Fazit einer Schülerfilmreise

Buch von Thilo Pohle: Begegnung mit Zeitzeugen des Dritten Reiches Das neue Buch von Thilo Pohle: „Wenn lang die Bilder schon verblassen“ zieht Bilanz über das Filmprojekt „doku“ von und mit Schülern der Oskar-von-Miller-Realschule in Rothenburg. Seit 40 Jahre über neun Schuljahrgänge hinweg bis zum heutigen Tag, werden die Geschehnisse des Dritten Reiches rund um Rothenburg filmtechnisch aufgearbeitet. Thilo Pohle (Deutsch- und Geschichtslehrer a.D.) erstellt in seinem neuen Werk mit Zitaten, Bildern und Zeugnissen ein Resümee über die Dreharbeiten. Mit der Frage: „Weißt Du, dass der Großvater dieses Schülers von der SS aufgehängt wurde“, hat alles angefangen. „Eine meiner Kolleginnen in unserer Realschule zeigte dabei im Vorbeigehen auf einen Schüler“, erinnert sich Thilo Pohle als wäre es gestern gewesen. Diese Worte ließen den Päda­gogen nicht mehr los. Was dahinter steckte war die Geschichte der drei Männer von Brettheim, die am 10. April 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges wegen der Entwaffnung einiger Hitlerjungen erhängt wurden. Es handelte sich dabei um den 49-jährigen Bauern Friedrich Hanselmann, den 42-jährigen Lehrer und NSDAP-Ortsgruppen­leiter Leonhard Wolfmeyer und den 63-jährigen Leonhard Gackstatter, Bürgermeister seit 1910. Darüber wollten die Schüler mehr wissen und beschlossen einen Dokumentarfilm zu drehen. Mit Interviews von noch lebenden Zeitzeugen und tatkräftiger Unterstützung des Brettheimer Ortsobmannes Fritz Braun, brachten sie einen mehrfach ausgezeichneten „Streifen“ auf die Leinwand, der bis heute internationale Kreise zieht. Es entstanden viele Fortsetzungen, die Licht ins Dunkel dieser Zeit bringen sollten. 200 junge Menschen leisteten mit 800 Filmvorführungen von Amerika, Frankreich, Russland bis hin zur Elfenbeinküste Hilfe zur Aufarbeitung der Nazizeit. „Die Rothenburger Schüler waren bisher die einzigen Deutschen, die mit Sowjetstreitkräften die Geschichte des Dritten Reiches aufzuarbeiten versuchten“, erzählt Pohle. Ergriffen und immer wieder neu überrascht waren die Jugendlichen über die Dankbarkeit, besonders von den Hinterbliebenen aus Brettheim, die sich die Qualen dieser Zeit endlich einmal von der Seele reden konnten. „Es war wohl eine regelrechte Befreiung für die alten Menschen“, ist sich Pohle sicher. Klar war von Anfang an, dass die Dokumentarfilme nicht verliehen oder verkauft werden. Eine Vorführung gibt es nur mit den Schülern, die ihn gemacht haben. „Dadurch war ein persönlicher Austausch mit den Menschen über dieses Thema möglich“, so das Ziel der „Filmemacher“. Das Buch enthält viele besondere Erlebnisse, die die Schüler mit ihrem Projekt erleben durften. Nach einer Vorführung des Dokumentarfilmes in den USA schrieb der US-Colonel Benjamin C. Jones: „Ich bin überzeugt, dass dieser Film in den USA dazu dienen wird, die Macht des menschlichen Mitgefühls unabhängig von Na­tio­nalität oder Sprache zu wecken. Er wird augen­öffnend sein, vor allem für junge Amerikaner, die mit der Ära des Zweiten Weltkrieges weniger vertraut sind, in der der stetige Einsatz der US-Kräfte in Europa notwendig war“. Carola Oberndörfer, eine Rothenburgerin jüdischer Abstammung berichtete auf Einladung des Altoberbürgermeisters Herbert Hachtel (1988 bis 2006) von der Vertreibung ihrer Familie aus ihrer Heimatstadt und der Tötung ihrer Schwester in Auschwitz. Diese und viele weitere Inhalte mit ganz persönlichen Erlebnissen der Schüler, Bildern und Texten beinhaltet das aktuelle Buch “Wenn lang die Bilder schon verblassen“ über die Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges. Im Herbst wird Thilo Pohle im Rahmen der Jüdischen Woche am 24. Oktober, um 10.30 Uhr, im Gemeindesaal der St.-Jakobs-Kirche eine Lesung aus seinem Buch halten. Der gleichnamige Dokumentarfilm ist am 17. Oktober, um 18 Uhr, im Creglinger Romschlössle zu sehen. ul INFO: Das Buch von Thilo Pohle „Wenn lang die Bilder schon verblassen“ kostet 29 Euro und ist ausschließlich im Internet unter: www.dokumentarfilmgruppe.de...

