Schwarze Kunst Okt01

Schwarze Kunst

Sommers Altes Druckerei-Museum In der heutigen digitalen Welt ist es schwer vorstellbar, welch großer Aufwand einst hinter einem gedruckten Buch oder einer Zeitung steckte. Das Museum „Sommers Alte Druckerei“ in Feuchtwangen gibt einen praktisch-lebendigen Einblick in das traditionelle Handwerk. Bei einer Besichtigung der Lagerhalle mit alten Druckerpressen und Setzerwerkzeugen rief der Feuchtwanger Bürgermeister Patrick Ruh aus: „Das muss erhalten bleiben“. Der erste Mann der Stadt bat den Besitzer Peter Sommer im Jahr 2012 um eine Ausstellung im Rahmen der Kreuzgangspiele. „Dann mache ich Ihnen ein Museum“, versprach Ruh. Bereits am 11. April 2013 wurde das Museum „Sommers Alte Druckerei“ eröffnet. Hier lassen sich die Anfänge der „Schwarzen Kunst“ bis in die 80er Jahre praktisch nachverfolgen. Alle Maschinen sind noch vollkommen funktionsfähig und werden in Workshops für Schulkinder oder Kindergartenkinder genutzt. Die Teilnehmer setzen und drucken beispielsweise eine Druckplatte durch Eindrücken von Motiven in einer Styroporplatte nach fachkundiger Anleitung. Die Druckplatte kann bunt eingefärbt und auf Papier oder eine Leinentasche gedruckt werden. Führungen für Klassen, Besuchergruppen aber auch für Einzelpersonen geben einen faszinierenden Einblick in die Welt des traditionellen Buch- und Zeitungsdrucks. Reiner Haimerl, studierter Papierverarbeitungstechniker, leitet das Museum nach dem Tod von Peter Sommer im April 2020 weiter. Der immer zu einem Späßchen aufgelegte Druckfachmann hat viel Freude daran, nicht nur jungen Menschen das Handwerk seines beruflichen Lebens praktisch nahezubringen. „Sommers Alte Druckerei“ ist ein Museum zum Anfassen und Selbermachen. Was Gutenberg wirklich erfand Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg (1400 bis 1468) erfand die Druckerpresse; Gutenberg entwickelte den Buchdruck mit beweglichen Lettern. All das sind Aussagen, von denen keine wirklich stimmt. Bewegliche Druckbuchstaben (Lettern) werden einem chinesischen Schmied um 1040 zugeschrieben und das koreanische Werk „Jikji“ gilt als das älteste erhaltene, mit Metall-Lettern gedruckte Buch überhaupt. Also, was ist denn nun der Verdienst Gutenbergs? Im...

