Fazit einer Schülerfilmreise

Buch von Thilo Pohle: Begegnung mit Zeitzeugen des Dritten Reiches Das neue Buch von Thilo Pohle: “Wenn lang die Bilder schon verblassen“ zieht Bilanz über das Filmprojekt „doku“ von und mit Schülern der Oskar-von-Miller-Realschule in Rothenburg. Seit 40 Jahre über neun Schuljahrgänge hinweg bis zum heutigen Tag, werden die Geschehnisse des Dritten Reiches rund um Rothenburg filmtechnisch aufgearbeitet. Thilo Pohle (Deutsch- und Geschichtslehrer a.D.) erstellt in seinem neuen Werk mit Zitaten, Bildern und Zeugnissen ein Resümee über die Dreharbeiten. Mit der Frage: „Weißt Du, dass der Großvater dieses Schülers von der SS aufgehängt wurde“, hat alles angefangen. „Eine meiner Kolleginnen in unserer Realschule zeigte dabei im Vorbeigehen auf einen Brettheimer Schüler“, erinnert sich Thilo Pohle als wäre es gestern gewesen. Diese Worte ließen den Päda­gogen nicht mehr los. Was dahinter steckte war die Geschichte der drei Brüder von Brettheim, die am 10. April 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges wegen der Entwaffnung einiger Hitlerjungen erhängt wurden. Darüber wollten die Schüler mehr wissen und beschlossen einen Dokumentarfilm zu drehen. Mit Interviews von noch lebenden Zeitzeugen und tatkräftiger Unterstützung des Brettheimer Ortsobmannes Fritz Braun, brachten sie einen mehrfach ausgezeichneten „Streifen“ auf die Leinwand, der bis heute internationale Kreise zieht. Es entstanden viele Fortsetzungen, die Licht ins Dunkel dieser Zeit bringen sollten. 200 junge Menschen leisteten mit 800 Filmvorführungen von Amerika, Frankreich, Russland bis hin zur Elfenbeinküste Hilfe zur Aufarbeitung der Nazizeit. „Die Rothenburger Schüler waren bisher die einzigen Deutschen, die mit Sowjetstreitkräften die Geschichte des Dritten Reiches aufzuarbeiten versuchten“, erzählt Pohle. Ergriffen und immer wieder neu überrascht waren die Jugendlichen über die Dankbarkeit, besonders von den Hinterbliebenen aus Brettheim, die sich die Qualen dieser Zeit endlich einmal von der Seele reden konnten. „Es war wohl eine regelrechte Befreiung für die alten Menschen“, ist sich Pohle sicher. Klar war von Anfang an, dass die Dokumentarfilme nicht verliehen oder verkauft werden. Eine Vorführung gibt es nur mit den Schülern, die ihn gemacht haben. „Dadurch war ein persönlicher Austausch mit den Menschen über dieses Thema möglich“, so das Ziel der „Filmemacher“. Das Buch enthält viele besondere Erlebnisse, die die Schüler mit ihrem Projekt erleben durften. Nach einer Vorführung des Dokumentarfilmes in den USA schrieb der US-Colonel Benjamin C. Jones: „Ich bin überzeugt, dass dieser Film in den USA dazu dienen wird, die Macht des menschlichen Mitgefühls unabhängig von Na­tio­nalität oder Sprache zu wecken. Er wird augen­öffnend sein, vor allem für junge Amerikaner, die mit der Ära des Zweiten Weltkrieges weniger vertraut sind, in der der stetige Einsatz der US-Kräfte in Europa notwendig war“. Carola Oberndörfer, eine Rothenburgerin jüdischer Abstammung berichtete auf Einladung des Altoberbürgermeisters Herbert Hachtel (1988 bis 2006) von der Vertreibung ihrer Familie aus ihrer Heimatstadt und der Tötung ihrer Schwester in Auschwitz. Diese und viele weitere Inhalte mit ganz persönlichen Erlebnissen der Schüler, Bildern und Texten beinhaltet das aktuelle Buch “Wenn lang die Bilder schon verblassen“ über die Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges. Im Herbst wird Thilo Pohle im Rahmen der Jüdischen Woche am 24. Oktober, um 10.30 Uhr, im Gemeindesaal der St.-Jakobs-Kirche eine Lesung aus seinem Buch halten. Der gleichnamige Dokumentarfilm ist am 17. Oktober, um 18 Uhr, im Creglinger Romschlössle zu sehen. ul INFO: Das Buch von Thilo Pohle „Wenn lang die Bilder schon verblassen“ kostet 29 Euro und ist ausschließlich im Internet unter: www.dokumentarfilmgruppe.de...

