Im Rahmen geblieben

Niklas Biedermann ist mit Bildleisten und Passepartouts groß geworden Schuster bleib bei deinen Leisten heißt es in einem Sprichwort. Bei Niklas Biedermann handelt es sich allerdings um Leisten für Bilderrahmen und das bereits in der vierten Generation. Die Tradition in der Bilderrahmenbranche hat schon bei seinem Urgroßvater Oskar Biedermann, der seit 1908 Bildleisten für Rahmen im schlesischen Patschkau hergestellt hat, begonnen. Und welch ein Zufall, auch der zweite Urgroßvater, Josef Bulach ist Ende des 19. Jahrhunderts als Vergolder bei der Firma Aicham in Neu-Ulm ausgebildet worden. Im Jahr 1903 hatte er sich mit einem Bilderrahmen-Betrieb in Magdeburg selbstständig gemacht. Heute ist Urenkel Niklas Biedermann selbst Kunde der Firma Larson-Juhl GmbH (ehemals Aicham). Beide seiner Urgroßväter haben die Bildleisten für die Rahmen noch selbst hergestellt. Sein Großvater gründete 1958 das heutige Geschäft in der Industriestraße 7 in Rothenburg. Niklas Biedermann ist heute als Industriefachwirt und „geprüfter Bildeinrahmer“ der Chef der geschichtsträchtigen Firma mit Namen „Ramendo e.K.- Rahmen – Shop.de“. Bilderträume übers Internet Als er 1995 den Rahmen-Shop übernahm, bestand seine Stammkundschaft aus Firmen und Privatleuten aber auch Schlossherren aus der näheren Umgebung gehörten dazu. „Mein Vater musste früher immer mit dem Auto über Land fahren und seine Dienste anbieten“, erzählt der Rahmenfachmann. Das sollte sich schnell ändern. Bereits seit 2000, in einer Zeit in der das Internetgeschäft noch nicht von Angeboten aller Art überflutet war, hat sich sein Kundenstamm mit dem selbsterstellten Online-Portal über ganz Deutschland, Österreich bis in die Schweiz ausgedehnt. Was einmal als Einmann-Betrieb begann, ist jetzt eine Firma mit sechs Mitarbeitern. Ehefrau Kathleen ist in der eigenen Rahmenwerkstatt mit von der Partie. Hier werden nicht nur über 2 000 hochwertige Bilderleisten aus Edelhölzern und Aluminium in allen Größen angefertigt, sondern auch Kunstdrucke, Fotos oder Ölgemälde auf Karton oder Leinwand veredelt und versiegelt. Individuelle...

Es ist immer etwas zu ändern

Mirjana Neumeister verbindet Menschen mit Stoffen Genäht hat sie schon in ihrer Heimatstadt Sanski Most in Bosnien. Mirjana Neumeister war gerade mal 17 Jahre alt, als ihr Vater plötzlich in der Zimmertür stand und sagte: „Packt eure Sachen, wir verlassen das Land.“ Der Bosnien-Krieg und die daraus folgende Flucht im Jahr 1992 nach Deutschland hatte ihr Leben auf den Kopf gestellt. Schnell lernte sie die deutsche Sprache und freundete sich mit der fränkischen Lebensart an. Verständigung war für sie der Schlüssel zur neuen Kultur. Von der angeblichen Kälte der Deutschen hat sie allerdings gar nichts gespürt. Ganz im Gegenteil, sie empfand die Menschen als offen und warmherzig. Die fränkischen Werte wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gaben ihr sogar Struktur und Halt. „Wenn man aus dem Chaos kommt, weiß man die Ordnung zu schätzen“, so ihre Erfahrung. Bleiben wollte sie eigentlich nicht. „Aber über meine Leidenschaft zu nähen bin ich irgendwie hängen geblieben,“ erzählt sie. Rothenburg wurde zu ihrer neuen Heimat. Bereits im Dezember 2002 eröffnete sie ein Brautmodengeschäft mit Änderungsschneiderei im Alten Stadtgraben. Nicht nur die Arbeit mit Stoffen bereitete der Schneiderin Freude, die sich ihr Wissen autodidaktisch angeeignet hat, sondern auch der Kontakt zu den Menschen ist ihr sehr wichtig. Als der Arbeitskreis-Asyl im Jahr 2015 gegenüber vom Markusturm in Rothenburg seine Pforten öffnete, war sie sofort mit ihrem Engagement dabei. Nach ihrer Heirat und der Geburt von zwei Kindern nähte sie für ihre liebgewonnenen Kunden von zu Hause aus weiter, bis sie 2016 im Alten Stadtgraben mit einer Änderungsschneiderei neu durchstartete. Bewusstsein schärfen Durch ihre offene und herzliche Art wurde der Laden mit „aufgehübschter“ Secondhand-Kleidung, Stoffen und Nähzubehör zu einer Fundgrube für kreative Individualisten. „Es darf nicht sein, dass in Deutschland Stoffe und Kleidung weggeworfen werden, die in meiner Heimat Gold wert sind“, begründet sie ihre Motivation, die Ausbeutung von Menschen in Billiglohnländern durch den Verkauf von Massenware zu bremsen. Es gibt so viele Ressourcen aus gebrauchten Stoffen, um einzigartige Unikate zu schaffen. Heute gibt sie Kurse für Schulklassen, um das Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu schärfen. Es entstehen beispielsweise Jogakissen oder ein Tippizelt aus alten Jeans. Ihre Vision, der Wegwerfgesellschaft entgegenzuwirken, hat sich mit dem großen Erfolg einer Modenschau im Jahr 2017 bestätigt. „Stylische Kleidung aus alten aber hochwertigen Stoffen, hergestellt von Schülerinnen und Schülern aus dem Reichsstadt-Gymnasium, begeisterte die Zuschauer in der Molkerei“, erinnert sie sich. Dran bleiben war und ist die Devise. Mit dem Angebot eines Nähcafés in ihrem Laden bietet sie die Möglichkeit, Upcycling (aus gebrauchten Stoffen neuwertige Produkte herstellen) selbst auszuprobieren. „Bei mir kann man das Handwerk Nähen und Gestalten von der Pike auf lernen“, bietet die junge Mutter mit Freude an. Was sich langsam rumgesprochen hat, trägt Früchte. Oft bringen Menschen alte und oft wertvolle Stoffe, die sie übrig haben. Aus diesem seltenen Material lassen sich hochwertige Kreationen herstellen, die einen individuellen Wert haben. Auf diese Weise wurden schon viele „textile Schätze“ wieder in den Kreislauf zurückgeführt. Dem Ideenreichtum in der kleinen Änderungsschneiderei sind keine Grenzen gesetzt. Jeder bekommt das, was er braucht. Umgeben von einer warmherzigen Atmosphäre kommen nicht selten ältere Damen, die ein wenig Ansprache suchen. Sie setzen sich an eine der Nähmaschinen und legen selbst Hand an, um ihre Kleidung wieder in Schuss zu bringen. Eine Rothenburgerin kam einmal mit den Lieblingstopflappen ihrer Mutter, um ihn gleich 25 mal vervielfältigen zu lassen, damit jedes Familienmitglied ein Erinnerungsstück in den Händen hält. „Wohlstand macht einsam“, ist sich die Schneiderin mit Herz sicher. Heute ist es nicht mehr nötig, den Nachbarn nach einem bestimmten Garn zu fragen. Jeder hat alles oder kann es billig übers Internet bestellen. Dem will sie entgegenwirken. In Bosnien suchen die Menschen gemeinsame Lösungen für alles, was sie durch die Armut entbehren müssen. Mirjana Neumeister versucht die Bedürfnisse nach Gemeinsamkeit und Konsum auf nachhaltige Weise zu verbinden. Bunte Ideen rund um Upcycling Schon bei Kindern möchte sie das Bewusstsein für Nachhaltigkeit mit Geburtstagsfeiern in ihrer kleinen Nähwerkstatt wecken....