Andenken jüdischen Lebens Okt01

Andenken jüdischen Lebens

Ahnenforschung auf dem Friedhof und in der Synagoge in Michelbach an der Lücke Umringt von leicht wogenden Getreidefeldern, unter alten Bäumen von einer starken Natursteinmauer begrenzt, liegt der jüdische Friedhof im Hohenlohischen Michelbach an der Lücke. Das Land ist flach, leicht hügelig und mit Waldstücken umsäumt. Wenn man sich dem jüdischen Friedhof nähert, fällt seine Lage am Rande des Ortskerns auf. Die Beobachtung führt zu einem zentralen Punkt jüdischen Verständnisses – der Friedhof gilt als Ort des Friedens, der Ruhe und der freudigen Erwartung auf das Kommen des Messias. Die Grabordnung sieht deshalb eine Ausrichtung nach Osten in Richtung Jerusalem vor. Das hebräische Wort für Friedhof ist „bet olmin“, das heißt „Haus der Ewigkeit“ und findet sich fast auf jedem Grabstein. Die Toten ruhen in ihren Gräbern bis zum jüngsten Tag und sollten weder durch Friedhofsarbeiten noch durch Grabräumungen gestört werden. Die Angehörigen besuchen die Grabstätten, die nur einmal belegt werden eher seltener, um die Ruhenden nicht zu stören. Auffällig ist, dass lediglich die aufgereiten Grabsteine ohne Umrandung und Blumenschmuck auf einer großen Rasenfläche ein typischer Anblick jüdischer Friedhöfe ist. Statt einer bunten Bepflanzung legen Angehörige einen kleinen Stein auf das Totendenkmal. Dieses Ritual stammt aus der Zeit, in der Juden auf der Flucht aus Ägypten durch die Wüste zogen. Damals brachten die Angehörigen zur Bestattung und zu späteren Besuchen kleine Steine mit und schichteten sie auf dem Grab auf. Die Grabinschriften in Michelbach wurden zunächst ausschließlich in hebräischen Schriftzeichen angebracht und später in deutscher Schrift ergänzt. Symbole wie der Davidstern, ein Schofar (Widderhorn, Hinweis auf Ehrenamt), ein Beschneidungsmesser oder segnende Hände als Zeichen eines Nachkommens des Priesters, deuten auf das orthodoxe Glaubensleben hin. Frauen dürfen Beerdigungen nicht beiwohnen und den Männern wird beim Friedhofsbesuch eine Kopfbedeckung vorgeschrieben. Kulturgut bleibt erhalten Die letzte jüdische Ruhestätte (von 1840) mit der dazugehörigen Synagoge im Michelbacher Ortskern (eine der ältesten Baden-Württembergs) aus dem Jahr 1756 zeugt heute noch von Geschichten aus der Vergangenheit. Die Juden, die um 1700 aus Rothenburg vertrieben worden waren, ließen sich möglichst nahe der alten Heimat, so auch hier und in vielen anderen umliegenden Dörfern nieder. Fast 200 Jahre alt sind die Siedlungen rund um Rothenburg, woran ein jüdischer Kulturwanderweg erinnert. Der im Jahr 2017 von Bad Mergentheim, Weikersheim, Wallhausen, über Crailsheim, Schwäbisch Hall bis nach Berlichingen verlaufende Weg, führt vorbei an ehemaligen jüdischen Gemeinden mit KZ-Gedenkstätten, Friedhöfen, Synagogen, Mikwen und mehr. Welch glücklichem Umstand verdankt der Michelbacher Friedhof noch immer seine Existenz? Es wäre keine große Sache gewesen, die Mauern einzureißen und die Grabsteine zu beseitigen. Die Nazis haben bekanntlich nicht lange gefackelt, wenn es um die Zerstörung jüdischer Kulturstätten ging. War es seine Bedeutungslosigkeit im Vergleich zu anderen Hinterlassenschaften oder ist der Friedhof einfach nur in Vergessenheit geraten? In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 rückte die hiesige Hitlerjugend in Michelbach an, um die Synagoge in Brand zu setzen. „Die Getreidescheune des örtlichen Brauereibesitzers lag angrenzend an das Gotteshaus. Der Mann von beachtlicher Statur verhinderte die Zerstörung, so wird behauptet“, erklärt Christel Pfänder, 2. Vorsitzende des Fördervereins Synagoge Michelbach e.V. Vor 20 Jahren wurde der Verein zum Andenken jüdischen Lebens in Michelbach gegründet. Seither lebt die Synagoge als Museum mit Lesungen, Konzerten und Führungen wieder auf. „Wir wollen anknüpfen an das gute Zusammenleben zwischen Juden und Christen, das in unserem Dorf einst eine Selbstverständlichkeit gewesen war“, so Christel Pfänder. Wichtig sei auch über die Kultur jüdischen Lebens zu informieren, um das Verständnis in der Bevölkerung zu fördern. Ihr Wunsch wäre es, beide Kulturen mit gemeinsamen, traditionellen Gerichten an einen Tisch zu bringen. Ahnenforschung in Michelbach Christel Pfänder verbindet seither eine immer tiefere Beziehung zur jüdischen Kultur, besonders am Herzen liegen ihr jedoch die entstandenen Kontakte zu Nachkommen der Verstorbenen auf dem Michelbacher Friedhof. Der Münchner Statistiker Dr. Ulrich Hornsteiner erfuhr nach langem Suchen den Namen seines Großvaters. Heute weiß er: Sein Opa hieß Moritz Jandorf, war Jude und zeugte 1927 in einer außerehelichen Liaison Hornsteiners Vater...

