Schnitt für Schnitt

Achim Pochert schafft Holzkunst mit der Motorsäge und gibt Kurse Ein überdimensionaler Bischof, ein riesiger Hüne, ein Weltrekord-Bär, eine Themenbank für den Garten oder kleinere Skulpturen – die Liste seiner Kunstwerke ist lang. Wenn Achim Pochert aus Niedersteinach sein bildhauerisches Geschick an starken Eichenstämmen beweist, gibt die Motorsäge den Ton an. Maschinenbautechniker ist er ursprünglich von Beruf. So richtig glücklich war er nie in seinem Job. Deshalb entschied er sich vor über 20 Jahren, als stolzer Besitzer der Motorradpension „s’Lichthaus” in Rosenfeld-Leidringen seinen Gästen auf geführten Motorrad-Touren die schönsten Ecken der Umgebung zu zeigen, um sie anschließend mit gutem Essen zu verwöhnen. Eines Tages quartierten sich Teilnehmer eines Blockhauskurses in seiner Herberge ein. „Ich lernte den Umgang mit der Motorsäge kennen und habe mir so manche Technik abgeguckt“, erzählt er. Mittlerweile ist er ein Bildhauer der Holzkunst. Alleine ist er mit dieser Leidenschaft nicht. Seine Frau, eine Rechtsanwältin und die gemeinsame Freundin Ludmilla Ens treten zu dritt bei sogenannten „Schnitz-Shows“ auf. Oft sind es Motivwünsche, die das Trio auf Firmenevents oder auf Märkten für seine Zuschauer gestaltet. Auch Aufträge von hölzernen Skulpturen jeder Größenordnung, Gartenbänke oder auch Schnitzkurse hat Achim Pochert unter dem Label „Kunst am Holz“ zu bieten. Einen gewissen Namen hat sich Joachim Pochert in der Motorsägenkunst bereits gemacht. Im Jahr 2017 schnitzte er mit einem siebzehn-köpfigen Team einen Weltrekord-Bären mit einem Gewicht von dreizehn Tonnen auf dem Gelände von Schloss Guteneck in der Oberpfalz. Knapp 10 Meter ragt das Ungetüm aus Holz in den Himmel über dem gotischen Anwesen. Aber damit nicht genug. Ein Steinzeitmensch am Lonesee entstand ein Jahr später aus einem 17 Tonnen schweren Holzblock mit sechs Metern Höhe durch vierzehn internationale Kettensägen-Künstler. Die gigantische Skulptur ist heute das Wahrzeichen des Sees und erinnert an die Lonetaler Eiszeitgeschichte mit...

Kleine Welten aus Papier

Stefanie Kallert bastelt Explosionsboxen für besondere Momente Ein Tempel, zwei Sonnenliegen, Palmen, Bikini, Badehose, Taucherflossen, Badeschlappen und sogar eine Sandburg sind zu sehen, wenn sich die Box plötzlich öffnet. Stefanie Kallert hat die Explosionsbox als Hochzeitsgeschenk gebastelt. Die Vermählten werden sich aufmachen zur Reise nach Bali. „Den Tempel kann man herausnehmen und zweifach befüllen“, erklärt sie. In einer der ausgeklappten Seiten steckt die Grußkarte. So ein Geschenk gibt es nicht von der Stange. Jedes Detail ist mit Liebe und Leidenschaft handgemacht. Kreativität drängt ans Licht Stefanie Kallert lebt in Hornau und kann von ihrem Atelier aus auf den Hornauer Weiher schauen. „Beim Basteln komme ich richtig zur Ruhe“, erzählt sie. Die Kunst war schon immer ihr Ding. Eigentlich wollte sie nach dem Abitur am Rothenburger Reichsstadtgymnasium Kunst studieren, aber die Vernunft hat sie zur Ausbildung als PTA bewogen. Ihre kreative Ader aber blieb bestehen. Seit etwa vier Jahren hat sie nun die Liebe zum Papier entdeckt und mittlerweile eine kunstfertige Perfektion erreicht. Jedes noch so kleine Detail ihrer Boxen, und davon gibt es unendlich viele, ist handgemacht. Explosionsboxen sehen von außen wie schmuckvolle Kartons aus. Hebt man den Deckel ab, klappen entweder alle vier Seiten der Box nach außen oder zwei Seitenwände bleiben stehen und zwei öffnen sich. Im Inneren kommt dann die Erlebniswelt aus den Händen von Stefanie Kallert zum Vorschein. Die erste Box hat sie für ihre Großtante gebastelt, die nach über 30 Jahren aus ihrer Wohnung ausziehen musste. „Die Box sieht von außen wie ihr Haus aus. Innen ist ein gemütliches Wohnzimmer“, sagt Stefanie Kallert. Die Box gibt es noch. Freunde und Bekannte waren begeistert von den Explosionsboxen und wünschten sich welche zur Hochzeit, zum Jubiläum, zu Weihnachten, zur Taufe. Der Prozess der Entstehung Stefanie Kallert packt seitdem die unterschiedlichsten Motive, Ideen oder Wünsche in ihre Boxen. Am Anfang steht ein Skizzenblatt mit ersten Ideen. Darauf hält sie Lieblingsfarben oder Kernwünsche der Boxempfänger und ebenso die Maßeinheiten fest. „Ich beginne dann mit den Accessoires“, erklärt die Hobbykünstlerin. Sie faltet Sessel, Liegen für einen Strandurlaub, Badeschlappen, Bikinis, Palmen oder Blüten aus Papier. Für eine gefaltete Sonnenbrille muss das Papier 2 x 2,6 cm groß sein. Ein Bikini für die Box zur Hochzeitsreise nach Bali entsteht aus 3 x 3 cm Papier. „Der Maßstab muss ja stimmen“, erklärt sie. Neben der Technik des Origami dreht sie auch Formen aus Papier (Quilling). Daraus entstehen dann Glocken für die Box zu Weihnachten, wunderschöne Blüten, Vögel aber auch Gefäße wie der Papierkorb in der Schulbox oder eine Sandburg in der Balibox. Auch wenn das Grundkonzept steht, die Arbeit im Detail geht ihren eigenen kreativen Weg. „Das ist ja das Spannende daran“, so Stefanie Kallert. Sind die Details fertig, stellt sie die Box her. Hierbei werden manchmal sogar Magnete in den Boden eingearbeitet, denn Elemente einer Box können auch herausnehmbar und befüllbar sein. Ein Seitenteil hat stets ein Griffloch für einen Grußkarte – natürlich auch individuell gestaltet. Zum Schluss wird der Deckel passgenau gefertigt. Stefanie Kallert legt auch hier Wert auf eine kunstfertige und ansprechende Gestaltung im Detail. Die Arbeitszeit, die in ein Projekt fließt, kann sie gar nicht genau benennen. Auf jeden Fall sind es viele Stunden. Und wenn sie gerade keine Explosionsbox bastelt, gibt sie VHS-Kurse (LKR Ansbach) im Fleurogami oder bastelt ganz besondere Grußkarten....

