Kluge Entscheidungen

Das Modehaus Haller besteht seit 140 Jahren „Man muss im Fluss der Veränderung immer mitschwimmen und sich konzeptionell anpassen“, sagt Heidi Treiber. Seit fast 30 Jahren führt sie die Geschäfte des Textil- und Modehauses Haller in Rothenburg. In den 1980er-Jahren schloss sie ihre Ausbildung an der Fachakademie für Textil in Nagold mit einer Arbeit ab, bei der sie die Geschäftsüberschneidungen Rothenburger Firmen zu ihrem Familienunternehmen unter die Lupe nahm. „Damals hatten mehr als 30 Geschäfte in der Altstadt ähnliche Artikel im Sortiment“, so Treiber. Übrig geblieben ist davon kaum einer. Als Hermann Süßmann, gelernter Strumpfwirker, im Jahr 1882 ein Wollwarengeschäft in der Hafengasse gründete, hat er wahrscheinlich auch nicht mit einer 140 Jahre währenden Familientradition gerechnet. Seine ersten Geschäfte hat er in genau dem Haus gemacht, das noch heute der zentrale Firmensitz ist und mit „haller‘s drunter & drüber“ zwei von drei Schwerpunkten setzt. Heidi Treiber hat zum Jubiläum in den Familienalben geblättert und echte Schätze entdeckt. Auch wenn die Familien Süßmann, Haller, Rohweder und Treiber stets die neue Zeit und ihre Anforderungen im Blick hatten, haben sie dennoch die Tradition geschätzt und bewahrt. Auf alten Fotos aus dem Jahr 1910 sieht man ihre Großmutter Babette neben der Ladentüre stehen. Ein anderes Bild zeigt Heidi Treibers Mutter an einem kleinen Holzschreibtisch, der heute im „drüber“ in die Dekoration einbezogen ist. Und auf manchen Fotos ist Treiber selbst zu sehen: als Kind mit kurzem, frechem Haarschnitt. „Der Laden war mein Spielzimmer“, erinnert sie sich. Eine Verbundenheit, die auf bodenständige Art verpflichtet. Familiärer Zusammenhalt Dabei war der Erfolg kein Selbstläufer, sondern oftmals mit „Durchbeißen“ verbunden. Schon die Witwe des Gründers Süßmann führte nach dessen Tod 1912 das Geschäft mit den Töchtern weiter. Babette Süßmann heiratete dann den Erlangener Textilkaufmann Hans Haller, dessen Name noch heute das...

Eigene Welt Okt01

Eigene Welt

Das Spielzeugmuseum in Schloss Sugenheim Die Leidenschaft ist in jedem Winkel zu spüren. Im Jahr 1988 hat Manuela Kube gemeinsam mit ihrem Mann Jan K. Kube ihr Spielzeugmuseum eröffnet. 1975 hatte das Ehepaar das Alte Schloss Sugenheim gekauft. Aus der Ruine haben sie Anfang der 1980er-Jahre ein wahres Schmuckstück gemacht. Die Museumseröffnung war ein großer Erfolg. „Damals habe ich Teile meiner Sammlung in vier Zimmern gezeigt“, so Manuela Kube. Mittlerweile umfasst das Spielzeugmuseum alle 13 Räume des ersten Obergeschosses. In Dutzenden von Vitrinen ist eine Fülle und Pracht an Spielsachen zu sehen, so dass sich wohl jeder Besucher zurückwünscht in seine Kinderzeit. Manuela Kube sammelt schon seit ihrer Jugendzeit „alles, was klein und hübsch ist“, wie sie es locker sympathisch ausdrückt. Gleichwohl kennt sie sich in der Tiefe der kulturellen und soziologischen Bedeutung der Spielsachen fundiert aus und weiß jedes Objekt in seine historische Vernetzung einzuordnen. Mit diesem umfassenden Wissen ist das Spielzeugmuseum auch mehr als eine Puppenschau – auch wenn es natürlich die süßen Käthe-Kruse-Puppen, unzählige Schildkröt „Inge‘s“ oder Puppen von Hildegard Schulz-Krahmen aus Chemnitz zu sehen gibt. Kubes Sammlung nimmt die seltenen und wertvollen Räuchertürken aus dem Erzgebirge, die schon um 1820 hergestellt wurden, ebenso ins Visier wie Möbelmodelle, die in der aktuellen Sonderausstellung zu sehen sind. Spielzeug war ein wertvolles Gut und manches wurde nur sonntags herausgeräumt. Die Arche Noah, Adam und Eva oder ein Paradiesgärtchen, alles Holzspielsachen aus Oberammergau, Berchtesgaden oder Seiffen, zählten dazu. In einem eigenen Raum (und dazu noch in mehrere Vitrinen arrangiert) zeigt Manuela Kube ihre Puppenstuben, die ein Abbild vergangener Epochen sind. Die Darstellung einer Kriegshochzeit aus dem Jahr 1916 ist ebenso darunter wie ein Puppenschloss (um 1890) aus dem ehemaligen Besitz des preußischen Königshauses. Eine Puppenstube hat sogar einen richtigen Parkettboden. „Ich habe über 100...