Menschen wachsen sehen

Martin Hanselmann: Jede Stunde des Lebens ist wertvoll „Ich bin ein Rothenburger“, sagt Martin Hanselmann voller Überzeugung. Es klingt ein wenig so wie in der Rede von John F. Kennedys im Jahr 1963 in West-Berlin: „Ich bin ein Berliner“. Das Plönlein und die Spitalgasse, da ist er aufgewachsen und das ist sein Zuhause. Vater Ernst stammt aus Brettheim und war viele Jahre bei Eisen-Keitel angestellt. „Meine Mutter kam als Flüchtling aus Schlesien nach Brettheim, wo sich die Eltern kennen gelernt haben“, erzählt Martin Hanselmann weiter. Sein älterer Bruder Reiner ist noch in Brettheim geboren. Das württembergische Örtchen erinnert mit einer Gedenkstätte an die Geschichte der drei Brüder von Brettheim, die 1945 wegen der Entwaffnung einiger Hitlerjungen erhängt wurden. Sein jüngerer Bruder Stefan und er selbst haben in Rothenburg das Licht der Welt erblickt. Schon während der Schulzeit in der Tauberstadt fiel er mit seinen sportlichen Leistungen auf. „Früher wurden junge Talente noch gefördert. Heute ist der Sport das erste, was an unseren Schulen ausfällt“, bemängelt Hanselmann. Seiner Meinung nach ist Sport nicht nur Bewegung, sondern fördert wichtige soziale Kompetenzen wie den Teamgeist. Ob Turnen, Fußball oder Leichtathletik, alles hat bei dem jungen Rothenburger „gepasst“, wie man es auf fränkisch zu sagen pflegt. Mit Schnelligkeit im Sprint und sehr gute Leistungen in anderen Disziplinen im Rahmen der Leicht­atlethik lag die Entscheidung nahe, auf eine Kadersichtung (Talentauswahl) hinzuarbeiten. Die ehrliche Aussage des damaligen Bundestrainers Bert Sumser über die mangelnde Schrittlänge Hanselmanns war eine große Enttäuschung und ein ebenso großer Zeitverlust jahrelangen Leichtathletiktrainings. Eine andere Welt Motiviert durch seinen Freund Oliver Rosemann schnupperte Martin Hanselmann im Herbst 1982 in das allererste Training für „American Football“, aus dem später die „Franken Knights“ in Rothenburg entstanden sind. Natürlich faszinierte den damals Jugendlichen auch das amerikanische Leben, hinter den Kulissen der Illesheimer Kaserne aus der viele Footballspieler kamen. Dort fanden nicht selten Football-Treffen statt. Es wirkte alles amerikanisch: die Straßennamen, die Geschäfte und die Menschen. „In den USA wird der Sport von den meist privat finanzierten Schulen und durch Firmen gefördert. In den Highschools gehört der Sport zum Bildungssystem. Im amerikanischen Schulsport geht es um die Talentsichtung, ähnlich wie in der ehemaligen DDR“, erklärt er den Unterschied. Es existiert keinerlei Vereinssport. Jeweils ein halbes Jahr wird an den Schulen eine Sportart intensiv trainiert. Die Footballsaison beginnt im September und wird im Januar vom Basketballtraining abgelöst. Über den Sommer steht Baseball im Vordergrund. Football in Rothenburg zu spielen ist wie ein Stück Amerika in Franken. „American Football“ erfüllt seither das Leben des Martin Hanselmanns. Schnell stieg er zum Cheftrainer verschiedenster Vereine auf und brachte Spieler wie Mark Nzecho, Thomas