Mensch, Schaf & Natur sind eins

Ralf Fleischmann liebt die Hüthaltung seiner Schafherde Kurz nach Sonnenaufgang, gegen fünf Uhr morgens beginnt sein Tag. Schäfer Ralf Fleischman aus Roth macht sich gemeinsam mit seinen Altdeutschen Hütehunden Pia und Nero auf den Weg zu seinen wolligen Vierbeinern. Heute hat seine Herde die Nacht in ihrem Pferch auf den sanften Hügeln bei Erlbach verbracht und wartet bei seiner Ankunft schon sehnsüchtig auf das Erreichen der nächsten Weidegründe. Die Schafe verlassen sich darauf, dass ihr Hirte nahrhafte Weiden findet, sie gefahrlos führt und bei Verletzungen hilft. Für Ralf Fleischmann sind seine Schafe zum Lebensinhalt geworden. „Wenn Du einmal Schafe hast, dann kommst du nicht mehr weg von ihnen“, beschreibt der 28-Jährige seine Leidenschaft als Vollerwerbsschäfer. Angefangen hat alles mit einem großen Schäfer aus der Rother Region, den schon sein Großvater so gerne begleitet hat. Immer wieder gab es kleine Lämmer, die vom Muttertier nicht versorgt werden konnten. „Mein Großvater nahm sie mit nach Hause und zog sie mit der Flasche groß“, erzählt er weiter. Irgendwann entschied sich die Familie, ein paar „Flaschenkinder“ zu behalten, um sie zur Pflege der Streuobstwiesen ihres landwirtschaftlichen Betriebes einzusetzen. Auch Vater Klaus teilte die Leidenschaft der Schafhaltung. Aus den anfänglich zehn Mutterschafen wurden 120 Tiere im Nebenerwerb, die heute Vater Klaus und Sohn Ralf Fleischmann mit Liebe hüten. Seit vier Jahren sind sie Vollerwerbshirten mit 750 Merino- bzw. Schwarzkopfschafen und ca. 35 Ziegen. „Die Ziegen fressen im Gegensatz zu den Schafskolleginnen mit Vorliebe Büsche wie Weißdorn, Schlehen und Wacholder, wodurch eine Überwucherung auf den Magerwiesen verhindert wird. Nutzen und Geschichte der Schäferei Die Weideflächen sind geschützte Biotope, die ohne die Beweidung durch Schafe verbuschen würden. Denn sie fressen selektiv. Was stachelt, bitter oder giftig ist, wird stehengelassen. So kann Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Insekten entstehen, den es sonst nicht mehr geben würde. Der Naturpark Frankenhöhe gehört zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Magerwiesen sind besonders nährstoffarme Grünflächen, die wenig Ertrag bringen. Wanderschäfer wie Ralf Fleischmann sorgen für die Pflege dieser Naturschutzgebiete und tragen maßgeblich zu ihrem Erhalt bei. Eine Vielzahl an wilden Orchideen, Disteln, Enzian und Thymian finden hier einen nachhaltigen Lebensraum. Genau genommen begann das Zusammenleben von Schaf und Menschen vor über 10 000 Jahren. Aus der griechisch-römischen Kultur kennt man das Bild des Hirten mit dem Lamm; auch Jesus Christus wird als Hirte dargestellt. Den Schafen verdankt der Mensch Bräuche, Traditionen und Feste wie z. B. den historischen Schäfertanz in Rothenburg. Das Nutztier Schaf lieferte seit jeher Fleisch, Wolle, Milch, Häute und wird heute auch als Dünger in Form von Schafwollpellets verwendet. „Clemens Nähr nutzt sie zur biologischen Düngung der Schaubaumschule in Neusitz“, sagt der ehemalige Metallbauer Ralf Fleischmann. Aus dem Wollfett wird natürliches Lanolin für Kosmetika gewonnen und zur Imprägnierung von Outdoor-Kleidung genutzt. Die Rohwolle dient heute zunehmend als Dämmmaterial für Häuser. Kulturerbe Schäferei Seit 2020 ist die süddeutsche Wander- und Hüteschäferei im bundesweiten Verzeichnis des Unesco-Kulturerbes zu finden, das es zu schützen gilt. Deshalb setzen sich Regionalverbände für den Erhalt der so wichtigen Landschaftspflege ein. „Vor ca. vier Jahren wurden wir mit dem Bau eines Winterquartieres in Eichholz bei Leutershausen für unsere Tiere unterstützt“, erzählt Ralf Fleischmann. Ab November bis zum Jahresbeginn leben die Tiere in diesem Stall, der in zwei Bereiche unterteilt ist. Ein Futterbereich, der mit Futterbändern von 35 Metern Länge mit genfreier Gerste, Grassilage, Kraftfutter wie Mais und Mineralsalzen automatisch befüllt wird. Die andere Seite ist der Liegebereich mit sogenanntem Festmist, der über die Wintermonate immer wieder mit Stroh aufgefüllt und jetzt im August ausgemistet und als Dung auf die Felder gebracht wird. Zwischen Januar und Oktober ziehen die Fleischmanns, mal Vater, mal Sohn mit ihrer über 800-köpfigen Herde von Kühberg bei Gerstenfelden nach Kirnberg über Neusitz nach Schweinsdorf. Ende Februar bis Anfang März werden die treuen Gesellen geschoren und die Wolle verkauft. Langweilig wird so ein Tag nie. Gestützt auf seinen Hirtenstab beobachtet Ralf Fleischmann ständig seine „Mitarbeiterinnen“. Durch die trockenen Böden entstehen Unebenheiten und...