Die Farbe Lila

Artischocke trifft Melone Das Frankenland wird mit seinen neuen und altbewährten Feldfrüchten immer bunter. Mais, Gerste, Weizen und Zuckerrüben bestimmen schon längst nicht mehr alleine das Landschaftsbild der Region. Der sonnengelbe Raps, die himmelblaue Leinöl Blüte, der blaue Mohn bis hin zur leuchtend lilafarbenen Artischocke zeugen von vielfältigen aber auch außergewöhnlichen Ackerfrüchten. So manch einer fragt sich, „Was blüht denn da“? Ein Blütenmeer nahe Gollhofen erscheint Mitte bis Ende August in sattem Lila. Stefan und Ute Daubinger sind dieser prachtvollen Pflanze, der Artischocke verfallen. „Ein Arbeitskollege schenkte mir 2014 ein solch großes Prachtstück und zeigte mir Bilder vom Anbau auf dem eigenen Hof“, erzählt der Di­plom Agraringenieur Stefan Daubinger. Gleich im darauffolgenden April besorgte sich das Paar 80 Pflanzen und bauten sie im heimischen Hausgarten an. Es war ein voller Erfolg. „Wir boten sie erst einmal auf dem Uffenheimer Wochenmarkt an und die Leute waren begeistert“, erinnert sich Ute Daubinger. Später standen immer wieder Leute im Hoftor, auf der Suche nach der exotischen Schönheit. „Daraufhin machten wir einen Selbstbedienungsservice ab Hof auf“, so die Hauswirtschaftsmeisterin, die bis 2015 im Seniorenheim tätig war. Die einzelnen Pflanzen haben den Anschein einer überdimensionalen Distel-Pflanze. Und tatsächlich handelt es sich um einen Korbblütler aus der Familie der Disteln. Die Knospe als exotische Pizza Zutat oder als Salateinlage geschätzt, bauen die Daubingers jedoch die Sorte „Madrigal“ an, dessen Blüte ausschließlich für Dekorationszwecke geeignet ist. Die imposante Blüte der Artischocke aus dem Mittelmeerraum zieht hierzulande zahlreiche Hummeln, Bienen und Schmetterlinge an. Ein willkommener Nebeneffekt. Der Anbau gestaltete sich allerdings zunehmend aufwändig. Seit dem Probeanbau im Hausgarten im Jahr 2015 wurde die Stückzahl der gefragten Naturschönheit stetig gesteigert. Heute bewirtschaften Ute und Stefan Daubinger eine Ackerfläche von einem halben Hektar mit ca. 3000 Pflanzen. Die Jungpflanzen sehen aus wie kleine Kohlrabi...

Alles aus einer Hand

Die Röttinger Firma Winkler Design fertigt Bordküchen und Gemeinschaftsverpflegung Manches spielt sich zwar in der großen weiten Welt ab, hat seinen Ursprung aber in Unterfranken: Sollten Sie mal wieder reisen und vielleicht im Bordrestaurant des Rocky Mountaineer sitzen (lange Zeit der längste Reisezug Kanadas, der durch die Rocky Mountains fährt) oder im Hochgeschwindigkeitszug „Giruno“ bei der Fahrt durch den Gotthard Tunnel Hunger bekommen, dann erleben Sie, was die Firma Winkler Design aus dem unterfränkischen Röttingen alles kann. Das 1921 gegründete Unternehmen plant, konstruiert und baut Bordküchen für Schienenfahrzeuge. Konkurrenz haben sie kaum. „Einige haben es versucht, aber unterschätzt, was letztendlich dahinter steckt“, sagt Rudi Schmitt. Und der muss es wissen. Seit fast 40 Jahren arbeitet er bei Winkler Design, seit 26 Jahren ist er der Werksleiter. Die Unterfranken sind ein zurückhaltendes Volk. Was sie können, hängen sie nicht an die große Glocke. Sie verwenden ihre Energie darauf, ihre Arbeit perfekt zu machen. Also kommt da noch mehr: Winkler Design ist nicht nur im Railway-Segment stark, sondern fertigt Gemeinschaftsverpflegungen für Firmen wie BMW, Daimler, Airbus, RTL oder den Springer Verlag. Früher sagte man dazu Kantinen. Was das Werk in Röttingen verlässt, ist eher eine kulinarische Erlebniswelt auf technisch höchstem Niveau, die täglich Zigtausende von Mitarbeitern satt machen und motivieren soll. Los ging alles 1921. Georg Winkler hat in Röttingen die ersten Kühlmöbel gebaut – aus Holz und mit Fächern für Stangeneis. Schon 1925 hat das Unternehmen begonnen, Edelstahl zu verarbeiten und seine Kompetenzen in der Gastronomie ausgebaut. Von Beginn an war die individuelle Planung und die Verarbeitung verschiedenster Materialien eine Besonderheit. Alles aus einer Hand, das wollten einst kleine Gaststätten und heute brauchen das internationale Unternehmen. Aus den engagierten Anfängen ist ein moderner Firmensitz mit Bürogebäude und einer 5 000 qm großen Fertigungshalle in Röttingen geworden....

