese jemals hier gab, ist auch nicht eindeutig belegt. „Wozu der Raum gedient hat, kann man nicht genau sagen“, so Gußmann. Der Bau der St.-Jakobs-Kirche wurde im 13. Jahrhundert begonnen. Der erste Ablass zum Kirchenbau stammt aus dem Jahr 1286. Bereits zu dieser Zeit gab es in Rothenburg die Heilig-Blut-Reliquie, eine „Wunderblutreliquie bzw. ein Korporalienwunder, deren Verehrung im 13. und 14. Jahrhundert enorm zunahm“ (aus Anton Ress, Die Kunstdenkmäler von Bayern, Stadt Rothenburg o.d.T. I, S. 76 ff.) Die bauliche Entstehung Belegt sind weiterhin Zuwendungen durch neue Ablässe in den Jahren 1446, 1455, 1459, die den finanziellen Rahmen gaben, um den Kirchenbau „unter Überbrückung der Klingengasse mit der Errichtung des chorartigen, doppelgeschossigen Westbaus fortzusetzen“. Auf der Empore sollte die Heilig-Blut-Reliquie gezeigt werden, die um 1500 in den Riemenschneider-Altar eingefasst wurde. Rückblickend gibt es für die Nutzung des Raumes unter der Empore keine klare Zuordnung. Anton Ress schreibt, dass „der unvollendet gebliebene, nur von der Straßenführung zugängliche, ebenerdige Kapellenraum zur Aufbewahrung des reichen Reliquienschatzes gedient haben dürfte“. Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger hat in einer Akte des 18. Jahrhunderts über die Reliquien zwei Aufbewahrungsorte recherchiert: Einerseits das Pfaffenstüblein (Sakristei) und andererseits die „alte Capelle, vermuthlich Corporis Christi“, mit der die Heiltumskammer gemeint sein könnte. Jenes „Inventarium über die Heiligthümer oder alte Sachen“ zählt unter anderem auf:„Eine Monstranz von Messing, ein Haupt, (nach der Tradition) Johannis, ein Müze von grünem Zeug mit 2 Cränzen, ein Haupt in grünem Seidengezeug (nach der Tradition) Andreae. Ein Schere, vermuthlich von einem Meer Krebß“ oder „ein von Stein ausgehauenes Schildlein, worauf ein Jacobs Stab und Muscheln (wie die Pilgrim führen)“. Was davon wo gelagert wurde, ist nicht nachvollziehbar. Eine Besonderheit des Raums sind die beiden Türen, von denen heute nur noch eine als Eingang genutzt wird. Anhand einer eigenwilligen baulichen Lösung wurden die Türlaibungen in Viertelkreisbögen eingefügt, die wiederum in Rundbogennischen sitzen. Lagerstätte für Kunstwerke Warum führen gleich zwei Türen, die von innen architektonisch aufwändig in Szene gesetzt sind, in den kleinen Raum? Ein Grund dafür könnte die Nutzung bei einer Prozession sein, wo die Menschen zur einen Seite hinein und zur anderen hinaus gehen. In der Wernitzer-Chronik aus der Mitte des 16. Jahrhunderts wird die Nutzung der Heiltumskammer als Wallfahrtsort vermutet. Das konnte aber nie belegt werden. Anton Ress schreibt, der „Kapellenraum unter der Westempore, der seit nachreformatorischer Zeit profanen Zwecken diente […], wurde 1860 zu einem musealen Aufbewahrungsraum der aus der Kirche entnommenen Bilder und Steinskulpturen hergerichtet“ (S.92). Auch die Fotografie der Skulpturen des Ölbergs, die 1907 abgedruckt wurde, belegt, dass der Raum zur Aufbewahrung von Kunstwerken gedient hat. In ähnlichem Sinne wird er auch heute genutzt. Steinerne Fensterbögen, Emporenunterwölbungen, Schlusssteine, Fialen und vieles mehr stehen Seite an Seite in der Heiltumskammer. Wappenschilder aus der Franziskanerkirche sind hier vorübergehend eingelagert und Bilder, vom Wappengemälde bis zum Bergpanorama (allesamt Schenkungen), hängen an den Wänden. Arbeitsplatz der Steinmetze „Die Fialtürme stehen mindestens seit den 60er Jahren hier“, sagt Thomas Ehrlinger, Leiter der Bauhütte von St.-Jakob. Seit vielen Jahren nutzt die Bauhütte diesen Ort, um wertvolle Steine einzulagern. „Wenn wir die Heiltumskammer nicht hätten,...