Ein Paradies für Mollige

Irene Sieber setzt in ihrem Laden „Bella Figura“ auf Farbe „Ich bin eine ganz Bunte“, sagt Irene Sieber strahlend. Sehr schick sieht sie aus in ihrem perfekt aufeinander abgestimmten Outfit in strahlend blauen Tönen. Nichts kneift und zwickt, der fein fließende Stoffe umhüllt sie makellos. Sie sprudelt vor Energie. „Ich war immer die Kleinste und Rundeste, aber auch die Fröhlichste“, erzählt sie. Seit 33 Jahren hat sie in Rothenburg ihren eigenen Modeladen „Bella Figura“, ein Paradies für Mollige. Fernab von Modelmaßen gibt es hier, was das Modeherz begehrt – und zwar in den schönsten Farben. Irene Sieber hat aber nicht nur schicke Mode von Größe 42 bis 60 in ihrem Laden. Sie hat auch eine Botschaft. „Ich möchte, dass die Frauen glücklich aus meinem Laden gehen“, sagt sie mit durchaus ernstem Nachdruck. Sie ist eine warmherzige Frau. Mit jedem Kleidungsstück gibt sie ihren Kundinnen auch eine Portion Selbstbewusstsein mit auf den Weg. Sie hat die Gabe, sich auf Menschen einstellen zu können. „Und dafür bin ich sehr dankbar“, meint sie. Irene Sieber kam dereinst auf Umwegen zu ihrem Traumjob. Sie hat Bürokauffrau in der Landwehrbräu in Reichelshofen gelernt, dann bei der Firma Wohlfahrt im Bereich Messen und Weihnachtsmärkte gearbeitet. „Ich war immer rund und vor 35 Jahren gab es für mich nur Kleidung in Schwarz, Braun oder Blau“, erinnert sie sich. Ein Zustand, der geändert werden musste. Mit einer Freundin durchstöbert sie die Läden in München. Auch da gab es nichts Flottes. „Also haben wir beschlossen, eine von uns macht einen Laden auf“, erzählt sie schmunzelnd. Ein mutiger Start Irene Sieber ist dann erst mal zu einer Messe für Umstandsmoden nach Paris gefahren und zu einer weiteren nach München. Dort fand sie einen Hersteller für lebensfrohe Mode in großen Größen. Im August 1988 hat sie ihre erste Ware bestellt, die im Frühjahr 1989 geliefert wurde. „Aber ein Ladengeschäft hatte ich noch nicht“, erzählt Irene Sieber. Tatkräftig wie sie ist, fand sich auch dafür die passende Lösung. Ihre Eltern hatten früher eine Metzgerei im Stadtgraben und die Räumlichkeiten standen zur Verfügung. Sie hat Geld in die Hand genommen, den Laden renoviert und am 11. März 1989 eröffnet. „Das Schaufenster habe ich pink, lila und grün dekoriert“, erinnert sie sich und fügt an: „Das hat die Menschen überfordert.“ Der Erfolg mit dem eigenen Laden ließ auf sich warten. Die ersten Jahre waren hart, aber Irene Sieber hat an ihrem Konzept festgehalten. „Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut“, sagt sie mit ihrem unerschütterlichen Humor. Nach sieben Jahren lief es dann richtig gut. Die Kunden blieben ihr nicht nur treu, sondern haben sie weiterempfohlen. „Das ist auch heute noch meine beste Werbung“, weiß sie. Im Jahr 2001 wurde sie vom mittelfränkischen Einzelhandelsverband als Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet. 2004 ist sie in neue Räumlichkeiten umgezogen. Ihre farbenfrohe Mode in großen Größen ist seitdem am Eckhaus in der Rödergasse, nahe dem Röderturm, zu finden. Irene Sieber kam als Seiteneinsteiger in die Modebranche. Mit diversen Weiterbildungen und Messebesuchen hat sie sich das nötige Fachwissen über Farben, Materialien und Schnitte angeeignet. Die Mode für Mollige muss passgenau sein und verlangt eine perfekte Schnittführung. Irene Sieber hat daher handverlesene Partner, die nicht normale Konfektionsmode einfach größer schneidern, sondern Modelle entwickeln, die auf die besonderen körperlichen Anforderungen der Frauen zugeschnitten sind. Wichtig ist ihr, dass die Kleidung in Deutschland bzw. der EU produziert wird. Auch ein Fair-Trade-Label für große Größen gehört zu ihren Partnern. Ganz neu sind farbenfrohe Modelle der Marke „Mohnmädchen“. Irene Sieber ist selbst begeistert. „Designt wird in Paris und gefertigt in Italien“, erklärt sie und streift über den seidenweichen Stoff. Einer der Renner bei „Bella Figura“ ist die Schlankmacherhose, die es in über 50 Farben gibt. „Da braucht man gleich zwei Größen kleiner“, sagt sie begeistert. Irene Sieber berät ihre Kundinnen feinfühlig. Kurven sind hier willkommen und müssen nicht versteckt, sondern nur gut in Szene gesetzt werden. Seit Neuestem bietet sie auf Voranmeldung...