Ein neues Dreigestirn

Das Familienunternehmen „Käthe Wohlfahrt“ geht in die nächste Generation Die Romantik hat es in diesem Coronajahr wirklich nicht leicht. „Käthe Wohlfahrt“ kämpft dagegen an. Das international bekannte Unternehmen ist in Sachen stimmungsvoller Weihnacht das ganze Jahr über präsent – und zwar mit neuer, junger Unterstützung. Corona hin, Corona her, das Familienunternehmen geht in die dritte Generation. Kenta, Aska und Takuma Wohlfahrt sind im Unternehmen angekommen. Ihr Vater Harald Wohlfahrt steht zwar noch an der Spitze der Firma, aber peu à peu sollen die Zügel in ihre Hände übergehen. „Das sind ja auch etwas größere Schuhe, in die wir hineinwachsen dürfen“, so Aska Wohlfahrt. In Rothenburg verwurzelt Seit 1977 hat das Unternehmen seinen Hauptsitz in Rothenburg. Wilhelm und Käthe Wohlfahrt eröffneten damals das erste ganzjährige Weihnachtsgeschäft in der Tauberstadt. Ende der 70er Jahre trat deren Sohn Harald Wohlfahrt in das Familienunternehmen ein und kreierte mit dem Weihnachtsdorf das erste weihnachtliche Indoor-Erlebnis. Seine Frau Humiko Wohlfahrt ist in der Produktentwicklung wegweisend tätig. „Käthe Wohlfahrt“ ist in acht deutschen Städten vertreten, hat Läden in Spanien, England, Frankreich, Belgien und USA. Stünde Weihnachten vor der Türe – und es gäbe kein Corona – dann würde man das Unternehmen auf 60 Weihnachtsmärkten in Deutschland und in der ganzen Welt finden. Die Leitung des Unternehmens lag dabei stets in Familienhand und es war der Wunsch, dass es auch so weiter geht. „Da hat man schon auf uns gesetzt“, so Takuma Wohlfahrt. Trotzdem, da sind sich alle drei Jungunternehmer einig, habe es ihnen nicht an Freiheiten gefehlt und es war der ausdrückliche Wunsch des Vaters, erste Erfahrungen außerhalb der Firma zu sammeln. Als im Jahr 2018 aber Käthe Wohlfahrt starb, die Namensgeberin der Firma und Großmutter der Drei, war es an der Zeit, an das Zurückkommen zu denken. Takuma Wohlfahrt, mit 28 Jahren der jüngste, hat in London Design mit dem Schwerpunkt Produktdesign studiert. Danach arbeitete er als Kommunikationsberater in einer Münchner Agentur, die renommierte Marken vertrat. Warum sich für fremde Marken anstrengen, wenn zuhause die eigene wartet, dachte er sich und ist seit Dezember 2018 im Marketing des Familienunternehmens tätig. Seine Schwester Aska Wohlfahrt (32) hat nach dem BWL-Studium mit Masterabschluss in Marketing und Management zuerst im Einkauf für einen großen Internet- händler und danach ebenfalls im Einkauf für einen Münchner Online-Versandhändler von Designerware gearbeitet. Seit Oktober 2019 ist sie gemeinsam mit ihrer Tante Carmen Wohlfahrt für den Einkauf bei „Käthe Wohlfahrt“ zuständig. Ein eigener Stil Kenta Wohlfahrt (31) hat nach verschiedenen Stationen seine Ausbildung zum Handelsfachwirt im Familienunternehmen absolviert und ist im Bereich Eigenentwicklung tätig. „Ich habe gelernt, dass wir sehr speziell sind in dem, was wir machen, und wie wir es machen“, sagt er. Wenn in anderen Unternehmen eine zukünftige Führungsspitze aus drei Geschwistern an den Start geht, könnte man auf Zankereien gefasst sein. Bei „Käthe Wohlfahrt“ aber nicht. „Unsere Interessensgebiete haben sich gut ergeben und ergänzen sich“, erzählt Takuma Wohlfahrt. Ganz nebenbei erfährt man, dass sein modernes Büro direkt über dem Weihnachtsdorf, einst das Kinderzimmer der Drei war. Die Jungs hatten ein Stockbett, das Bett der Schwester stand daneben. „Unsere Eltern haben immer gesagt, von nichts kommt nichts“, erzählt Aska Wohlfahrt. „Für jedes Lebensjahr bekamen wir einen Euro Taschengeld, den Rest konnten wir uns mit Ferienjobs dazu verdienen“, erinnert sich Takuma Wohlfahrt. Die Jungs haben in Neusitz im Lager des Unternehmens gejobbt, von wo aus alle Geschäfte und Weihnachtsmärkte beliefert werden und alle Zollabwicklungen stattfinden. Aska Wohlfahrt hat im Weihnachtsdorf Ferienarbeit gemacht. „Viele der langjährigen Mitarbeiter kennen uns daher schon als Kinder“, sagt Kenta Wohlfahrt. Der Familientradition verpflichtet arbeiten sie sich nun langsam ein und bringen ihre eigenen Ideen an den Start. Das wäre zum Beispiel ein neues Logo. Ein Nussknacker mit Schaukelpferd als Reminiszenz an die Ursprünge der Firma mit erzgebirgischen Holzartikeln wird in Zukunft sowohl die Produkte als auch die Außendarstellung prägen. „Wir führen das neue Logo sukzessive ein“, erklärt Takuma Wohlfahrt. Nachhaltigkeit soll dabei noch stärker, als bereits umgesetzt,...