Rausch, und Sohn Dominic Hanselmann in die Nationalmannschaft, um nur einige zu nennen. Die Freude am Football wurde für den ausgebildeten Bankkaufmann zum Lebensinhalt. Mit Hanselmann als „Head Coach“ gewann die deutsche Football-Nationalmannschaft die Europameisterschaft 2001 und die World Games 2005, zudem wurde die deutsche Auswahl 2005 EM-Zweiter und 2003 WM-Dritter. Außerdem war Hanselmann Prä­sident des Bayerischen Football-Verbandes. Derzeit arbeitet er als „Head Coach“ der „Stuttgart ­Surge“, eine von acht Mannschaften der European League of Football (ELF), die im Frühjahr diesen Jahres neu gegründet wurde. Robert Huber, der seit 1997 AFVD-Präsident ist, scheint in naher Zukunft einen Nachfolger zu bekommen. Immer öfter fällt der Name „Hanselmann“ für den Posten. „Ich bin eher der bessere Zweite, soll heißen, ich arbeite lieber am Menschen als mich um die Gesamt­politik des ,American Football‘ zu kümmern“, weiß er aus Erfahrung. Allerdings arbeitet er auch an sich und der sinnvollen Nutzung seiner ihm zur Verfügung stehenden Stunden eines jeden Tages. Er hat eine eigene Zeitrechnung für seinen Lebensalltag aufgestellt: „Der Tag hat 24 Stunden, davon brauche ich acht bis neun Stunden Schlaf“, gesteht er. Den Großteil der Zeit investieren die Menschen in den Beruf, der in Hanselmanns Augen zuallererst Spaß machen sollte. Das gibt Kraft und Motivation für berufliche Ziele. Aus diesem Grund beschloss er nach zehnjährigem „Bänkerdasein“, seinen Beruf an den...

Burgherr oder Mühlenbesitzer

Gerd Raisch erzeugt Strom in der „Ölmühle“ bei Creglingen Auf der Suche nach sich selbst durchstreifte Gerd Raisch 55 Jahre lang verschiedenste Länder wie Ägypten, Indonesien, Tibet und Indien. Die Lebensweise der eigenen Vorfahren und die Kultur fremder Völker zogen ihn von jeher in ihren Bann. Beruflich konnte er sich als ausgebildeter Elektroinstallateur und späterer Mitarbeiter im Controlling der Firma Alcatel (ein französischer Hersteller von Systemen und Geräten für die Telekommunikation) mehrere Wochen Urlaub erlauben. „Ich bin einfach ein Kulturfreak, der Länder und Menschen kennen lernen will“, erzählt er. Von seiner Jugend an träumte er davon, einmal in einer Mühle oder einer Burg sesshaft zu werden. Vor ca. 20 Jahren stieß der Weltenbummler per Zufall auf die „Ölmühle“ zwischen Münster und Creglingen, die sein künftiges Zuhause werden sollte. Die Nähe zum historischen Rothenburg und die Riemenschneider-Altäre in Detwang und in der Herrgottskirche schienen das richtige Umfeld für den Kulturbegeisterten zu sein. Drei Jahre lang pendelte der Visionär zwischen seinem neuen Domizil und dem Stuttgarter Arbeitsplatz hin und her. Die Geschichte der „Ölmühle“ erforschte Raisch natürlich auch ganz genau. Im Jahre 1737, als Lohe-, Walk- und Ölmühle konzipiert, wurde sie im Herrgottstal zur Herstellung von Gerbmitteln, Ölen sowie zur Veredlung und Verdichtung von Stoffen (Walken) genutzt. Durch die Erweiterung des Gebäudes und der Installation zweier Walzenmahlstühle im Jahr 1860 wurde sie zu einer „Altdeutschen