Unterhaltsame Infos Aug02

Unterhaltsame Infos

Die Rothenburger Gästeführer vermitteln ein Gefühl für die Stadt Rothenburg ist eine faszinierende Stadt und in jeder Gasse, an jedem Platz gibt es Besonderes zu entdecken. Die Bedeutung der Sehenswürdigkeiten und deren historische Verwurzelung erschließt sich allerdings nur bei einer professionellen Führung. Die Rothenburger Gästeführer machen das mit Herzblut. „Die Stadt soll hängen bleiben“, fasst Stadtführerin Claudia Brand ihr Kernanliegen zusammen. Gemeinsam mit Ina Elser, Tanja Benz, Elena Kandert und Daniel Weber bildet sie den Vorstand des Vereins Rothenburger Gästeführer. Im Jahr 2006 wurde der Verein gegründet und zählt aktuell 47 Mitglieder, sowohl aktive Gästeführer als auch passive Mitglieder. „Alle unsere Gästeführer sind ausgebildet“, erläutert Daniel Weber. Der Verein setzt auf Qualität. Ein fundiertes Wissen und die Fähigkeit, dieses auch kurzweilig zu vermitteln, zeichnen die Rothenburger Führungen aus. Die Gäste sind schließlich im Urlaub oder zu Besuch und wollen eine gute Zeit in Rothenburg verbringen. Keine Aneinanderreihung von Jahreszahlen, sondern historische Infos, interessant und anhand von anschaulichen Geschichten vermittelt, sind das Erfolgsgeheimnis der Führungen. In unregelmäßigen Abständen (je nach Bedarf) bildet der Verein nach den Grundlinien des Bundesverbands der Gästeführer in Deutschland e.V. (BVGD) die eigenen Führer aus. Mit einer schriftlichen und mündlichen Abschlussprüfung müssen sich diese qualifizieren und sind danach als selbstständige Stadtführer im Einsatz. Bekanntes und Besonderes „Unser Führungsprogramm muss sich nicht verstecken“, sagt Daniel Weber. Die Rothenburger Gästeführer bieten mehrmals am Tag öffentliche Führungen in Deutsch, Englisch und Spanisch an (siehe Kasten unten). Ganz unkompliziert sammelt man sich am Marktplatz rund um den jeweiligen Führer – und schon geht es los. „Jeder von uns hat unterschiedliche Vorlieben“, erklärt Elena Kandert. Die Hauptsehenswürdigkeiten wie ein Blick Richtung Plönlein, der Marktplatz, ein Gang vorbei an der St.-Jakobs-Kirche, diverse Gassen und der Burggarten gehören zu jeder Führung. „Wir möchten die Gäste mit ihrem unterschiedlichen...