Orgel wird  „entstaubt“ Dez01

Orgel wird „entstaubt“

Patenschaft für Orgelpfeifen Der Frühjahrsputz fällt heuer richtig ausgiebig aus. Die Rieger-Orgel in der St.-Jakobs-Kirche wird nach 52 Jahren generalüberholt. Alle 5 500 Pfeifen werden abgebaut. Seit 1968 ist auf und in die Pfeifen alles gefallen, was so in der Kirchenluft herumschwirrte: Staub, Kleiderfasern oder Kleinsttiere. „Man sollte eine Orgel alle 20 bis 25 Jahre reinigen“, erklärt Kantorin Jasmin Neubauer, „aber bei einem so großen Instrument wie der Rieger-Orgel ist das nicht realistisch.“ Am 7. Januar startet das Projekt nun. Jasmin Neubauer rechnet mit etwa fünf Monaten Laufzeit. „Und das ist ambitioniert“, meint sie. Zuerst wird der Spieltisch abgebaut und dann geht es an die Pfeifen. Zwei Orgelbauer, die Firma Friedrich aus Oberasbach und die Firma Sandtner aus Dillingen, realisieren das Projekt in Kooperation. Zum Abbau wird eigens ein Aufzug aufgebaut. Nach und nach wird das Innenleben der Orgel so verschwinden. Zusätzlich zum Ausbau der Pfeifen werden der Blasebalg überprüft und die Filze in den Schwellern erneuert. „Auch die Prospektpfeifen werden abgebaut und überholt“, so Neubauer. Die Prospektpfeifen sind der Teil des Instruments, den man vom Kirchenraum aus sieht. Nach dem Abbau wird dann mit etwas Glück der Riemenschneideraltar vom Kirchenraum aus zu sehen sein. Gereinigt werden die Pfeifen auf ganz klassische Art – sozusagen gewaschen und abgetrocknet. Wo es möglich ist, werden sie zerlegt und wieder zusammengesetzt. Etwa 300 000 Euro sind für die Grundsanierungen veranschlagt. Wer möchte, kann das Projekt mit einer Orgelpatenschaft unterstützen. Gut 2 700 der Pfeifen stehen für eine ideelle Patenschaft zur Verfügung. Vor Weihnachten kann das ein schönes Geschenk sein. Patenschaften gibt es ab 20 Euro, dann für kleinere Pfeifen, bis hin zu 300 Euro für bis zu 10 Meter große Pfeifen. Jede Pfeife kann einen individuellen Zugang haben: Vielleicht möchte eine „Anna“ die Patenschaft für ein „A“ übernehmen oder ein Trompeter sucht sich eine Trompetenpfeife aus. Für jede Patenschaft gibt es eine Urkunde, eine Spendenbescheinigung und eine „Überraschung“, wie Jasmin Neubauer verrät. Außerdem kann jeder zu ihr kommen und sich seinen Ton vorspielen lassen – allerdings erst im Sommer. Bis dahin soll die Orgel wieder zusammengebaut, gestimmt und im Einsatz sein. Geplant ist dann auch ein Einweihungskonzert. Ihren vorerst letzten Auftritt hat die Rieger-Orgel beim geplanten Konzert in der Silvesternacht am 31. Dezember, um 22 Uhr. am Pfeifenpatenschaften für die Rieger-Orgel: Der Flyer mit Darstellung der einzelnen Pfeifen liegt in der St.-Jakobs-Kirche und im RTS aus, und ist auf der Homepage rothenburg-evangelisch.de zu finden. Weitere Information auch über Jasmin Neubauer (Mail:...