Kunst mit Partizipation Okt01

Kunst mit Partizipation

Die Künstler von Breathe Earth Collective binden die Rothenburger mit ein Eine Klimakultur als globale Bewegung, das wünschen sich die fünf Künstler des Breathe Earth Collective aus Graz. Sie sind die vierten Teilnehmer des Art Residency Projekts im Wildbad Rothenburg. Jedes Jahr wählt eine renommierte Jury Einzelkünstler oder eine Künstlergruppe aus, die ein Kunstwerk für den Park des Wildbads entwickeln, das dann auf Dauer dort zu sehen ist. Die Österreicher, die mit ihrer temporären Klimainstallation des österreichischen Pavillons für die Expo in Mailand (2015) für Aufsehen gesorgt haben, stehen nun kurz vor der Vollendung ihres Werks in Rothenburg. Am 15. Oktober wird ihre Installation im Rahmen eines Kunsttags der Öffentlichkeit übergeben. Und eben jene Öffentlichkeit spielt dabei eine ganz besondere Rolle. Individueller Zugang Das Breathe Earth Collective steht üblicherweise für eine architektonische Raumgestaltung, die Luft und Klima bewusst erleben lässt. Die fünf Künstler Karlheinz Boiger, Lisa Maria Enzenhofer, Andreas Goritschnig, Markus Jeschaunig und Bernhard König kommen aus den Bereichen Architektur, Landschaftsarchitektur oder bildender Kunst. Aktuell haben sie zwei permanente Klimakunstwerke in Wien realisiert, für 2021 entwickeln sie ein Kunstwerk für den verschobenen Klima-Pavillon in Graz. Bei ihrer Arbeit im Wildbad haben sie nun schon eine beinahe perfekte Natur vorgefunden. „Dieser Raum macht uns bewusst, wie unperfekt wir sind“, so Andreas Goritschnig. Das Anliegen der Künstler kann hier also nicht sein, Luft zu säubern. Vielmehr wollen die Fünf in Rothenburg Klimakultur betreiben. Arbeit mit den Bürgern „Um in eine nachhaltige Zeit einzutreten, muss sich noch viel ändern“, sagt Markus Jeschaunig, „Wir wollen aber keine fertigen Lösungen anbieten, sondern zur klimabewussten Einkehr anregen.“ Die Reflexionen der Künstler, die seit vielen Jahren miteinander arbeiten, gingen hin zur Einbindung der Menschen. An zwei Wochenenden haben die Kreativen die Einwohner zu offenen Ateliertagen eingeladen. Die Resonanz war beeindruckend. Der erste Zyklus widmete sich dem Erleben der Natur mit allen Sinnen. „Wir haben aus Wildkräutern Essenzen, Destillate oder Sirup gemacht“, so Bernhard König. Die zweite öffentliche Entdeckungsreise war als Luft-Poetik-Workshop angelegt. Die Künstlergruppe will mit ihrer Installation den Luftraum, um den es bei allen Klimabelangen geht, erlebbar machen. „Wir spannen Narrative auf“, so König. Wie genau das aussehen wird, soll bis zum 15. Oktober eine Überraschung bleiben. Die Künstler hätten natürlich selbst Schriftzüge oder Wörter entwerfen können. Aber das wollen sie nicht. Vielmehr moderieren sie den Prozess im Rahmen der Textwerkstatt und filtrieren daraus die künstlerische Essenz. „Wir gehen wieder, aber die Schrift bleibt“, erklären sie. Die Kunst hat so die DNA der Menschen vor Ort aufgenommen. Die Künstler können sich selbstleuchtende Buchstaben vorstellen, aber ebenso auch auf Stäbe gesteckte und mit Spots beleuchtete Wörter oder schwebende Schriftzüge. Die Kunst soll einen Waldspaziergang der besonderen Art initiieren. Ein „Wild-Wald-Baden“, das den Einzelnen zu mehr Klimasensibilität inspiriert....