Tango im Schloss Aug02

Tango im Schloss

Im Kirchberger Schloss gibt es Tango Argentino-Kurse und Milongas Es ist Freitagnachmittag. Die Fenster des Rokokosaals von Schloss Kirchberg mit Blick auf den Rosengarten sind weit geöffnet. Schon im Schlosshof hört man leidenschaftliche Tangomusik erklingen. Seit knapp einem Jahr gibt es den Verein „Tango Hohenlohe-Franken e.V.“. „Wir bauen hier richtig was auf“, sagt Andreas Flaig, erster Vorsitzender des Vereins. Das Tangofieber hat den pensionierten Lehrer vor gut zehn Jahren selbst mit aller Wucht gepackt. Bei der Grande Dame des Tangos, Ute Frühwirth, die im alten Schulhaus von Dünsbach den Flair des argentinischen Tangos aufleben ließ, hat er wie viele die ersten Schritte gelernt. Dann folgten Workshops und viele Übungsstunden. „In Stuttgart kann man jeden Tag auf eine Milonga gehen“, so Flaig. Eine Milonga ist eine offene Tanzveranstaltung für Tangotänzer. Flaig wohnt in Kirchberg. „In Hohenlohe ist der Tango aber unterrepräsentiert“, so seine Erfahrung. Also lag die Idee nahe, selbst etwas auf die Beine zu stellen. In Schloss Kirchberg hat er perfekte Räumlichkeiten und die nötige Unterstützung gefunden. Mit acht Gründungsmitgliedern hat Flaig im November 2021 den Verein gegründet. Im April 2022 gab es ein großes Gründungsfest mit 200 Gästen. Seitdem wächst die Tangoszene in Kirchberg. An der Seite von Andreas Flaig ist Lars Rinas, als zweiter Vorsitzender und als zertifizierter Tangolehrer. In Berlin hat er seine Ausbildung gemacht und unterrichtet jeden Freitag neu begeisterte oder schon erfahrene Tangotänzer und -tänzerinnen. Von 17.15 bis 18.30 Uhr gibt es einen Basis-Kurs, von 18.40 bis 19.55 dann den Aufbau-Kurs. Loslegen kann hier jeder und auf Anfrage bietet Rinas auch eine kostenlose Schnupperstunde an. Innigkeit und Achtsamkeit In Kirchberg wird der Tango Argentino gepflegt. Das darf nicht mit dem Standard-Tango verwechselt werden. „Der Tango Argentino ist einmalig. Das kann man mit keinem anderen Tanz vergleichen“, so Andreas Flaig....

Die DNA  der Franken Aug02

Die DNA der Franken

Ausstellung „Typisch Franken“ Was genau ist typisch fränkisch? Eine einfache Frage. Die Antwort darauf ist jedoch alles andere als einfach. Bier, Bratwurst, Lebkuchen, Frankenwein und der Dialekt sind die gängigsten Klischees – aber da ist doch noch mehr. Das Haus der Bayerischen Geschichte konzipiert jedes Jahr eine Landesausstellung zu einem Gebiet oder Thema Bayerns. Noch bis 6. November dreht sich alles um Franken. Im Orangeriegebäude in Ansbach werden auf 900 m² Ausstellungsfläche die Wurzeln und Besonderheiten der Franken ins Visier genommen. Dr. Johanna Blume, Mitglied des vierköpfigen Kuratorenteams, erläutert das Frankenkarussell, das die Besucher am Eingang empfängt. Alltägliche Gegenstände, die die Begrifflichkeit Frankens einrahmen und die sicherlich jeder Besucher kennt, sind effektvoll arrangiert. Dabei soll und darf es aber nicht bleiben. Die Kuratoren haben tiefer gegraben und eine Art Wanderung durch neun Regionen Frankens konzipiert, die sich wie eine kulturgeschichtliche Zeitreise auf die Suche nach dem überlieferten Erbgut, der DNA der Franken, begibt. Frisch und ansprechend gestaltete, mit modernen Mitmachstationen und interaktiven Bildschirmen ebenso bestückt wie mit Jahrhunderte alten Objekten, wird so mancher Franke wohl selbst staunen. Franken, dieses oft belächelte Stück Bayern, kommt hier groß raus. Der Stadt Ansbach als Gastgeber zu Ehren geht es gleich los mit den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach. Sowohl der „Wilde Markgraf“ mit seiner Liebe zur Falknerei und der bürgerlichen Elisabeth Wünsch, als auch der letzte Markgraf, der aus Liebe abgedankt hat und Ansbach preußisch werden ließ, stellen sich vor. Ein Teil des heutigen Frankens hat also preußische Wurzeln. Im Gegensatz zu den Markgrafen steht Würzburg mit seiner bischöflichen Prägung. Die Schnitzkunst von Tilman Riemenschneider oder ein 1,20 m hohes Modell der Kathedrale von Münster Schwarzach, das Balthasar Neumann gefertigt hat, sind nur einige der Objekte, die die Blüte des Fürstbistums einfangen. „Wir zeigen etwa 150 Exponate“, erläutert Johanna Blume. Alle sind Leihgaben von Museen, Institutionen oder Privatpersonen. Etwa zweieinhalb Jahre hat das Kuratorenteam an der Realisierung des Projekts gearbeitet. Dabei werden alle Sinne der Besucher angesprochen – auch das Gehör. Ein Torbogen führt in das Gebiet der Reichsstädte, die bis etwa 1800 Franken prägten. Dabei ertönt ein Rasseln. „Das ist das Geräusch einer Lepraklappe“, so Blume. Vor den Toren der Städte waren die Leprosenhäuser und die Kranken machten mit Lepraklappern bei der Bitte um Spenden auf sich aufmerksam. Eine dieser Lepraklappen, eine Leihgabe des RothenburgMuseums, ist ausgestellt. Die Besucher erfahren aber auch Interessantes über die Blutgerichtsbarkeit der Reichsstädte und der damit verbundenen Herrschaftsansprüche. Franken wird auch geprägt von seinen Waldgebieten. Dem Fichtelgebirge mit seinen Bodenschätzen (bis zum Dreißigjährigen Krieg wurde hier Gold gefunden) oder auch dem Spessart mit seinem Räuberunwesen, einem breiten Publikum bekannt aus dem Film „Das Wirtshaus im Spessart“, wird in der Ausstellung Raum gegeben. Hochzeitspläne und Geschäftsideen Auf der Suche nach dem „Fränkischen“ darf das Bamberger Klosterland mit seinen Wallfahrten und Reliquien ebenso wenig fehlen wie ein Blick nach Coburg. Das kleine Herzogtum kam im 19. Jahrhundert durch eine geschickte Heiratspolitik zur Blüte. Auf einem Bildschirm spinnt eine Spinne fortwährend ihr Netz auf diesen Pfaden der Ehe. Die berühmteste Verbindung ist die von Königin Victoria von England und Prinz Albert. Zu sehen ist der originale Ehevertrag aus dem Jahr 1840. Was wäre Franken ohne Nürnberg? Eine Radierplatte von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1515, der Adidas-Stollenschuh von Max Morlock, edle Handwerksarbeiten aus Gold, Blechspielzeug, die erste AEG-Waschmaschine oder Fingerhüte, die Massenwaren aus dem 16. und 17. Jahrhundert, sind Zeitzeugen des Wirtschaftsstandorts Franken. Die Kuratoren haben auch die Geschichte der Juden in Franken, vor allem der typischen Wanderhändler, in die Ausstellung geholt. Und natürlich gehören die Nürnberger Gesetze aber auch die Prozesse gegen führende Repräsentanten des Deutschen Reichs nach dem Zweiten Weltkrieg dazu. Den Abschluss der historischen und soziokulturellen Tour durch Franken macht die Kurstadt Bad Kissingen mit ihrem berühmtesten Kurgast Reichskanzler Otto von Bismarck. Der Stuhl, auf dem er regelmäßig gewogen wurde, ist ebenso zu sehen wie die Pistole, mit der im Jahr 1874 ein Attentäter versuchte, ihn umzubringen. Dies alles hüllt...