Bilder für einen guten Zweck Dez01

Bilder für einen guten Zweck

Martina Maier – Porträts in der Ausstellung „Zeig dein Gesicht“ Ob Jack Nickolson (Schauspieler), Keith Richards, Gitarrist der legendären Rockband „Rolling Stones“ oder der Ex-Staatschef der USA Barack Obama – zeigen ihre Gesichter in der aktuellen Ausstellung bei „Kunst Kultur Korn“ in Rothenburg. Gemalt hat Martina Maier schon immer. „Mein Problem lag in der ganz neuen Herausforderung, Gesichter und Körper proportional hinzukriegen“, erzählt sie. Ihr Leben war geprägt von dem unermüdlichen Einsatz in Notaufnahmen, in Operationssälen und seit vielen Jahren in der urologischen Praxis ihres Mannes in Rothenburg. Das Malen bot ihr eine tiefe Entspannung besonders während der Bereitschaftsdienste. Stillleben und die historischen Gebäude Rothenburgs waren bisher ihr Steckenpferd. Robert Hellenschmidt, Leiter von Kunst Kultur Korn (KKK) ist der künstlerischen Ader der Hobbymalerin auf die Schliche gekommen. Ihre Zeichnungen in Aquarell und Kreide weckten bei dem Karikaturisten Interesse. „Sie sollten sich an Porträts versuchen“, bemerkte Hellenschmidt mit seinem geschulten Künstlerauge. Dankbar nahm sie ihn als ihren größten Kritiker bei der Entwicklung der neuen Zeichentechnik an. Über Bücher und Porträtzeichner auf Instagram und Facebook entwickelte sie ihren eigenen Zeichenstil. Ihre digitalen Künstlerfreunde, meist französische Comic-Zeichner, waren ihre Lehrer. „Ich weiß auch nicht, wie ich zu denen gekommen bin“, fragt sich die gebürtige Saarländerin. Heute gelingt es ihr, Gesichter mit einer ausdrucksstarken und lebendigen Mimik darzustellen. „Ich habe die fertigen Bleistiftporträts mit Grafitpulver bestreut und verwischt“, erklärt sie ihre aus dem Internet erworbene Technik. Mit einem Schwamm hellt sie Teilbereiche auf und stellt auf diese Weise Schattierungen und Tiefe in den Gesichtern her. So wirkt die Mimik lebendig. Zeichnen für krebskranke Kinder In ihrer Zeichentechnik sicher, entstand die Idee einer Ausstellung bei KKK in Rothenburg. Unter dem Motto „Zeig dein Gesicht“ stellt Martina Maier 98 ihrer Werke noch bis zum April 2021 aus. Porträts ihrer französischen Künstler-Freunde, Gesichter ihrer Familie, berühmte Personen wie John Lennon aber auch bekannte Menschen aus Rothenburg sind Teil ihrer Ausstellung. „Ich will mit meiner Kunst kein Geld verdienen“, erzählt sie. Die Bilder sind käuflich zu erwerben und kommen zu 100 Prozent dem Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen e. V. zugute. Martina Maier hat für die Ausstellung 100 Rahmen und Passepartouts gespendet, um ihre Werke präsentieren zu können. Aufgrund der Coronaeinschränkungen kann die Ausstellung leider nicht wie geplant bei Musik, Snacks und Sekt bewundert werden. Die Öffnungszeiten des Autohauses Korn: Montag bis Freitag, jeweils von 9 bis 17 Uhr und samstags von 9 bis 12 Uhr bieten die Gelegenheit, die Ausstellung zu besuchen und eines der Porträts zu erstehen. Der Eintritt ist frei. Die Malerin selbst steht samstags für einen Künstlerplausch zur Verfügung. Für Fragen zu ihren Bildern und Preisen steht sie unter der Telefonummer: 0160-98430-430 oder unter der E-Mail Adresse: martina.pohlmaier@gmail.de zur Verfügung....

Die DNA der Stadt Dez01

Die DNA der Stadt

Das Stadtarchiv in Rothenburg: Belegte Historie Eine Stadt ist ein von Menschen geschaffenes Konstrukt, das eine von Normen und Werten geprägte, gemeinschaftliche Lebensform gewährleistet. Die Stadt selbst, bloße Form, dürfte daher kein Eigenleben haben. Schaut man sich allerdings im Stadtarchiv in Rothenburg um, scheint der seit Jahrhunderten andauernde Bauplan der Stadt greifbare und eigenständige Züge anzunehmen. Dr. Florian Huggenberger, studierter Geschichts- und Volkskundler, der in der fränkischen Landesgeschichte promoviert hat, ist der Hüter all dieser Informationen. Nach einer Elternzeitvertretung im Jahr 2018 ist er seit Mai 2019 dauerhaft als Stadtarchivar für die Hinterlassenschaften Rothenburgs zuständig. Gebürtig aus Hartershofen stammend, verbindet ihn vieles mit Rothenburg. „Das ist eine Traumstelle für mich“, sagt er. Seit 1960 ist das Stadtarchiv im Büttelhaus und in drei Räumen im angrenzenden Markusturm untergebracht. Das Büttelhaus, beim Bombenangriff 1945 schwer getroffen, wurde speziell für die Anforderungen eines Archivs wieder aufgebaut. Unveränderte Aufgabe „Der Ursprung des Stadtarchivs dürfte im Jahr 1274 mit dem Reichsfreiheitsprivileg liegen“, vermutet Dr. Florian Huggenberger. Rothenburg wurde damals zur Reichsstadt erhoben und war ein eigenständiges politisches Gebilde, stellte Urkunden aus und machte Rechtsgeschäfte. Steuerunterlagen, Gerichtsunterlagen, Vereinbarungen in der Landwehr oder eben Urkunden mussten aufgehoben werden. Das ist die Kernaufgabe eines Stadtarchivs. „In gewisser Weise hat sich daran auch nichts geändert“, stellt Huggenberger fest. Im Eingangsbereich im Büttelhaus stehen zwei alte Archivschränke. Die ersten Dokumente wurden wohl in Truhen im Rathaus aufbewahrt. Im 16. und 17. Jahrhundert kamen dann die Archivschränke auf. Jener aus dem Jahr 1692 nimmt eine ganze Wand ein. Davor stapeln sich unzählige Kisten. Darin ist das aktuelle Material aus der Stadtverwaltung: Belege von der Stadtkasse, Meldeunterlagen oder auch Dokumente vom Standesamt. Per Gesetz müssen die Unterlagen eine bestimmte Zeit aufbewahrt werden, danach gehen sie ans Archiv. Huggenberger sichtet das Material und archiviert, was von wissenschaftlicher...