Mühle“ erweitert. Der Umbau ermöglichte die Produktion von Ölen und Mehl. „Der Walzenmahlstuhl war damals der unmittelbare Vorläufer der Mahltechnik des künftigen Industriezeitalters,“ erklärt Raisch. Früher mussten die steinernen Mahlwerke im Gegensatz zu den Walzen, von Zeit zu Zeit geschärft werden, was mit einer Art Steinhammer geschah. Durch die neue Mahlart mit Walzen hatte sich diese Arbeit erübrigt. Später wurde das sogenannte Becherwerk, mit dem das Getreide aus dem Kornspeicher nach oben in den Mahlbehälter transportiert wurde, zur neuesten Errungenschaft in der „Ölmühle“. Das Einfüllen des Mahlgutes per Hand gehörte der Vergangenheit an. Beides ist in der „Ölmühle“ noch zu sehen. Die Stilllegung der Getreidemühle folgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis ca. 1970 wurde die Mühle für Schrotmahlgänge genutzt. „Viele Mühlen fungierten, wie auch die Lukasrödermühle in Rothenburg, noch lange zum Schroten von Getreide für Tierfutter“, erzählt der heute 75-Jährige. Was Gerd Raisch beim Kauf des Anwesens im Jahr 2001 nicht wusste, ist, dass er nicht im Besitz von Wasserrechten war. Irgendeinen Zweck sollte die Mühle jedoch in Zukunft noch erfüllen. „Ich fühlte mich zu der alternativen Stromerzeugung mit Wasserkraft berufen“, beschreibt Raisch seine damalige Zukunftsidee. Durchhaltevermögen gefragt Die Stromerzeugung mittels Wasserkraft lag nahe. Gemeinsam mit dem Mannheimer Ingenieur und Mühlenliebhaber Felix Körner ging es ans Werk. Er hatte damals die Lukasrödermühle rekonstruiert und war im Begriff, die Schwarzenmühle wieder herzustellen. Drei Jahre lang arbeiteten Raisch und Körner Seite an Seite an der technischen Installation zur Stromerzeugung per Wasserkraft. Im Jahr 2005 konnten die Wasserrechte wieder erworben werden. Der Antrag auf die Stromlieferung ins öffentliche Netz war eine besondere Herausforderung. Glücklicherweise konnte Gerd Raisch die im Stadtarchiv vorhandenen, für den Antrag notwendigen Angaben, die in der altdeutschen Schrift „Sütterlin“ verfasst waren, übersetzen. Aufgrund der geänderten Auflagen wurde die Stromeinspeisung sieben Jahre nach der Rückgewinnung der Wasserrechte erst im April 2013 möglich. Mit dem technischen „Know-how“ Körners konnte die Mühle als ein effektives Wasserkraftwerk zur Stromerzeugung in Betrieb gehen. „Es tat sehr gut, wie ich einmal mithören durfte, wie Bürgermeister Uwe Hehn dem Stadtbaumeister meine Probleme erklärt hatte“, freut sich Raisch über die stets moralische Unterstützung des Stadtoberhauptes. Mit viel Herzblut und hohen finanziellem Aufwand baute er sich ein gemütliches Heim. Gegenüber des Mühlengebäudes errichtete Raisch ein kleines Haus mit Holzlege und einem gemauerten Backofen. Auch für den Innenausbau im Wohnbereich hatte er ganz eigene Ideen. „Die Küche mit Zugang zu einer Vorratskammer wurde zu einem Raum. Dabei gab es so manche Überraschung. Die trennende Wand war aus leichtem Ytongstein, die sich mühelos entfernen ließ. „Als die Steine entfernt waren, stellte ich fest, dass dieses Mäuerchen eine...

