Mit Herz und Verstand Jul01


Mit Herz und Verstand

Karl-Heinz Gisbertz (Pfarrer in Ohrenbach a. D.) lebt, was er glaubt

Karl-Heinz Gisbertz hegt und pflegt seinen Garten. Zum Vögelfüttern hat er eine spezielle Ausrüstung. Foto: ul

Karl-Heinz Gisbertz hegt und pflegt seinen Garten. Zum Vögelfüttern hat er eine spezielle Ausrüstung. Foto: ul

Ob auf der Kanzel oder im Garten, Karl-Heinz Gisbertz, Pfarrer a. D., ist der, der er ist. Authentisch und mit einer gesunden Portion Humor genießt er gemeinsam mit seiner Frau Heidi den Ruhestand in Ohrenbach, seiner letzten Wirkungsstätte als Gemeindepfarrer. Er liebt es, den Vögeln im Garten von seinem Arbeitsfenster aus bei der täglichen Mahlzeit zuzuschauen.

Arbeitsfenster? Ja, richtig gelesen, denn Ruhestand heißt bei Karl-Heinz Gisbertz, der über 39 Jahre im Dienst der Kirche stand, nicht gleich nichts tun. Denn als freiberuflicher Redakteur der Tageszeitung, als geistlicher Vertreter seiner Zunft und als Reisender nach Siebenbürgen ist er immer noch gerne aktiv.

„Heute kenne ich sie alle, die Stadträte und Aktiven in der Verwaltung, und habe gute Verbindungen zu ihnen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Er ist eben ein beliebter Zeitgenosse. Zum Schreiben kam er wie die Jungfrau zum Kinde. „Sie machen doch so schöne Fotos. Könnten sie nicht Bilder zum 80-jährigen Jubiläum der Bauernkapelle in Ohrenbach machen und ein paar Zeilen dazu schreiben“, wurde er von Dieter Balb, langjährigem Chefredakteur des „Fränkischen Anzeigers“, gefragt. Das ist jetzt 20 Jahre her.

Seit dem Renteneintritt ist er als Redakteur aktiver geworden und lässt sich jedoch weder vor den politischen noch vor den kirchlichen Karren spannen. Es ist für ihn ein wahrheitsgemäßer Dienst für die Öffentlichkeit.

Eigentlich wollte Karl-Heinz Gisbertz seinen Ruhestand in seinem Heimatort Burgbernheim verbringen. Allerdings ist seine Tochter Steffi mit Mann und Kindern in Ohrenbach zu Hause. Grund genug, den Ohrenbachern erhalten zu bleiben. Zu Hause, ja, das ist Burgbernheim, aber geboren wurde der Kirchenmann in Bad Windsheim. „Meine Mutter teilte mit drei weiteren werdenden Müttern aus der Region ein Zimmer auf der Geburtsstation. Nachdem alle vier Jungs das Licht der Welt erblickt hatten, einigten sich die Mütter auf den Namen Karl-Heinz“, sagt Gisbertz. Vier Neugeborene mit gleichem Vornamen. Das gibt es auch nicht alle Tage.

Von Gott geleitet

Groß geworden ist er mit den „Weißen Hauben“, wie der fidele Rentner die Diakonissen aus seiner Kindergarten- und Studienzeit nennt. Sie waren für ihn ein Vorbild an Menschlichkeit und Zuwendung und das auf Lebenszeit. Das war wohl der erste bleibende Eindruck christlicher Nächstenliebe. Allerdings war der Burgbernheimer Ortspfarrer Manfred Erstling „mit Schuld“ an seiner Entscheidung, Pfarrer zu werden. „Er war ein Mensch wie du und ich, gepaart mit einer gesunden Strenge und einer bibeltreuen Lebensweise, die mir zeigte, wie man den Glauben lebt“, erinnert sich Gisbertz heute noch. Großvater Hans Moll musste allerdings als Landwirt von dem Vorhaben seines Enkels, ein Geistlicher zu werden, erst durch einen verwandten Pfarrer überzeugt werden. Sein Argument: „Die Landwirtschaft mit zwei Pferden und ein paar Schweinen? Ganz ehrlich, das hat keine Zukunft“. Gesagt, getan, Großvater Hans unterstütze seinen Enkel fortan auch in finanzieller Hinsicht.

Und so studierte Karl-Heinz Gisbertz nach dem Abitur Theologie an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau. Studierende und Dozierende waren zu diesem Zeitpunkt noch in der Diakonissenanstalt Neuendettelsau und im ehemaligen Zisterzienserkloster Heilsbronn untergebracht. Auch dort erlebte er in eindrücklicher Weise den gelebten Glauben von seinen „Weißen Hauben“, den Diakonissen. „Ich durfte als Studiosus für nur 200 DM wohnen und essen“, erzählt er dankbar.