Der Ring zieht weiter Okt01

Der Ring zieht weiter

Der Gottlob-Haag Ehrenpreis „Der Ring nähert sich wieder dem Ort an, wo er herkommt“, stellt Thilo Pohle fest. Noch bis 25. Oktober ist er repräsentativ für die Dokumentarfilmgruppe Rothenburg der Träger des Gottlob-Haag-Rings. Nach zwei fränkischen Ringträgern fiel nun die Wahl auf neue Vertreter aus Hohenlohe: Maria und Peter Warkentin vom Russland-Deutschen Theater in Niederstetten erhalten am 25. Oktober von Thilo Pohle den Ehrenring. Seit 1994 gibt es die Auszeichnung. Gottlob Haag (1926 – 2008) selbst hat den Ring die ersten fünf Jahre getragen. Haag lebte in Wildentierbach, nur wenige Kilometer von Niederstetten entfernt. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Lyriker und Dichter hat nicht nur im Bereich der Mundartdichtung viele Auszeichnungen erhalten, sondern hat der Seele einer ganzen Region Worte verliehen. Helmut Frauenberger, vor wenigen Jahren verstorben, war mit Gottlob Haag befreundet und initiierte den Ehrenpreis. Frauenberger, der von Beruf Goldschmiedemeister war, gestaltete auch den Ur-Ring, der seitdem für jeden Ringträger neu angefertigt wird. Das Ehepaar Warkentin ist der siebte Ehrenpreisträger. „Wir waren sehr überrascht, dass uns der Preis überreicht wird“, sagt Peter Warkentin. „Und es ist uns eine Ehre“, ergänzt Maria Warkentin. Über 25 Jahre lebt das Ehepaar Warkentin in Niederstetten. Die Russland-Deutschen sind ganz bewusst in den beschaulichen Ort in Hohenlohe gekommen, denn hier hatten ihre Schauspiel- und Studienkollegen Viktoria Gräfenstein und David Winkenstern im Jahr 1994 das Russland-Deutsche Theater gegründet. Maria und Peter Warkentin studierten an der Schtschepkin-Theaterhochschule in Moskau und waren Mitbegründer des Deutschen Schauspieltheaters in Temirtau und später in Alma-Ata in Russland. Bis zum Zusammenbruch der Ostregierungen brachten sie nicht nur deutsche Dichter in Russland auf die Bühne, sondern kämpften auch für die Anerkennung der Russland-Deutschen Autonomie. In Niederstetten haben die Theaterschaffenden viel Unterstützung erhalten. „Theater war und ist unsere Berufung“, sagt Peter Warkentin. Von allen Kollegen des Deutschen-Theaters in Russland sind sie die einzigen, die ein eigenes Theater betreiben. Als Tourneetheater unternahmen die beiden zahlreiche Reisen ins Bundesgebiet. Anfang 2000 entwickelten sie das Erfolgsstück „Der weite Weg zurück“, das sie bei 350 Gastspielen gezeigt haben. Vom Land Baden-Württemberg sind sie mit dem Russlanddeutschen Kulturpreis ausgezeichnet worden. Maria und Peter Warkentin haben in Franken-Hohenlohe und in ganz Deutschland die Geschichte und Kultur der Deutschen aus Russland erlebbar gemacht. Eine wertvolle Aufklärungs- und Integrationsarbeit. „An dem Abend, an dem ich das Theater erstmals gesehen habe, war mir klar, dieses Engagement braucht Aufmerksamkeit“, erzählt Thilo Pohle. Der Ring wird sie ihnen hoffentlich bringen. Thilo Pohle und die Dokumentarfilmgruppe haben sich von dem Ehrenpreis motivieren lassen. „Seit Übergabe des Ringes haben wir fünf Filme vorgestellt“, so Pohle. Die Warkentins haben eine besondere Beziehung zum Namensgeber des Ringes. Sie kannten ihn persönlich und haben 39 seiner hochsprachlichen Gedichte eingesprochen, die mit andern Zeitzeugnissen im Gottlob-Haag-Kabinett im „Kult“ (Städtische Mediothek) in Niederstetten zu hören bzw. sehen sind....