Der Kulturgarten ist umgezogen

Im Pfarrgarten der Heilig Geist Gemeinde wird gemeinsam Gemüse und Obst angebaut Ob Jung oder Alt, neu hinzugezogen oder Menschen mit Handicap – alle Rothenburger dürfen mit anfassen und den neuen „Kulturgarten“ im Pfarrgarten der Heilig Geist Gemeinde mit gestalten und davon profitieren. Seit Ostern ist Pfarrerin Andrea Oechslen aus Erding bei München in die Tauberstadt gezogen und konnte sich gleich für die Idee des „Kulturgartens“ auf dem Pfarrgelände begeistern. Auf diese Weise kommen Rothenburger aus allen Altersstufen und sozialen Schichten zu ihr in den Garten – eine gute Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Die 920 qm große Fläche bietet viel Raum für eine kreativ gestaltete Gartenanlage, vielleicht sogar mit gemütlichen Sitzecken für ein „Päuschen“ mit „Pläuschchen“ im Schatten alter Bäume an heißen Sommertagen. Ob Familien, Senioren, Jugendliche, alle, die sich für den biologischen Obst- und Gemüseanbau interessieren, sind herzlich eingeladen, sich auf das gemeinsame Projekt einzulassen. Gemeinsam sollen Gartenfrüchte für den Eigenbedarf angebaut werden. Blüh- und Zierpflanzen sollen den „Kulturgarten“ harmonisch einrahmen. Geträumt und gemacht Der Kulturgarten ist aus der Aktion „Träumen und Machen“ von und mit Daniel Ried entstanden. Menschen trafen sich, um offen über eigene Visionen und Ideen zu sprechen, natürlich mit dem Ziel, diese mutig in die Tat umzusetzen. Anke Schrenk von der Stadt Rothenburg träumte von einem Gemüse- und Blühgarten, der für alle zugänglich ist. Gesagt, getan. Zur großen Freude der Einwohner entstand auf dem Gelände des Bürgerheims ein Gemüsegarten für jedermann. Die Coronasituation hat den Zugang der Anlage aufgrund von Kontaktbeschränkungen nicht mehr möglich gemacht, sodass es nur mit Mühe gelang, die Pflanzen in den Sommermonaten regelmäßig zu gießen. Das wird jetzt ein Ende haben, denn der neue Standort im Pfarrgarten der Heilig Geist Gemeinde bietet uneingeschränkten Einlass von der Spitalgasse aus. Ein großes, hölzernes Tor zwischen dem Eingang zur Heilig-Geist-Kirche und der Rossmühlgasse ermöglicht den direkten Zugang auch mit elektrischen Gartengeräten. Für die Lagerung der Gartengeräte gibt es vielleicht sogar auch schon eine Idee. Mit am Start ist die Heilpädagogin und Kunsttherapeutin Heidemarie Duwidziuk von der Rothenburger Diakoniestation. „Alle sprechen immer von Inklusion, aber an der Umsetzung hapert es noch sehr“, erzählt sie aus Erfahrung. Menschen mit Behinderung können mehr als man denkt. Sie haben im Kulturgarten die Möglichkeit, mit allen beteiligten Rothenburgern in Berührung zu kommen und gemeinsam viel zu erleben. „Es soll ein barrierefreier, niederschwelliger Austausch, eine Begegnung und gelebte Inklusion stattfinden können“, so der Wunsch von Anke Schrenk. Die beteiligten Menschen finden Bestätigung im gemeinsamen Tun und werden durch Ausprobieren auch motiviert zu weiterem Engagement in ihrer Stadt.Der Garten soll aber auch ein Lernfeld für urbane Selbstversorgung und ein Gegenentwurf zur Massenproduktion in der häufig schadstoffbelasteten Lebensmittelerzeugung sein.Für den Neustart des Kulturgartens werden immer helfende Hände aus allen Gesellschaftsgruppen in Rothenburg gesucht. Wer Freude am „Garteln“ mit Nachbarn hat, die er noch nicht kennt, kann sich im Internet unter www.kulturgarten-rothenburg.de informieren....

Aufbruch in ein neues Leben