Ab 1980 war er Vikar in der St. Jakob-Kirche in Rothenburg, bevor er zwei Jahre später Pfarrer in Bischofsheim an der Rhön wurde.

Pfarrer Karl-Heinz Gisbertz (Mitte) wird nach seiner Ordination in Burgberheim von Ortspfarrer Claus Uhrlau (links) und Oberkirchenrat Rudolf Meiser (rechts) aus der Kirche geleitet. Foto: Privat

Pfarrer Karl-Heinz Gisbertz (Mitte) wird nach seiner Ordination in Burgberheim von Ortspfarrer Claus Uhrlau (links) und Oberkirchenrat Rudolf Meiser (rechts) aus der Kirche geleitet. Foto: Privat

Einer seiner berührendsten Momente war seine Ordination im Jahr 1982 in Burgbernheim. Oberkirchenrat Rudolf Meiser, ein ganzer Bus voll Gemeindegliedern aus Rothenburg, Gäste aus seiner Gemeinde in der Rhön sowie Studien- und Pfarrerskollegen waren zugegen. So viele „Weiße Hauben“, die ihn liebevoll den „Schwesterngogerer“, zu Deutsch „Menschenkümmerer“ nannten, ehrten ihn mit ihrer Anwesenheit. Heute gibt es keine jungen beruflichen Diakonissen mehr, die in Kindergärten oder Kliniken arbeiten wollen. „Sie ersparten den Krankenhäusern damals allein mit dem Auskochen der Spritzen rund 125 000 DM jährlich“, betont Gisbertz. 1985 wechselte er auf die Pfarrstelle in Wildenholz und Dorfgütingen, seine letzte berufliche Station vor Ohrenbach.

Christliche Vorbilder

Im Jahre 2004 hat Pfarrer Karl-Heinz Gisbertz sein Herz in Siebenbürgen verloren. Er machte sich mit ehemaligen Flüchtlingen und Interessierten das erste Mal mit einer Reisegruppe auf den Weg. Das war der 60. Jahrestag nach der Flucht der Siebenbürger-Sachsen. Die Reise ging in den Norden des Landes nach Deutsch Zepling. Im Jahr 2019 konnten 60 000 Euro Zuschuss für die Renovierung der dortigen Kirche durch die Bundesregierung erwirkt werden. Bedingung war, dass eine Körperschaft des öffentlichen Rechts den Antrag auf Zuschuss stellt. „Puh, das habe ich in meinem Amt als Kirchenvertreter gerade noch vor dem Eintritt in den Ruhestand geschafft“, bekennt er erleichtert und fügt hinzu: „Bei der Wiedereinweihung durfte ich meinen Talar anziehen und predigen.“

„Die Klöster in Siebenbürgen sind voll, die Bestattungen werden in heimischer Tracht begangen und bei einem Hausabendmahl am Krankenbett habe ich diesen tiefen Glauben der Menschen erlebt“, erinnert sich Gisbertz. Der Ortspfarrer fragte die Anwesenden zuvor, ob sich noch jemand mit Unversöhnlichkeit belastet fühlt. „Das kennen wir nicht mehr“, sagt Gisbertz bewundernd und fügt hinzu: „ Pfarrer sein, da geht noch mehr.“ Ein Berufskollege meinte nur: „Jetzt hast du dich auch mit dem ‚Transilvanikus-Virus‘ angesteckt. Den wirst Du nicht mehr los.“

Während seiner Zeit als Pfarrer lagen Karl-Heinz Gisbertz seine Gemeindeglieder am Herzen. Er hatte immer ein Ohr für alle Altersgruppen. Für die Jugend hatte er ein besonderes Händchen. Er war für jeden Spaß zu haben. „Auf einer Konfirmandenfreizeit sagten mir eines abends die jungen Leute höflich gute Nacht. Als ich den Gang zu meinem Zimmer betreten wollte, war dieser mit einem großen Brett versperrt, auf dem der Spruch stand ,Gute Nacht Karl-Heinz‘“, erzählt er den folgenlosen Vorfall mit einem Schmunzeln. Der einzige Weg ins Zimmer ging dann quer durch einen Ballsaal, der gefüllt war mit Menschen in Abendgarderobe.

Bei einer Ohrenbacher Motorradhochzeit wurde er auf dem Zweirad des Bräutigams mit wehendem Talar zum Gasthaus nach Reichelshofen gefahren. Spaß muss eben sein, ist die Devise des Pfarrers. Das wird wohl immer so bleiben, auch im Ruhestand. Denn wenn er gerufen wird, ist er bei seinen Menschen, hält Beerdigungspredigten, Hochzeiten oder Gottesdienste. Pfarrer sein ist eben kein Beruf, sondern eine Berufung, die nie endet. ul