Von der Idee zur Kugel Dez01

Von der Idee zur Kugel

Das Deutsche Weihnachtsmuseum Rothenburg hat einen Ruf als Weihnachtsstadt zu verteidigen, daher muss es hier natürlich auch ein Weihnachtsmuseum geben – das einzige in Deutschland. Im ersten Stock des Weihnachtsdorfs von Käthe Wohlfahrt wird wissenschaftlich und historisch belegt, was die Herzen der Menschen im Dezember höher schlagen lässt: Die Romantik rund um das Weihnachtsfest. Felicitas Höptner ist die Leiterin des Museums, das es seit zehn Jahren gibt. „Mein Herz schlägt für diese Sammlung“, sagt sie mit Nachdruck. Was auf den 250 m² gezeigt wird, hat Harald Wohlfahrt, Inhaber des Unternehmens Käthe Wohlfahrt, zusammengetragen. „Was wir im Museum zeigen, ist nur ein kleiner Ausschnitt der Sammlung“, so Höptner. Weihnachten, so wie wir es kennen, ist erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, gibt Höptner zu bedenken. Die Entwicklung in der Pädagogik und damit einhergehend eine veränderte Wahrnehmung des Kindes, machte Weihnachten zum Familienfest und schärfte das Bewusstsein für das Brauchtum. Parallel dazu sind durch die industrielle Entwicklung neue Fertigungsmöglichkeiten entstanden. Das Weihnachtsmuseum empfängt seine Besucher mit den ersten Ideen zur Weihnachtszeit. Die Bäume waren mit Naturmaterialien geschmückt. Inspiriert von den alltäglichen Dingen, war dem Ideenreichtum kaum Grenzen gesetzt. Wo heute vorwiegend Kugeln den Baum zieren, gab es im 19. Jahrhundert Elefanten, Eichhörnchen, Fische, Füchse oder Hasen. Eine Besonderheit der Sammlung ist ein Koffer mit drei Lagen Dresdner Pappeschmuck. „Das ist ein Mekka für Sammler“, so Höptner. Etwa zwischen 1880 und 1919 wurden die Figuren hergestellt. Die Einklebung des Koffers lässt die gezeigten Objekte auf 1887 datieren. Drei üppig geschmückte Weihnachtsbäume zeigen im Museum die verschiedenen Schmuckvarianten, die dereinst auch eine Modeerscheinung waren. Einer ist mit Watte- und Pappeobjekten geschmückt, ein Anderer im Trend des Jugendstils mit Silberkugeln und etwa zwei Meter langen Lamettastreifen. Den ersten Nachweis der Fertigung von Glaskugeln gibt es von Anfang des 19. Jahrhunderts. In den Vitrinen ist nicht nur die Entwicklung der Kugeln dargestellt, sondern auch die ersten Kerzenhalter für den Baum sind zu sehen. „Für uns ist die Beleuchtung des Baums selbstverständlich, aber früher waren keine Kerzen am Baum“, erklärt die Museumsleiterin. Das Patent für den ersten Kerzenhalter, eine einfache Halterung mit Dorn, stammt aus dem Jahr 1878. Der dritte Weihnachtsbaum ist mit Gabloner Perlenschmuck bestückt. Die Perlen, zum Teil in Reihe geblasen, formieren sich zu Scheren, Hummern, Spinnen im Netz oder Kinderwagen. Allen Exponaten zur Seite steht eine zweisprachige (englisch/deutsch) Erläuterung. Aber nicht nur die Entwicklung des Schmucks, sondern auch die Einbindung des Weihnachtsfests ins Brauchtum beleuchtet das Museum. Es gibt zahlreiche Nussknacker zu entdecken und auch Gabenbringer wie der Nikolaus und der Weihnachtsmann in unterschiedlichsten Versionen warten im Museum auf ihren Einsatz – und haben es auf unser ROTOUR-Titelbild geschafft. Neben einer der größten historischen Adventskalendersammlungen macht Felicitas Höptner auf die mechanischen Darstellungen aufmerksam. Die Automaten (Ende des 19. Jahrhunderts) sind funktionsfähig und werden von Uhrwerken angetrieben. Auf einem Monitor kann man den Gruß des Weihnachtsmanns so live erleben. „Solche Objekte gibt es nicht mehr auf dem Sammlermarkt“, weiß die Museumsleiterin....