Freiluftgalerie am Klingtor Jul01

Freiluftgalerie am Klingtor

„Kunst an der Mauer – nochmal anders“ geht in die zweite Runde So eine Pandemie kann auch ihre guten Seiten haben – zum Beispiel „Kunst an der Mauer – nochmal anders“. Seit Ende Mai gibt es auch in diesem Jahr wieder die Freiluftausstellung des Rothenburger Kunstkreises. Eigentlich sollte 2021 das Original „Kunst an der Mauer“ mit etwa 40 Ausstellern stattfinden. Seit 2007 existiert weitgehend im zweijährigen Rhythmus die Kunstausstellung an der historischen Stadtmauer neben dem Klingentor. Es war aber absehbar, dass das mit den noch geltenden Coronaregeln heuer nichts wird. „Also haben wir uns entschlossen, nochmal das Kunstformat aus dem letzten Jahr anzubieten“, so Helga Fabi. Zu Coronazeiten wollten die Aktiven des Kunstkreises die Kultur hoch halten und haben ihre Gemälde im letzten Sommer direkt an der Mauer ausgestellt. Das kam so gut an, dass nun wieder Kunst direkt an der Mauer hängt. Sowohl Einheimische als auch Besucher der Stadt genießen den unkomplizierten Kunstgenuss. „Viele Familien mit Kindern bleiben stehen und haben ihre Freude an den Gemälden“, so Ruth Bücker. Also haben die Künstler ihr Gerüst über den historischen Polder angebracht und ihre Acrylgemälde arrangiert. „Mindestens einen Tag brauchen wir um die Kunstwerke zu hängen“, so Ingeborg Goebel. Rund 80 Bilder sind stets ausgestellt und stehen zum Verkauf. Hat eines einen neuen Besitzer gefunden, wird es ersetzt. „Wir haben noch einen Fundus“, sagt Helga Fabi. Sie wohnt direkt neben der kunstvollen Mauer und steht als Ansprechpartnerin für Kaufinteressenten zur Verfügung. Und was passiert mit den Bildern, wenn es mal regnet? Kein Problem, so die Künstlerinnen. Die Bilder sind alle mit Acrylfarben auf Leinwand gemalt und somit weitgehend Wasser resistent und widerstandsfähig. Die „Kunst an der Mauer“ hat sogar den 7-jährigen Hannes zu einem eigenen Kunstwerk angeregt, das er anonym hinterlassen hat. „Der Kunstkreis würde ihm das Werk gerne für den angegebenen Preis abkaufen. Wir würden uns daher freuen, wenn er sich meldet“, so Helga Fabi....

Geben und Nehmen Jun01

Geben und Nehmen

Barbara Mohl lebt für Indien Die Sehnsucht nach der indischen Kultur und der gelassenen Lebensart der Menschen ist der Rothenburgerin Barbara Mohl durch eine Schulfreundin ins Herz gelegt worden. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist sie in Erlangen. „Nichts war meiner Freundin Indra wichtiger, als mir ihr Heimatland zu zeigen“, erinnert sich Barbara Mohl heute noch. Die beiden machten sich nach ihrem Schulabschluss für sieben Monate auf in das südostasiatische Land. Die Art der Menschen, die mit ihrer Sanftmut so viel zu geben vermochten, beeindruckte die junge Frau sehr. Es war eine selbstverständliche Nächstenliebe, die sich die Inder entgegenbrachten. Mitte der 70er-Jahre zog es Barbara Mohl mit einer Gruppe Gleichgesinnter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens erneut nach Indien. Hugo Maier, ein deutscher Arzt, engagierte sich zu diesem Zeitpunkt für die Ärmsten der Armen. Er leistete damals medizinische Hilfe und setzte sich für die Ausbildung der Menschen ein. Das war noch bevor Barbara Mohl nach einem Studium für Deutsch als Fremdsprache am damaligen Goetheinstitut in Rothenburg unterrichtete und ihren Mann Wolfgang Mohl kennen gelernt hatte. Durch den „Freundeskreis Indien e. V.“, der aus den Hilfsaktionen des deutschen Arztes entstanden war, fanden seit 1986 mehr als 300 Frauen in Südindien eine Ausbildung und Arbeit im traditionellen Kunsthandwerk, unabhängig von Religionszugehörigkeit und sozialer Kaste. Traditionell wird von südindischen Frauen erwartet, dass sie bereits in jungen Jahren die Last der Familie tragen. Soziale Faktoren hindern die meisten Frauen daran, überhaupt eine Berufsausbildung in Betracht zu ziehen. Ihr Mangel an Grundbildung, die Auswirkungen des Mitgiftsystems und die Anforderungen des Familienlebens beschränken ihre Möglichkeiten häufig auf schlecht bezahlte, harte körperliche Arbeit und ein sehr schwieriges Leben. Zugehörigkeit zum Fairen Handel Durch die Unterstützung des Arbeitskreises werden ihnen schulische Bildung wie auch Berufsausbildungen und finanzielle Sicherheit zuteil. In...