Die Hüter der Grenzen Sep01

Die Hüter der Grenzen

Die Rothenburger Feldgeschworenen üben das älteste Ehrenamt aus Grund und Boden sind die Basis des Lebens. Wer dereinst einen Acker besaß, der konnte Tiere darauf weiden oder Getreide anbauen. Dieser Grund war wertvoll, jeder Zentimeter davon. Die Hüter dieser Grenzen sind seit Jahrhunderten die Feldgeschworenen. Die Tätigkeit des Feldgeschworenen ist das älteste kommunale Ehrenamt. Wo der Ursprung liegt, ist nicht genau überliefert. In Franken gibt es aber seit Jahrhunderten Aufzeichnungen, zum Beispiel Siebenerordnungen, die Regeln, Pflichten und die Verschwiegenheit (das große Geheimnis des Ehrenamts) regeln. Neben der Bezeichnung Feldgeschworener werden die Vertreter auch Siebener, Steiner, Umgänger genannt. Heute sind etwa 27 000 Feldgeschworene in Bayern tätig – allein zwei Drittel davon in den fränkischen Landesteilen. Besondere Bedeutung erlangten die Siebener in Franken durch die dörfliche Siedlungsstruktur. Aufgrund der vielen Flurstücke mussten die Grundstücksgrenzen immer neu gesetzt und überprüft werden. Jedes Dorf hatte daher seine eigenen Feldgeschworenen. Die Feldgeschworenen Vereinigung im Altlandkreis Rothenburg ist eine Gruppe von 180 Siebenern, die sich auf 41 Ortschaften verteilen. Mittlerweile sind sogar drei Frauen darunter. Jedes einzelne Siebenerkollegium hat einen Obmann. Ein würdevolles Amt Obmann der gesamten Feldgeschworenen Vereinigung Rothenburg ist Helmut Schwemmbauer aus Birkach bei Windelsbach. „Das Ehrenamt gibt es neben Bayern nur noch in der Pfalz und in abgeschwächter Form in Hessen“, so Schwemmbauer. Die Bezeichnung Siebener lässt darauf schließen, dass es immer sieben Feldgeschworene in einem Ort sein müssen. „Das ist nicht zwangsläufig so“, erklärt Schwemmbauer. Mancher Ort hat nur fünf, ein anderer dagegen 11 Feldgeschworene. Mittlerweile bestimmen die jeweiligen Gemeinden die Anzahl. „Wir Rothenburger Feldgeschworenen sind aber genau sieben“, stellt Fritz Nied fest, der seit 2003 Feldgeschworener in Rothenburg und ebenso Schriftführer und Kassier der Feldgeschworenen Vereinigung ist. Er ist der erste Siebener in Rothenburg, der nicht aus der Landwirtschaft kommt. Der Strukturwandel macht sich auch in dem Ehrenamt bemerkbar. Da früher jedes Dorf seine Feldgeschworenen hatte, waren das die angesehenen Bauern. Sie wussten