Zuversicht Dez01

Zuversicht

Liebe Leser, das war vielleicht ein Jahr. Wer hätte vor zwölf Monaten gedacht, dass ein Virus kommt und unser Leben auf den Kopf stellt. Wie oft haben wir in den letzten Monaten Träume und Pläne wie Seifenblasen zerplatzen sehen? Veranstaltungen, kaum angekündigt, mussten abgesagt werden. Menschen haben uns von ihren existenziellen Sorgen erzählt. Corona hat uns alle getroffen – aber wir haben auch immer Zuversicht gespürt. Und manchmal auch den puren Trotz, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das hat uns stets beflügelt, unseren Lesern wieder eine neue ROTOUR-Ausgabe zu präsentieren, die neben praktischen Informationen auch einen fundiert recherchierten Unterhaltungswert hat. Zum Jahresende möchten wir in der neunten, im Umfang trotz Corona nie gekürzten Ausgabe, wieder daran anknüpfen. Vom Interview mit Rothenburgs Oberbürgermeister Dr. Markus Naser über unseren Besuch beim letzten Wagnermeister in Bieberehren bis hin zum Unternehmensporträt von „Käthe Wohlfahrt“, in das die dritte Generation einsteigt, finden Sie auf den nächsten 112 Seiten interessanten Lesestoff. Unser Lyriker Fritz Klingler hat eigens für die letzte ROTOUR-Ausgabe im Jahr 2020 ein Gedicht über das Jahrestor geschrieben. Schreiten Sie mit uns hindurch und freuen Sie sich auf ein neues Jahr, was immer es auch bringen wird. Die Januar/Februar-Ausgabe von ROTOUR wird etwas zeitversetzt in der zweiten Monatshälfte erscheinen. Bitte bleiben Sie gesund und uns gewogen. Ihre Andrea...

Dezember Dez01

Dezember

Das Inhaltsverzeichnis des ROTOUR-Heftes für Dezember Die Verteilstellen finden Sie hier. Kultur Editorial: Mit Zuversicht ins Neue Jahr Ein Museum nur für Weihnachten Wissen aus erster Hand im Stadtarchiv Büchertipps für lange Winterabende Porträts für einen guten Zweck Die Orgel in St.-Jakob wird abgebaut Veranstaltungen Rothenburg als Weihnachtsstadt Interaktive Ausstellung „Rom lebt“ Pilgern statt Vorweihnachtsstress Kultur in der TauberPhilharmonie Rund um die Frankenhöhe Wohin im Hohenloher Land Wirtschaft Bürgernahe Sicherheit: Die Polizei Neue Generation bei „Käthe Wohlfahrt“ Eisen, Schrauben, Töpfe und vieles mehr Panoramafoto: Schnee im Weinberg Unikate aus gebrauchtem Stoff Die Welt der Bilderrahmen Information Rundgang durch die Jahrhunderte A walk through centuries Übersicht der Inserenten TITELBILD: Gabenbringer im Deutschen Weihnachtsmuseum. Foto: am Service Wohin ausgehen in Rothenburg? Sehenswürdigkeiten in deutsch/englisch Informationen von A bis Z Freizeitideen Impressum ROTOUR zu Weihnachten verschenken Gesellschaft Personalia: OB Dr. Markus Naser Schnappschuss: Ruf nach Verständigung Hilfe von der Rothenburger Tafel Kartoffeln in der „Heimatküche“ Fotografie als Passion: Robert Kardas Ein Gedicht zum...