Zeitlose Ästhetik

Thomas Geißler schöpft die gestalterischen Möglichkeiten mit Fliesen aus Mit der klassischen weißen Fliese im Bad macht man zwar nichts falsch, aber die gestalterischen Möglichkeiten dieses Gewerks werden verschenkt. Die Kunst des Fliesenlegers ist heutzutage nicht mehr nur ein reines Handwerk, hier ist Kreativität und Ästhetik gefragt. Thomas Geißler hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Er kennt die klassische weiße Fliese ebenso wie deren moderne Version, die auch schon mal bis zu 2,40 m groß sein kann. Legt er erst mal richtig los, wird die Welt der Fliese zum Dorado für jeden Bauherrn oder Planer einer Renovierung. Neue Wege gehen Thomas Geißler hat sich im April diesen Jahres im Alter von 46 Jahren selbstständig gemacht. Knapp 30 Jahre war er als Geselle bei seinem einstigen Ausbildungsbetrieb angestellt. Nun wollte er „noch mal was reißen“ und zeigen, was die Fliese in seinen Händen alles vermag. Mit der neu gegründeten Firma „Fliesen Geißler“ bietet er alle Sparten seines Handwerks an: Fliesen, Platten, Mosaik, Naturstein. Sein Herz schlägt aber besonders laut für ganz spezielle Herausforderungen, die auch gerne ins Künstlerische gehen dürfen. Sein iPad hat er bei der Erstberatung immer griffbereit. Thomas Geißler hält sich stets auf dem aktuellen Stand. Nicht weil er muss, sondern weil er will. Mit klaren Worten umreißt er die Möglichkeiten, wie das neue Bad aussehen könnte und hat die passenden Bildbeispiele auf dem Bildschirm parat. In der Dusche kann der Fliesenleger Nischen einbauen, gefliest oder auch aus Edelstahl. „Durch die LED-Technik kommt immer mehr Licht in Kombination mit Fliesen“, erklärt er. Ganz begeistert ist er von einer neuen Systemlösung für Duschabtrennungen. Eine beidseitig geflieste und dennoch filigrane Trennwand baut er als Design orientierte Abtrennung in Bäder ein. „Außerdem gibt es integrierte Kosmetiktuchspender, die sich hinter einer Fliese verbergen, oder auch...