Grenzen Okt01

Grenzen

Wasserscheideweg Die Luft weht kühl um die Nase und lässt den goldenen Herbst erahnen. Wer noch einmal mit Rucksack und Stab auf Wanderschaft gehen will, findet direkt vor der Haustür einen besonderen Pfad. Der Wasserscheideweg von Ansbach nach Schnelldorf berührt auf 97 Kilometern immer wieder kleine Quellpunkte, an denen das Wasser entweder gen Norden in die Nordsee fließt oder sich einen Weg Richtung Süden in das Schwarze Meer bahnt – das ist die sogenannte Wasserscheide entlang der Frankenhöhe. Der Wanderweg auf den Spuren dieses geologischen Naturphänomens ist Teil der Europäischen Hauptwasserscheide, die die Zuflüsse vom Atlantischen Ozean und Mittelmeer bzw. Schwarzem Meer voneinander trennt. Sie erstreckt sich von Gibraltar im Süden der Iberischen Halbinsel bis zum Polarmeer und verläuft in der Regel über die Kammlagen von Gebirgen. Auf der Frankenhöhe Der Wasserscheideweg durch die wunderschöne Landschaft der Frankenhöhe wurde mit seinen sehenswerten Höhenpunkten bereits drei Mal zum Qualitätswanderweg Deutschland zertifiziert. Nicht nur eine lückenlose Beschilderung, sondern auch einen 35-prozentigen Anteil an Naturwegen, fernab von viel befahrenen Straßen, durch schmale Waldschneisen oder durch Wiesen begeistern Naturfreunde. Wären die wegweisenden Wandersymbole an den Bäumen nicht engmaschig angebracht, könnte man meinen, sich verirrt zu haben. So tief taucht man in die fast unberührte Natur ein. Der Pfad führt zu landschaftlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten mit kulinarischen Einkehrmöglichkeiten. Es läuft sich weich auf gut begehbaren Forstwegen im Wald, aber auch auf vielen naturbelassenen Pfaden quer durch fränkische Höhen und Täler. Frankenhöhe in fünf Etappen Die erste Route der fünf Etappen führt von der Residenzstadt Ansbach nach Colmberg (24 km). Der Startpunkt für den Europäischen Wasserscheideweg (EWW) ist eine Informationstafel in der Ansbacher Feldstraße. Sie führt hinaus über Feldwege und Wälder ins malerische Colmberg. Über dem Ort erhebt sich die 1000 Jahre alte Hohenzollernburg. Schon allein wegen der Aussicht lohnt...

Die fünfte Jahreszeit Okt01

Die fünfte Jahreszeit...