Bewegende Eindrücke

Hans Stamminger entdeckte im Urlaub sein Herz für die griechische Region Mani Ein Urlaub in der griechischen Region Mani, die bis zur Südspitze des Festlandes reicht, hinterließ bei Hans Stamminger und Frau Ilse aus Colmberg einen bleibenden Eindruck. Kleine Bergdörfer mit nur wenigen Einwohnern und Städte, in denen es an Arbeitsplätzen mangelt, lässt die jungen Griechen das Weite suchen. Übrig bleiben die immer älter werdenden Menschen, die versuchen, ihr Leben in Armut zu meistern. Waldbrände und die immer wiederkehrenden „Medicane“-Stürme machen den Einwohnern zusätzlich das Leben schwer. Genau das ist es, was den beiden nicht mehr aus dem Kopf ging. Hans Stamminger organisierte als ehemaliger Vorstandsvorsitzender verschiedenster Vereine über mehr als 27 Jahre leidenschaftlich Gruppenreisen. Auf einer Busfahrt nach Griechenland lernte er die Archäologin, Historikerin und Buchautorin Dr. Waltraud Sperlich kennen. Beide fanden ein Herz für die Region und krempelten die Ärmel hoch, um den Menschen unter die Arme zu greifen. Längst wieder im geeinten Deutschland zurück, bat Waltraud Sperlich um eine Lebensmittelspende für das Kloster Metamorphosis in Kalamata. Insbesondere die Gemeinde West Mani sowie das Städtchen Gythion und Kalamata gehören heute zu den Wirkungsstätten der losen Helfervereinigung mit Namen „Mani-Freunde“. „Ich kenne Vereinsarbeit mit den vielen Regelungen und Satzungen nur zu gut. Der Aufwand ist mir zu groß“, sagt Hans Stamminger heute. „Wir wollen den Menschen auf möglichst unkomplizierte Weise helfen und nichts weiter“, fährt der erfahrene „Vereinsmeier“ fort. Gemeinsam mit dem Kloster Metamorphosis und der deutschen Selbsthilfeorganisation GAIA (Gegen Armut im Alter) organisieren die Stammingers und Waltraud Sperlich Hilfsprojekte und Sachspenden, die ausschließlich auf Anfrage umgesetzt werden. Den Aufbau einer Freiwilligen Feuerwehr und eines eigenen Rettungsdienstes als Hilfe zur Selbsthilfe durch die GAIA-Organisation ist den Colmbergern ein besonderes Anliegen. Aber nicht nur das: die Völkerverständigung und das gegenseitige Kennenlernen beider Kulturen ist ein wesentlicher Aspekt der mittlerweile achtjährigen Beziehung zwischen Griechen und Deutschen. Hilfe vor Ort Die insgesamt 25 Mani-Freunde im Alter von 23 bis 73 Jahren legen größten Wert darauf, dass jeder Cent, der im Landkreis Ansbach und Neustadt an der Aisch gesammelten Spenden, den Bedürftigen zugute kommt. Jeder der Helfer nimmt jeweils Urlaub und bestreitet die Kosten für die Reise, Unterkunft und Verpflegung aus der eigenen Tasche. Kurz vor der Abreise verwandelt sich die Garage der Stammingers in eine Packstation. Jede Schachtel wird mit Menge, Inhalt und Bestimmungsort beschriftet, auf Paletten gestapelt und ein weiteres Mal gekennzeichnet. „Wenn wir nicht selbst vor Ort sind, werden die Paletten nach Ankunft an einer zentralen Stelle gesammelt und von den Mönchen oder den GAIA-Helfern verteilt“, erklärt Stamminger die Vorgehensweise der Spendenausgabe. Vorher hat er natürlich eine exakte Liste mit Art und Menge der Spenden erstellt, die vor Ort nach Empfang unterschrieben wird. Die Mönche kennen die Nöte der Menschen und haben genaue Kenntnis darüber, was gerade gebraucht wird. Jedes Jahr im Juni fahren die Colmberger Mani-Freunde mit Sach- und Geldspenden in die griechische Region. Auf dem Bauernmarkt in Kalamata kaufen sie eigenhändig Früchte und Gemüse, die dann durch die Mönche an die Armen persönlich verteilt werden. Für die Armenbewirtung im Kloster selbst konnten die engagierten Freunde Bänke für den Speiseraum spenden. Unterstützung der Kranken Großen Bedarf gibt es auch an medizinischen Artikeln, da es in Griechenland keine Krankenversicherung gibt. „Es gibt selbst organisierte Krankenstationen auf Spendenbasis, wo Hilfebedürftige ärztliche Versorgung finden“, erzählt der Gründer der Mani-Freunde. Die Ehefrau (Diakoniemitarbeiterin) eines ehemaligen Arbeitskollegen Stammingers sammelt Inkontinenzmaterial, das die Angehörigen Verstorbener noch übrig haben. Rollstühle, Gehhilfen, Hygieneartikel aber auch Schulmaterial, Babynahrung und Windeln werden in Altenheimen und unter 120 Familien in der Mani-Region verteilt. Mit einer Geldspende wurde die Installation von Klimageräten im Altenheim unterstützt und im Jahr 2017 haben deutsche und griechische Helfer sogar eine Feuerwehrhalle mit einer Fläche von 180 m2 gemeinsam aufgebaut und durch Mani-Spenden zu 100 Prozent finanziert. Das Material für die Halle stammt aus Deutschland, weil die Kosten trotz Transport insgesamt günstiger waren. Die Feuerwehr der GAIA-Organisation hat Schläuche, Stiefel, einen Unimog, Notstromaggregate, 120 Bierzeltgarnituren...

Ein reisendes Herz

Brigitte Christine Trautmann-Keller ist Schaustellerin mit Leib und Seele Manche Menschen haben es und manche leider nicht. Die Rede ist von Lebensfreude. Brigitte Christine Trautmann-Keller scheint darauf programmiert zu sein. „Ich bin in siebter Generation Schaustellerin“, erzählt sie, „und Schausteller sind Überlebenskünstler.“ Aktuell haben es ihr die süßen Sachen angetan und sie ist mit ihrem Süßwarenstand auf dem Marktplatz und den Rothenburger Messen und Märkten anzutreffen. In Rothenburg ist sie außerdem als offizielle „Märchentante“ bekannt. Ein Titel, der ihrem Engagement nicht ganz gerecht wird. Vom betulich Tantenhaften ist sie meilenweit entfernt. „Ich bevorzuge Märchenautorin oder -erzählerin“, sagt sie selbstbewusst. Vielseitig aufgestellt Brigitte Christine Trautmann-Keller lebt mit ihrem Mann Willi Keller in Hartershofen. Etwa 13 Jahre haben sie mitten in Rothenburg im Sulzengässchen gelebt. In Hartershofen haben sie nun nicht nur ihr neues Zuhause, sondern auch Raum für ihr Schaustellerequipment gefunden. Ein Wohnwagen, Stände für Süßwaren, die Angelbude oder ein historisches Karussell sind die Grundlage ihrer Selbstständigkeit. Willi Keller ist ein „Privater“. So nennen die Schausteller ihre Partner, die branchenfremd dazustoßen. Hätte Corona die Welt nicht erfasst, wären sie seit März von Messe zu Messe und Fest zu Fest gereist. „Wir haben 90 Prozent unseres Umsatzes verloren“, erklärt Willi Keller, der mittlerweile ebenso leidenschaftlicher Schausteller ist wie seine Frau. Die beiden könnten also betrübt sein. Sind sie aber nicht. Das Schaustellerblut in den Adern von Brigitte Christine Trautmann-Keller ist krisenerprobt. Auf dem heimischen Küchentisch breitet sie ihre Fotoschätze aus. Bilder auf Blechplatten von Männern in dunklen Anzügen, eine Gruppe Arbeiter vor einem Wohnwagen, ihr Großvater vor einer der ersten Panoramen – ein Blick in vergangene Zeiten. Um die Jahrhundertwende war ein Foto etwas sehr wertvolles und Brigitte Christine Trautmann-Keller legt sie in Hülle und Fülle auf den Tisch. Familie mit neuen Ideen „Mein Urgroßvater brachte...