Der Kultroller lebe hoch Sep01

Der Kultroller lebe hoch

Vespa-Club Rothenburg – auf zwei Rädern um die Welt und zurück Eine Ausfahrt mit einem Vespa-Roller verkörpert ein Gefühl von Dolce Vita, Freiheit und Lebenslust. Genau diesen Eindruck hinterließ ein Amerikaner bei den Rothenburgern Jürgen Zidan („Gog“) und Horst Rosemann, der im Jahr 1961 auf einem solch ausgefallenen Zweirad die Stadt „unsicher gemacht hat“. Das war die eigentliche Geburtsstunde des Vespa-Clubs Rothenburg vor genau 60 Jahren. Nur 15 Jahre nachdem das erste italienische Kultobjekt von Enrico Piaggio „vom Band lief“. „Es ist Zeit für eine Verbeugung vor mehr als einem halben Jahrhundert Clubleben und dem unnachahmlichen Lebensgefühl auf zwei Rädern,“ wie Clubmitglied Rolf Grießmeier es zu sagen pflegt. Die Jahre waren erfüllt von großen Rollertreffen in Rothenburg und vielen europäischen Ländern. Die daraus entstandenen Freundschaften im In- und Ausland bleiben der „Rollerfamilie“ ein Leben lang erhalten. Jede Saison beginnt mit dem „Anrollern“ im Fühjahr und endet mit dem „Abrollern“ im Herbst. Sommer für Sommer gab es 30 Jahre lang in Rothenburg ein Treffen, das sich weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bei den internationalen Vespafans herum gesprochen hatte. „Zur großen Überraschung aller Beteiligten stattete uns der Rennfahrer und damalige Präsident des Vespa-Clubs von Deutschland, Hans Stuck, mit einem „Horch Oldtimer“ zum 10-jährigen Jubiläum einen Besuch ab“, erinnert sich Grießmeier als wäre es gestern gewesen. Von Jahr zu Jahr waren es mehr Teilnehmer, teilweise fanden sich bis zu 750 „Vespisten“ aus 77 Vereinen auf ihren Rollern zum Jahrestreffen in die Tauberstadt ein. Ein „Vespakorso“ durch die historische Altstadt war jedes Mal der Höhepunkt. Am Samstagabend nahmen bis zu 400 „Vespen“ Aufstellung auf dem Parkplatz vor dem Galgentor. Vor dem Korso wurden die italienischen Zweiräder geschmückt. Blumenkränze, Luftballons, Wimpel, Sonnenschirme, blaue Alufolie, alles war erlaubt. Einige der bis zu vierzig angereisten Clubs erschienen nostalgisch ganz im Stile der 50-er Jahre. Die Damen nahmen als Beifahrerin im Damensitz hinten Platz, die Beine unter dem Petticoat übereinandergeschlagen. Der Herr am Lenker trug ein Jackett, ein weißes Hemd und Krawatte, ganz im Stil des Rock ’n’ Roll und im Elvis Presley Trend. Am Abend ging es los mit dem Vespaumzug durch die Altstadt. Durch die Umstellung der Uhren auf die Winterzeit wurde der Tag kürzer. Deshalb wurden die Roller mit Lampions geschmückt – ein besonderes „Highlight“ für Touristen und Einheimische am Straßenrand. Anschließend gab es entweder im Hospiz, im Bären oder in der Reichsstadthalle einen Ball­abend. Jedes Jahr zeigten die Rothenburger „Vespisten“ einstudierte Darbietungen wie z.B. ein Männerballett und vieles mehr. Große und kleine Ausfahrten von Frühjahr bis Herbst standen auf dem Programm. Mit den alten Zweitaktern ging es teils mit den Frauen auf dem Rücksitz zum alljährlich stattfindenden „Euro-Vespa-Meeting“. Dazu gehörten Länder wie Italien, England, Frankreich, Dänemark, Belgien, um nur einige zu nennen. Außerdem wurden auf Einladung vieler befreundeter Clubs in ganz Deutschland gemeinsame Treffen angefahren. Der Vespa-Club Rothenburg war bis 1991 der einzige Verein in ganz Europa, der jedes Jahr ein solches internationales Treffen ausrichtete, eine besondere Leistung der wenigen Clubmitglieder von aktuell 21 „Vespisten“. Nach 30 Jahren internationaler Treffen in Rothenburg wurde das jährliche „Vespafestival“ auf den deutlich kleineren Festplatz in Detwang verlegt. Viele befreundete Clubs auch aus der Schweiz nahmen die Einladung mit Freude an. Darunter war der immer wieder gern gesehene Gast, der ehemalige belgische „Vespapräsident“ Jacques Chantrain mit einer der größten privaten Sammlungen von geschichtlichen Erinnerungsstücken rund um den Kultroller. Sommerliche Geschicklichkeitsspiele wurden geboten. Eine nasse Angelegenheit war das Luftballonstechen. Mit Wasser gefüllte, an einer Schnur hängende Ballons, sollten von der Beifahrerin zerstochen zu werden. Ein gelungener Treffer bescherte dem Paar dann einen erfrischenden Guss. Zur Tradition gehört auch, die alljährliche Wahl des Clubmeisters. Einen Pokal erhält, wer die meisten Kilometer bei offiziellen Fahrten zurückgelegt hat. Eine besondere Vespa hat Werner Clausecker, die sogenannte „Königin“. Sie ist ein limitiertes Prachtstück mit 5 PS und 125 Kubikzentimeter Hubraum aus dem Jahre 1954. Früher wurden ausnahmslos Zweitakter mit Schaltgetriebe gefahren. Um die weiten Fahrten zu den „Vespa World Days“ angenehmer...