Sinnfrage Aug02

Sinnfrage

Liebe Leser, hat Sie schon mal jemand gefragt, wofür Sie eigentlich brennen? Welche Passion prägt Ihr Leben, was ist der Motor, der Sie antreibt? Die Antworten auf diese Fragen sind gar nicht so einfach. Der Alltag mit all seine Routinen und Pflichten ist nicht gerade förderlich, um ein inneres Feuer zu entfachen. Gerade deswegen bin ich immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn ich auf Menschen treffe, die mit Leidenschaft ihren ganz eigenen Weg gehen. Und dafür muss man nicht an ferne Orte reisen oder sich verrückte Sachen einfallen lassen. Nein, diese Menschen leben mitten unter uns, zum Beispiel in Großharbach. Natascha Kettenacker macht seit 20 Jahren, was heutzutage en vogue ist: Sie lebt nachhaltig, im Einklang mit der Natur und weitgehend von selbst hergestellten Lebensmitteln (Seite 86). Ganz anders sieht es bei Andreas Flaig aus. Er brennt für den Tango Argentino und will in Kirchberg eine Tangoszene etablieren (Seite 12). Dass wir von ROTOUR selbst für Rothenburg brennen ist kein Geheimnis. Für diese Ausgabe haben wir die Rothenburger Stadtführer besucht. Klar, es ist ihr Job, den Gästen die Stadt zu zeigen, aber diesen machen sie mit Herzblut und entdecken immer wieder Neues im Altbekannten (Seite 16). Es ist uns ein Anliegen in ROTOUR zu zeigen, was es alles für Lebenskonzepte, Passionen, besondere Neigungen gibt – und zwar hier in Franken und Hohenlohe. Seit 18 Jahren machen wir dies und ein Ende ist nicht in Sicht. Nun müssen Sie nur noch herausfinden, wofür Sie brennen. Wenn Sie so weit sind, lassen Sie es uns wissen. Ihre Andrea...

August Aug02

August

Kultur Editorial: Lebensinhalte Ausstellung „Typisch Franken“ „KulturKino Feuchtwangen“ startet durch Jubiläumsbühne zum 25. Taubertal-Festival Tango Argentino im Kirchberger Schloss Erstes Wandertheater in Oestheim Mit Gästeführern auf den Spuren Rothenburgs Veranstaltungen Konzertsommertag Schoss Schillingsfürst Neues Kunstprojekt im Wildbad Film: Zeitzeugen am Campus Rothenburg Ausgehtermine Rund um die Frankenhöhe Wohin im Hohenloher Land Wirtschaft Individuelle Modeberatung bei Bella Figura Reichsstadt-Vinothek in Rothenburg Panoramafoto: Blick auf die Türme Hüteschäferei als Leidenschaft Rund ums RothenburgBad Information Rundgang durch die Jahrhunderte A walk through centuries TITELBILD: Fränkisches Landschaftsidyll: Hüteschäferei in Neusitz. Foto: ul Service Wohin ausgehen in Rothenburg? Sehenswürdigkeiten in deutsch/englisch Informationen von A bis Z Freizeitideen Impressum Gesellschaft Personalia: Natascha Kettenacker Kreative Explosionsboxen selbst gemacht Heimatküche: Weingenuss im Schloss Kursangebot: Holzkunst mit der Motorsäge Szenegeflüster: Theaterclub in Aktion Fritz Klinglers Gedicht:...