Ein Kneipe von Format

„Landwehrbräu am Turm“ geht mit neuem Konzept an den Start Ein Traditionshaus macht sich auf, die Neuzeit zu erobern. Alte Balken, viel dunkles Holz, Bier aus handgemachter Brautradition – und dazwischen fünf junge Menschen. Oliver Götz, Johannes Keitel, Stephan Keitel sowie Florian und Lina Schmalbach packen es trotz Corona an. „Man könnte sogar sagen, ohne Corona hätten wir den Schritt nicht gemacht“, sagt Oliver Götz. Seit September sind die fünf die Pächter des Lokals „Landwehrbräu am Turm“ und haben am 1. Oktober ihre Kneipe mit neuem Konzept eröffnet. Mit einer jungen, lebendigen Kneipenkultur wollen sie ein weiteres Angebot in der Rothenburger Altstadt schaffen. Die Idee wurde bereits im März geboren, als Corona die Kulturwelt zum Stillstand zwang. Die beiden Brüder Keitel, Oliver Götz und das Ehepaar Schmalbach sind alle im Vorstand des Vereins Grenzkunst. Seit 2013 realisiert Grenzkunst besondere Kulturveranstaltungen. Dazu zählt das Elektrofestival „Sundowner“ in der Tagungsstätte Wildbad oder auch der „Eulenflug“ mitten im Wald bei Nordenberg. Der Verein hat etwa 30 Mitglieder. Zum Jahresende haben die fünf Kulturverwirklicher dann zusätzlich Format F gegründet. Mit der GbR wollten sie neue Formate über Grenzkunst hinaus realisieren. „Wir haben Lücken gesehen und die wollten wir in Rothenburg füllen“, so Johannes Keitel. Die Silvesterfeier am Marktplatz war der erste Streich. Anfang März folgte die Bürgermeister-Talkrunde kurz vor der Wahl. Und dann machte das Coronavirus allen weiteren geplanten Veranstaltungen ein Ende. Plötzlich war da viel freie Zeit. „Wir können einfach die Füße nicht stillhalten“, meint Oliver Götz. Die fünf Freunde hatten gehört, dass der Pachtvertrag im „Landwehrbräu am Turm“ ausläuft und ein Nachfolger gesucht wird. Alle hatten aktuell ihre Ausbildungs- bzw. Studienzeiten abgeschlossen und allerhand neue Ideen im Gepäck. Also warum nicht gemeinsam eine Kneipe aufmachen? „Wir waren schon überrascht“, erinnert sich Gerhard Ilgenfritz, Geschäftsführer der Landwehrbräu Reichelshofen, die das Gebäude mit Lokal gleich neben dem Siebersturm seit den 1960er Jahren besitzt. „Wir haben aber mit einer ähnlichen Konstellation von Gastronomen im Landkreis bereits hervorragende Erfahrungen gemacht“, fügt er an. Also wurden sich die beiden Parteien zügig einig. Die Format F GbR hat „Landwehrbräu am Turm“ für vorerst drei Jahre gepachtet. Im Oktober war Eröffnung. „Wir sind junge Leute, und was uns hier fehlt, wollen wir etablieren“, sagt Johannes Keitel. So wie mit den Kulturveranstaltungen von Grenzkunst möchten sie auch im Lokal ein breites Publikum ansprechen. „Besonderen Wert legen wir auf eine moderne Bierkultur“, meint Oliver Götz. Zur Eröffnung gab es ein eigens gebrautes Tröpfchen von der Landwehr-Brauerei aus Reichelshofen. Zum Bier kommen aber auch guter Café und ausgewählte Weine vom Weingut Schenk (Randersacker) und vom Weingut Stahl (Auernhofen). „Limos, Eistee und Sirups stellen wir selbst her“, erklärt Keitel. Regionalität, Nachhaltigkeit und ein ethisch verankerter Blick auf die Zukunft liegen den fünf Gastronomen am Herzen. Das sind die Themen unserer Zeit und diese wollen sie auch in ihrer Gastronomie repräsentiert sehen. „Großkonzernen geben wir daher keinen Platz“, fügt Johannes Keitel an. Kulinarisch wird es im „Landwehrbräu am Turm“ eine kleine, feine Karte mit Suppen, individuellen Rezepten, aber auch mit einem bodenständigen Vesper geben. Auch hier wird besonderer Wert auf die Wertigkeit der Zutaten gelegt. „Wir wollen mit der Kneipe raus aus den exklusiven Gruppen und hin zur Wohnzimmeratmosphäre“, so Oliver Götz. Das heißt, jeder ist willkommen: Der Kulturschaffende ebenso wie der Sportverein oder der Stammtisch. Ein offenes Haus mit einer ebensolchen Geisteshaltung. Kultur in der Kneipe In diesem Sinn ist immer Dienstag ein Plattenabend angedacht, „der platte Dienstag“. Die Gäste können ihre Lieblings-LP mitbringen und im „Landwehrbräu am Turm“ erklingt dann echter Vinylsound. Ebenso fest eingeplant ist das einmal im Monat stattfindende Kneipenquiz. Außerdem wollen die neu gebackenen Wirte im angeschlossenen Biergarten mit Blick auf die Stadtmauer einen „Winterbiergarten“ in der Vorweihnachtszeit anbieten. Ideen haben die jungen Geschäftsleute genügend. Bedingt durch die Coronasituation haben sie im Gastraum etwa 20 bis 25 Plätze weniger als üblich. Sobald sich die Situation aber entspannt, soll das kulturelle Programm hochgefahren werden. Zum Start hat die Kneipe unter der Woche...