Oliver Körber hat die Glasknochenkrankheit. Trotzdem lebt er Eigenständigkeit. Auf seinen physisch eigenen Beinen zu stehen, das war Oliver Körber noch nie vergönnt. Aber im ideellen Sinn auf den eigenen Beinen zu stehen, das packt er nun an. Seit September hat er eine eigene Wohnung in Rothenburg gemietet. Das war eine der Voraussetzungen, um den Antrag zum persönlichen Budget für Assistenz bewilligt zu bekommen. Zweieinhalb Jahre sind seit Antragstellung vergangen. Vor wenigen Wochen kam nun die Zusage vom Bezirk. Oliver Körber steht ein eigenes Assistenzteam von fünf bis sechs Vollzeitkräften zu. „Ich suche auf Hochtouren nach Menschen mit Erfahrung im Bereich Pflege“, sagt er. Oliver Körber lebt noch bei seinen Eltern. Er macht nun mit 42 Jahren, was andere mit 20 machen: Er will ausziehen und eigenständig werden. Oliver Körber hat die Glasknochenkrankheit (Typ 3). Eine sehr seltene Erkrankung, von der es nur rund 5 000 Betroffene in Deutschland gibt. „Ich bin schon mit gebrochenen Knochen auf die Welt gekommen“, erzählt er. Jammern hilft nicht Die ersten sechs Jahre habe er nur im Bett verbracht. Trotzdem hatte er in diesem Zeitraum um die 60 Knochenbrüche – kaum war der eine verheilt, kam der nächste. Gehversuche waren unmöglich und die therapeutischen und medizinischen Maßnahmen mit den heutigen Möglichkeiten nicht vergleichbar. „Insgesamt dürften es in meinem Leben so um die 100 Brüche gewesen sein“, meint er. Die Schmerzen seien wohl die gleichen wie bei Brüchen ohne Glasknochenkrankheit. „Vielleicht heilt es bei mir etwas schneller“, fügt er an. Er hat diverse Operationen hinter sich, bei denen seine Knochen mit Nägeln begradigt wurden. Aber mit den Jahren sei es besser geworden, kommentiert er. Wann er das letzte Mal beim Arzt war, weiß er schon gar nicht mehr. „Höchstens mal zur Routineuntersuchung beim Hausarzt“, erzählt er, „Mir geht es verhältnismäßig gut.“ Oliver Körber ist genau das, was man sympathisch unkompliziert nennt. „Die Krankheit ist ein Teil meines Lebens, aber nicht mein Leben“, ist seine Einstellung. Grundsätzlich müsse man sich mit den Rahmenbedingungen abfinden und „wenn ich schlechte Laune an den Tag lege, wird mein ganzes Leben schlechter“, sagt er. Trotz körperlicher Einschränkungen ist er seinen Lebensweg zielstrebig gegangen. Oliver Körber war auf dem Reichsstadtgymnasium. „Ich saß damals im Schieberollstuhl und hatte einen Zivi an meiner Seite“, erzählt er. Erst als er in der 8. Klasse war, gab es einen Aufzug im Gymnasium. Bis dahin hat ihn der Zivi im Rollstuhl die Treppe hochgezogen. „Das war natürlich nicht ideal“, kommentiert Körber. Oliver Körber kann seine linke Hand gar nicht benutzen, die rechte Hand nur zu 60 Prozent. „Ich hatte damals in der Schule schon einen Laptop“, erinnert er sich, „Das war ein cooles Teil.“ In jungen Jahren konnte er die Hand noch etwas besser bewegen und Mathematikaufgaben auf Papier schreiben. „Da musste mir aber jemand das Blatt festhalten“, erinnert er sich. Zielstrebig und motiviert Nach dem Abi war klar, entweder studiert er Mathe oder Informatik. „Mathe war das Fach, wo ich nie etwas lernen musste“, erzählt er. Letztendlich hat er sich doch für Informatik entschieden und bis 2007 an der Fernuni Hagen studiert. „Ich war Vorreiter im Bereich Videoprüfung“, erinnert sich Oliver Körber. Ein Universitätsmitarbeiter kam nach Rothenburg und er konnte unter Beobachtung zu Hause seine Prüfungen ablegen. Nach dem Studium übernahm er erst eine Stelle als Softwareentwickler für ein Consulting Unternehmen in Augsburg, bevor er wieder an die Uni zurückging. „Ich hatte einen Vertrag als Lehrassistent an der Uni Hagen“, so Körber. Zu dieser Zeit begann er auch seine Dissertation zu schreiben. Aber so wie es viele trifft, traf es auch ihn: der Vertrag wurde nicht verlängert. „Ich habe dann aus Zufall den Job meiner Schwester Katja übernommen“, erzählt Oliver Körber schmunzelnd. Die Nähe zur Informatik liegt in der Familie und er stieg als Softwareentwickler bei einer Ulmer Firma ein. „Danach hatte ich noch ein Stipendium an der Uni, um meine Dissertation weiterzubringen“, erzählt Körber. Ganz fertig ist sie noch nicht, aber das Thema dreht...