Träume sind keine Schäume

Lebenstraum e. V. hilft jungen Menschen neue Perspektiven zu finden Abitur, Mittlere Reife oder gar ein abgeschlossenes Studium – und dann? „Wer bin ich, was kann ich und wo will ich hin?“ Der Lebenstraum e. V. in Uffenheim hilft jungen Erwachsenen, sich während einer zehnmonatigen Wohngemeinschaft mit Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren Fragen wie diesen zu stellen. Hanna (Erzieherin, Coach) und Stephan (Theologe, Mediator) Münch haben den Verein Lebenstraum aus eigener Initiative im Jahr 2013 gegründet. Es war und ist ihr eigener Traum, jungen Menschen neue Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Berufspraktika sollen helfen, individuelle Fähigkeiten und Interessen zu erkennen, um den nächsten Schritt in die richtige Richtung zu finden. Während der gemeinsamen Zeit im ehemaligen Bahnhofshotel geht es aber nicht nur um die berufliche Orientierung, nein, auch persönliches Wachstum steht hier im Vordergrund. Angelernte Denkmuster erkennen, Kommunikationsfähigkeit und soziale Kompetenzen fördern, Talente entdecken und den christlichen Glauben leben, das sind die Anliegen, die Hanna und Stephan Münch mit dem Lebenstraum e. V. verfolgen. Ein persönlicher Mentor steht für Einzelgespräche bereit. Aber was hat das mit der Bibel zu tun? „Wir haben am eigenen Leben erkannt, dass das Wort Gottes eine Anleitung des Lebens in sich trägt“, so Stephan Münch. Anfangs geht es erst einmal darum, seinen Platz in der Gruppe zu finden, ggf. Konflikte zu bewältigen und das eigene Verhalten zu reflektieren – immer basierend auf biblischen Grundwerte. Gegenseitiges Feedback spielt dabei eine wichtige Rolle. Durch Seminare von fachkundigen Dozenten, regelmäßiges Bibelstudium und praktische Einheiten lernen die jungen Menschen das Wort immer besser kennen. Stephan Münch (ehemaliger Missionar) ist der Meinung, dass Glaube und praktisches Tun eng zusammen gehören. Deshalb wird nicht nur biblisches Wissen angehäuft, sondern gewonnene Erkenntnisse in sozialen Projekten (Kinderangebote, Altenheim, offene Jugendarbeit) und im eigenen Leben praktisch in die Tat umgesetzt. Bei verschiedenen Einsätzen wie der Jugendhilfe in Rumänien kann sich jeder gemäß seiner Talente selbst ausprobieren. „Die Jugendlichen sollen bei Hausaufgabenbetreuung, gemeinsamen Mahlzeiten und christlicher Orientierung ein Gespür dafür bekommen, dass der deutsche Standard nicht selbstverständlich ist, so Stephan Münch weiter. Bei sogenannten Sofa-Abenden in der WG kommen „Leute wie Du und ich“ zu Wort und erzählen, wie sie biblische Werte am Lebensalltag messen und festigen konnten. Während der Sommercamps für Ehemalige trifft man sich wieder und kann gewonnene Ziele noch einmal reflektieren. Lebenstraumerfahrung „Isabel Zielsdorf, eine junge Frau aus Hessen kam nach dem Abitur zu uns und war recht antriebslos und ohne Lebensperspektive, erzählt Stephan Münch. Beim Kennenlerngespräch gemeinsam mit den Münchs und ihren Eltern fühlte sich Isabelle gleich zu Hause. „Es lag an Hanna – ich hatte durch ihre herzliche und einfühlsame Art das Gefühl, sie schon ewig zu kennen“, erinnert sie sich. Persönlichkeitstraining, Vertrauensübungen und viele Seminar-Angebote haben ihr so manchen Knackpunkt in ihrer Vergangenheit offenbart. Ein positiver Prozess wurde in Gang gesetzt. Sie hatte eine sehr behütete Kindheit, mit liebevollen Eltern aber dennoch schien einiges schief gegangen zu sein. „Ich habe es bei einem Heimaturlaub mit meinen Eltern reflektiert und klären können“, erzählt sie dankbar. Zurück in der WG war sie erstaunt, wie sehr sie von ihren Lebenstraummitbewohnern vermisst wurde. „Obwohl wir Tag für Tag zusammenlebten und uns auch einmal aneinander rieben, haben sie mich dennoch so genommen wie ich bin“, erzählt sie. Isabel zog sich häufig in ihr Zimmer zurück. Ihre Mitbewohner luden sie immer wieder zu Aktivitäten ein, um Zeit mit ihr zu verbringen und sie aus ihrem „Mauseloch“ herauszulocken. Mit der Zeit traute sie sich, die morgendliche Bibellese mit ihrem Klavierspiel zu begleiten und sich beim Persönlichkeitstraining auch einmal herausfordern zu lassen. All das hat mich wohl gesund gemacht“, ist sie sich sicher. Ihr Fazit: „Ich habe mich durch die empathische Begleitung, die Workshops und die Praktika besser kennengelernt und erkannt, dass ich mathematisches logisches Denken in einem elektrotechnischen Beruf umsetzen möchte. Heute macht Isi (Spitzname) eine Ausbildung als Elektronikerin für Automatisierungstechnik bei der Firma Neuberger in Rothenburg und hat gleichzeitig eine neue christliche Heimat gefunden....