Die Muswiese bei Rot am See Ab 8. Oktober ist es endlich so weit: Nach zwei Jahren Coronapause findet die Muswiese wieder statt. Markthändler bauen in den Straßen von Musdorf dicht an dicht ihre Stände auf. Im Gewerbegelände zeigen rund 180 Aussteller, was es Neues rund um Hof und Haus gibt. Und dazu gibt es die feinsten hohenlohischen Leckereien und kulturellen Meilensteine zu entdecken. Auf dem Foto ist die Muswiese in ihrer ganzen Pracht aus der Luft zusehen. Vor dem 8. Oktober und nach dem 13. Oktober herrscht hier kontemplative Ruhe. Musdorf ist ein Weiler von 18 Häusern und 60 Einwohnern, nur wenige Kilometer von Rot am See entfernt an der Straße nach Rothenburg gelegen. Ein ganz normales Dörfchen, das einmal im Jahr zum Mittelpunkt des hohenloher Lebens wird. Die Tradition der Muswiese reicht bis 1434 zurück und der Markt ist somit einer der ältesten. In Musdorf haben sich nämlich zwei bedeutende Handelsstraßen des Mittelalters gekreuzt. Die eine war die historische Salzhandelsstrasse, die andere die Kaiserstraße. So entstand der Markt an der Kreuzung der beiden wichtigen Transportwege und findet stets im gleichen Zeitraum statt: Die Muswiese findet immer an Burkhardi oder auf alle Fälle in der Woche des Burkharditags statt. Traditionen begleiten das Fest seit jeher. Dazu gehört auch, dass zur Muswiesenzeit das Arbeitsjahr in der Landwirtschaft beendet war. Die Ernte war eingebracht und man bereitete sich auf den Winter vor. Das neue Jahr begann nicht am 1. Januar, sondern nach der Muswiese. So wurden und werden oftmals auch Geschäfte abgeschlossen, die entweder noch vor der Muswiese erledigt werden müssen oder erst nach der Muswiese. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Ausfall der Muswiese in den letzten zwei Jahren nur schwer für die Region zu verschmerzen war. Denn Musdorf beheimatet eben nicht...

Gelassenheit Okt01

Gelassenheit

Liebe Leser, die einen empfinden den Herbst als ungemütlich, die anderen lieben das bunte Herbstlaub, den strahlend blauen Himmel, Kürbisse, den Federweißen und gemütliche Spaziergänge. Wie bei so vielen Dingen, ist es immer Ansichtssache, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Ich persönlich gehöre zur Kategorie der „halb voll“-Vertreter. Solange es nicht knüppelhart kommt, suche ich das Positive – wohl wissend, dass das Leben auch harte Zeiten bereithält, die dann natürlich gemeistert werden müssen. Die Nachrichten sind voll mit dem Energiedilemma, Kriegsberichten, Entlastungspaketen und wahrscheinlich auch bald wieder mit Coronastrategien. Nun könnten wir alle panisch werden, dem Novemberblues verfallen, verzweifelt überlegen, wo all das Geld herkommen soll, das die Regierung ausgibt. Oder wir üben uns in Gelassenheit und richten den Blick auf jene Dinge, die trotz allem die Fülle unseres Lebens prägen. Auf den kommenden 108 Seiten können Sie eintauchen in diese Fülle und für eine gewisse Zeit, je nachdem, wie viele Seiten Sie angreifen wollen, im Meer der Gelassenheit dahintreiben. Es ist für uns immer wieder verblüffend, wie vielfältig die Region rund um Rothenburg ist und was die Menschen hier alles mit Herzblut zum Leben erwecken. Ohne einen positiven Blick in die Zukunft wäre das sicherlich nicht möglich. Genießen Sie den Oktober mit uns, schlendern Sie über die Muswiese oder die Herbstmesse in Rothenburg. Und achten Sie darauf, dass Ihr Glas immer halb voll bleibt. Ihre Andrea...