nicht nur Bescheid über die Besitzverhältnisse, sondern wurden auch von den jeweiligen Fürsten respektiert. Mit dem Setzen der Grenzsteine sorgten sie für den Bestand der Gemarkungsgrenzen und somit für die Bewahrung der Einnahmen der Fürstenhäuser. „Wenn Grenzsteine unberechtigt versetzt wurden, gab es drakonische Strafen“, erkärt Helmut Schwemmbauer. Der Delinquent wurde so weit eingegraben, dass nur der Kopf herausragte. Dann wurde er überackert. Also ein Todesurteil. In früheren Zeiten wurde das Ehrenamt meistens vererbt und noch heute wird ein Feldgeschworener auf Lebenszeit vereidigt. „Da kannst du nicht mehr raus oder entlassen werden“, so Fritz Nied. Stirbt einer der Siebener, wird innerhalb der Gruppe ein Nachfolger eruiert und dieser angefragt. „Das ist eine Ehre, da lehnt keiner ab“, stellt Nied fest. Sein Großvater war Siebener, er selbst war 41 Jahre lang Fahrer der Rothenburger Oberbürgermeister und hat mehrere Ehrenämter inne. Feldgeschworene müssen einen einwandfreien Leumund haben, schließlich geht es nicht nur um die Festsetzung von Grenzen, sondern auch um die Bewahrung eines Jahrhunderte alten Geheimnisses – daran hat sich bis heute nichts geändert. In früheren Jahren haben die Feldgeschworenen selbst die Grenzen vermessen. Seit zu Beginn des 19. Jahrhunderts die staatliche Landvermessung eingeführt wurde, arbeiten sie mit den Vermessungsbehörden zusammen. Wird ein Grundstück verkauft, ein neues Baugebiet ausgewiesen oder Grenzen ändern sich, dann ist heute der erste Ansprechpartner die zuständige städtische Behörde oder das Vermessungsamt. „Von dort bekommen wir Bescheid“, so Fritz Nied. Das Vermessungsamt macht die digitale Arbeit, die Feldgeschworenen setzen den Grenzstein. „Das Vermessungsamt darf keine Steine setzen“, erklärt Helmut Schwemmbauer. „Mindestens zwei Feldgeschworene sind vor Ort“, beschreibt Fritz Nied einen Einsatz. Ein heutiger Grenzstein hat an der Oberfläche eine Größe von etwa 12 mal 12 cm, in die Tiefe ragt er bis zu 60 cm. „Da man im Rothenburger Gebiet schon nach ca. 50 cm Tiefe auf Gesteinsschichten trifft, ist es nicht immer einfach, die entsprechenden Löcher zu graben“, so der Feldgeschworene. Unter den Steinen befindet sich dann das sagenumwobene Siebenergeheimnis. Von altersher sind das geheime Zeichen, die in einer bestimmten Anordnung gelegt werden, die nur...