Der Letzte seiner Art

Korbflechter Fritz Wildermann Von November bis Mai sitzt er jeden Tag auf seinem Hocker neben der Heizung und lässt meterlange Weidentriebe durch seine Hände gleiten. Fritz Wildermann aus Reinsbronn beherrscht noch ein Handwerk, das ansonsten so gut wie ausgestorben ist: Der 85-Jährige ist einer der letzten Korbmacher. Sein Großvater hat das Wissen um das Handwerk an seinen Vater weitergegeben und der wiederum an seinen Sohn Fritz. „Als 17-Jähriger habe ich mit dem Korbflechten begonnen“, erinnert er sich. Fast 70 Jahre sind seither vergangen und längst sitzt jeder Handgriff perfekt. „Ich mache grundsätzlich alles nach Maß“, sagt Fritz Wildermann. Der Boden seines Standardkorbs hat einen Durchmesser von 35 cm, der obere Rand 50 cm. „So sieht es harmonisch aus“, weiß er aus Erfahrung. Seine Böden sind immer leicht nach innen gewölbt, damit sie stabiler sind. Mit einer Spannschnur richtet er die Weidentriebe für den passenden Korbumfang aus. Dann geht die Flechtarbeit los. Fritz Wildermann schneidet die Weidentriebe noch selbst. Das geschieht etwa im November. Nur einjährige Triebe eignen sich zum Korbflechten. Nach dem Schneiden werden die kleinen Äste ausgeputzt und die Weiden gebündelt. „Für jeden Korb brauche ich neben Material für Boden und Henkel 4 x 24 Weidentriebe“, sagt Wildermann. Für die ganz großen Körbe sind es sogar 4 x 28 Triebe. „Und für die großen Körbe braucht man schon Kraft“, weiß er und führt das „Zumachen“ eines Korbs vor. Weide für Weide wird über die andere gelegt und zum Schluss zeigt sich ein perfekt ineinander verwobener Rand. Fritz Wildermann achtet dabei akribisch darauf, dass die Rundung perfekt ist. „Die Weiden wollen manchmal nicht so, wie man selbst“, sagt er schmunzelnd. Zum Abschluss muss noch der Griff an den Korb. Wildermann erklärt: „Rechts ’rum wird gedreht und links ’rum gewickelt.“ Jeweils zwei Weidentriebe dreht er erst in die eine Richtung und wickelt sie dann um den Griffrohling. Nach einigen Minuten stellt sich dies als die perfekte Technik für bestens in der Hand liegende Griffe heraus. Und voliá, der Korb ist fertig. Etwa einen halben Tag braucht Fritz Wildermann allein für die Flechtarbeiten. „Das ist ein Hobby. Die Arbeitszeit kann man nicht rechnen“, sagt er. Heute ist seine Werkstatt im Heizungsraum seines Hauses, aber als er in jungen Jahren mit dem Flechten begann, hat er sich dazu nach Feierabend in den Kuhstall gesetzt. „Da war es warm“, erklärt er. Fritz Wildermann ist gebürtiger Reinsbronner, war Landwirt im Nebenerwerb und hauptberuflich 30 Jahre bei der Fenster produzierenden Firma Wolfa beschäftigt. Das Korbflechten war immer ein kleiner Nebenverdienst. „Jeder Bauer am Ort brauchte früher Weidenkörbe“, so Wildermann. Das Futter für die Kühe oder Heu zum Einstreuen wurde damit transportiert. Bei der Kartoffelernte kamen Körbe zum Einsatz und „noch heute brauchen manche Pferdebesitzer Weidenkörbe“, weiß er. In den 60er-Jahren hat Fritz Wildermann auch ovale Körbe für Schweine geflochten. Die hatten einen Durchmesser von 1,5 m und durften nicht zu hoch sein. „Darin wurden nämlich die Ferkel auf dem Schweinemarkt gezeigt“, sagt er, „Und die sollten im Korb möglichst groß wirken.“ Die Bauern brauchen heutzutage keine Körbe mehr und Fritz Wildermann muss andere Abnehmer finden. Ein Kollege aus Tauberrettersheim verkauft für ihn seine Körbe auf kleineren Märkten und dem Weihnachtsmarkt in Würzburg. Da durch Corona alles ausfiel, hat Fritz Wildermann nun einen ganzen Hänger voller Körbe in seiner Scheune stehen. Vor Corona kamen hin und wieder auch Interessierte zu ihm und haben sich das Korbflechten zeigen lassen. Aber richtig weitergeführt wird das Handwerk nicht, vermutet Fritz Wildermann....