Andenken

Koffer voller Erinnerungen für Demenzkranke Schlager wie „Ein Freund, ein guter Freund“ von Heinz Rühmann, ein Wäschestampfer oder Bilder von Fußball-Legenden wie Uwe Seeler – all das weckt Erinnerungen. Ihr ganzes Elternhaus steckt voller Gegenstände aus den 50er und 60er-Jahren. Christa Mc Naughton aus Brunst bei Leutershausen ist heute selbst schon im Ruhestand. Sie hat mehr als 45 Jahre als Kinderkrankenschwester in der Cnopfschen Klinik und als Beschäftigungstherapeutin für Demenzkranke in der Tagespflege Rothenburg gearbeitet. „Die Leute wollen immer etwas hören oder etwas in die Hand bekommen. Das ist das Einzige, was sie oft noch wahrnehmen“, sagt sie. Von einer Tante hatte sie einen Koffer gefüllt mit alten Sachen bekommen. Den hatte sie eines Tages ihren demenzkranken Senioren gezeigt. Schon wenn sie den Raum in der Tagespflege betritt, kommen Kommentare wie „Ah, so einen Koffer hatten wir auch mal“. Oder sie rufen ihr freudig entgegen: „Christa, was hast Du uns heute mitgebracht?“ Christa Mc Naughton setzt ihre Schützlinge in einen Kreis. Jeder darf sich ein Stück zur Hand nehmen und in alten Erinnerungen schwelgen. Promt erzählen die Menschen Geschichten aus ihrem Leben, an denen sich viele Mitpatienten mit eigenen Erlebnissen beteiligen. Wenn die Senioren nach Hause kommen, stellen selbst die Angehörigen fest, wie aufgeweckt und redefreudig sie plötzlich sind. Selbst bei stark Demenzkranken kommen lichte Momente zutage wie beispielsweise der gemeinsame Waschtag mit der Mutter an jedem Montag der Woche. „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.“ Mit diesen Worten beschreibt der Dichter Jean Paul die Bedeutung und den Wert des Erinnerns und Erzählens. Mittlerweile hat die Rentnerin über 60 alte Koffer gefüllt mit Gegenständen zu Themen aus den verschiedensten Lebensbereichen wie Hochzeit, Werkzeuge unterschiedlicher Handwerksberufe, Wasch- oder Nähutensilien und einen Kofferplattenspieler mit Schlagern, die an die erste Liebe...

Lebendige Geschichte

Alfred Albrecht führt mit Leidenschaft und Wissen durch Schloss Kirchberg „Keine Angst, ich bin nicht der Schlossgeist“, sagt Alfred Albrecht nach einigen einleitenden Worten. Um ihn herum hat es sich eine Gruppe von Männern und Frauen im Schlossmuseum bequem gemacht. Albrecht achtet darauf, dass jeder einen Sitzplatz hat, ihn sieht und gut hört. Seit 2005 führt er interessierte Gruppen durch das Kirchberger Schloss – und zwar mit Leidenschaft. Alfred Albrecht, agile 79 Jahre alt, kam im Jahr 1956 als Junge mit seinen Eltern aus dem Sudetenland nach Hohenlohe. Die älteren Flüchtlinge hätten damals im Schloss eine Unterkunft gefunden, erinnert er sich. Das Schloss war für ihn also von Beginn an präsent. Engagiert für die Heimat Mit seiner Frau, die er – wie es der Zufall will – auch im Schloss kennenlernte, hat er ein 200 Jahre altes Haus nur einen Steinwurf vom Schlossareal entfernt gekauft, entkernt und restauriert. Seit 50 Jahren lebt er dort. Gearbeitet hat er 46 Jahre lang in Crailsheim in einem Innendekorationsgeschäft. In Kirchberg hat er sich stets engagiert: Er war knapp zehn Jahre Vorsitzender des Vereins Liederkranz Kirchberg und über 22 Jahre dessen Chronist und Schriftführer. Er ist Gründungsmitglied des Museums- und Kulturvereins (und war zehn Jahre Kassier). Seit über 20 Jahren ist er CDU-Mitglied und war von 1980 bis 1984 Gemeinderat und Fraktionsvorsitzender. Seine Liebe zur Heimatgeschichte hat er schon als Junge in der Schulzeit entdeckt. Eugen Schmidt hieß sein Lehrer. „Den habe ich mit meinen Fragen gelöchert“, erinnert sich Albrecht. Ihm sei Dank, dass er das Interesse des Jugendlichen ernst genommen und gefördert hat. Es sollte aber noch eine ganze Zeit lang dauern, bis Alfred Albrecht sein Wissen weitergeben konnte. „Am 29. September 2001 habe ich meine erste Stadtführung gemacht“, erzählt er. Er weiß das so genau, weil er...