Schlecht für Feinde, gut für Touristen Sep01

Schlecht für Feinde, gut für Touristen

Die Spitalbastei mit Spitaltorturm verbindet fortifikatorische und kunsthistorische Aspekte Das ist wahres Bollwerk: Breit, massig, mit dicken Mauersteinen, davor ein Graben, dahinter ein Turm. Die Spitaltorbastei war das letzte Bauwerk Rothenburgs im Zuge der Errichtung der Befestigungsanlage rund um die Stadt. Kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg stand sie in etwa so da, wie wir sie heute kennen. Tilly und seine Soldaten hatten hier keine Chance, das ist belegt. Sie haben es zwar trotzdem in die Stadt geschafft, aber eben nicht über die Spitaltorbastei. Die Gesamtanlage besteht aus mehreren Bauwerken aus drei Jahrhunderten, die alle nach den damals fortifikatorisch modernsten Standards errichtet wurden. Um 1280 entstand – damals noch vor den Toren des ersten Befestigungsrings von Rothenburg – das Spital. Schon im Jahr 1298 bekam die Stadt von Kaiser Albrecht I. die Erlaubnis, das Spital in ihr Gebiet einzubeziehen. Da das Gelände Richtung Südosten unbefestigt war, wurde der Spitaltorturm (auch „äußeres Gebsattler Tor“) in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtet. Er erfüllte vorerst die Wehrfunktion allein. Der Spitaltortum ist 33,5 Meter hoch, mit fünf niedrigen Geschossen und einem Obergeschoss. Die Entstehungsgeschichte der Bastei ist nicht gänzlich geklärt. Nachweisbar gab es aber von 1350 bis 1450 eine Schranke vor dem Spitaltorturm, die mit einem Feuerschützen und zwei Armbrustschützen besetzt war. Im Jahr 1459 ist ein Türmer auf dem Spitaltorturm aktenkundig. Auch ein Wappen soll den Turm geziert haben, das aber abgeschlagen wurde, als neue Bauarbeiten an der Bastei es verdeckten. Daraufhin wurde im 4. Obergeschoss das noch heute sichtbare Wappen (das ROTOUR-Titelbild) mit Reichsadler und vier Engeln angebracht. Das Wappenschild steht dabei auf den zwei darunter angebrachten Rothenburgwappen. Durch die Entwicklung neuer Waffen mit stärkerer Durchschlagskraft war der Turm in den Folgejahren allein nicht mehr wehrfähig. Ein flacher, breiter Vorbau mit Platz für große Geschütze war zeitgemäß. Daher wurde um 1540 die Bastion vor den Turm gebaut. Das Torwärterhäuschen entstand im Jahr 1537 (Zahl ist auf dem Sturz des mittleren Rechteckfensters eingemeißelt). Das Baujahr der Bastei, 1547, ist zusammen mit dem Stadtwappen auf dem Torbogen verewigt. Vincent Mayr hat die Entwicklungsgeschichte anhand von Zahlungseinträgen im Stadtbuch nachvollzogen. Außerdem wurden an den Balken von Dach und Giebel der Bastei dendrochronologische Untersuchungen vorgenommen: Die Bäume dafür wurden 1537, 1541 und 1542 gefällt. Im Jahr 1586 wurde das Vortor erbaut, in dessen Bogen die Inschrift „Pax intrantibus, Salus exeuntibus“ (übersetzt: Friede den Eintretenden, Heil den Hinausgehenden) steht. Die heutige Steinbrücke, die das Vortor mit Torwärterhäuschen und die Bastei verbindet, war bis 1750 eine hölzerne Zugbrücke. Erst um den Beginn des Dreißigjährigen Kriegs endeten die Arbeiten an der Bastei. Aus der Luft gesehen, ähnelt sie mit ihren zwei Rundungen einer Acht. Vincent Mayr gibt zu bedenken, dass es aber ungenau wäre von einer Doppelbastei zu sprechen, denn im Inneren der Anlage gibt es zwei getrennte Höfe. Im Kriegsfall wurden diese zu Fanghöfen. Da die gesamte Anlage auf drei Höhenebenen angelegt ist (Graben, die Fanghöfe, der Kanonengang) und die Geschossräume auf der Kanonenebene durch die querovale Bauweise alle toten Winkel abdecken, konnten Eindringlinge hier zusammengetrieben werden. Selbst wenn der Feind also reinkam, dann war das gleichzusetzen mit seinem Todesurteil. Der letzte Einsatz der Bastei Aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs sind Informationen zu Besetzung und Bewaffnung der Spitaltoranlage überliefert: Das Tor war besetzt von zwei Turmschließern und fünf Bürgern, der Turm von einem Türmer, vier Bürgern und zwei Doppelhaken (Feuerwaffen), die Bastei mit neun Bürgern, elf Falkonette und zwei Serpentinen. Außerdem sollen, laut Überlieferung von Georg Zierlein aus dem Jahr 1651, im Zug der Belagerung 1631 kaiserliche Soldaten unter dem Turm ein Feuer entzündet haben. 1631 brannte der Turm – ob deswegen oder wegen eines anderen Auslösers – bis auf das Mauerwerk aus. „Die vier Erker fielen herab“, schrieb der Chronist Dehner im Jahr 1673 (Historien, S. 85). In den Folgejahren nahm die fortfikatorische Funktion der Anlage an Bedeutung ab. Ende des 18. Jahrhunderts gab es Vorschläge zur privaten Nutzung. 1803 wurde die Rüstungskammer geräumt...