Seltene  Einblicke Sep01

Seltene Einblicke

Die Kobolzeller Kirche ist im September sonntags geöffnet Die Kirchen Rothenburgs gehören zum Pflichtprogramm eines jeden interessierten Besuchers. Aber unten im Tal gibt es auch noch eine Kirche. Neben der Doppelbrücke, direkt an der Tauber gelegen, ist die Kobolzeller Kirche aber meist nur der Mittelpunkt eines Fotos vom Burggarten aus. Runter ins Tal schaffen es die wenigstens. Das machte in der Vergangenheit auch keinen Sinn, denn die Kirche mit dem Namen „Unsere liebe Frau zu Kobolzell“ war meist verschlossen. Nun öffnet das Gotteshaus im September immer sonntags seine Pforten. Also nichts wie hin. Grund für die neue Öffnungsstrategie ist die Belebung des „Fränkischen Marienwegs“. Wandern mit religiösem Bezug erfreut sich steigender Nachfrage. Bereits seit 2002 gibt es auf einer Länge von 900 km den Marienwanderweg in Unterfranken. Im letzten Jahr wurde der Marienwanderweg um Ober- und Mittelfranken erweitert und umfasst nun 2 000 km an ausgewiesenen Pilgerwegen, die 90 Marienwallfahrtsorte beinhalten. Es gibt zwei Hauptrouten, die „Ave-Maria Route“ über Bamberg, Nürnberg und Kulmbach, und die „Magnificat-Route“ auf der Rothenburg liegt. Von Heilsbronn über Colmberg führt der Weg nach Rothenburg zur St.-Johannis-Kirche und in die Kobolzeller Kirche. Von dort geht es weiter über Creglingen und Aub Richtung Iphofen. Die Wege verlaufen dabei zum Teil auf denen des Jakobswegs. Die Kobolzeller Kirche ist bei den Einheimischen aber auch beliebt als Hochzeitskirche. „Die Menschen mögen diesen Ort, denn er ist ein Stück Heimat für sie“, erklärt Pfarrer Harald Sassik. Die Lage der Kirche könnte idyllischer kaum sein. Einige Gründungslegenden ranken sich um die Entstehung eines Gotteshauses an dieser Stelle. Ein Einsiedler soll eine Zelle errichtet haben, eine Wegkapelle wird hier vermutet oder das Kloster Herrieden hatte hier eine Besitzung (aus: Anton Ress, „Kunstdenkmäler von Rothenburg“ ,1959, S. 367 ff). Die früheste Erwähnung eines Gotteshauses zu Füßen Rothenburgs ist mit...

Hoffnung Sep01

Hoffnung

Liebe Leser, so, nun ist er da – der September. Das Zünglein an der Waage. Der Sommer gibt seinen Abschied und der Herbst macht sich zusehends breit. Und mit ihm der Blick auf Coronazahlen und das ganze Drumherum: Offen oder zu, Homeoffice oder genüssliches Schwätzchen am Gang, Theater oder Glotze, Wirtshaus oder Kochtopf. Es tut so gut die Urlauber in der Stadt zu sehen, bei einem Cappuccino am Marktplatz oder ganz entspannt auf den Rathaustreppen sitzend. Rothenburg lebt, liebt und braucht den Tourismus. Was es nicht braucht, ist ein neuer Lockdown. Und den brauchen wir bei ROTOUR auch nicht. Vielleicht ist es Ihnen nicht aufgefallen (dann hätten wir es zumindest gut gelöst), aber die letzten zwölf Ausgaben seit Beginn der Pandemie haben wir inhaltlich umstrukturiert. Die Veranstaltungsseiten haben wir für Reportagen über Unternehmen, besondere Persönlichkeiten oder markante Orte genutzt. Auch auf unseren Kulturseiten mussten wir eine neue coronaindizierte Kreativität an den Tag legen, denn Kultur durfte es ja über viele Monate nicht geben. Mit der September-Ausgabe sind wir nun beinahe wieder auf Vor-Corona-Stand. Es gibt Ausstellungen, kulturell wird diverses geboten, Kabarettisten trauen sich auf die Bühne und sogar das Taubertal Festival hat mit neuem Konzept direkt vor der Stadtkulisse stattgefunden. Wir hoffen und bangen – wobei das Hoffen klar überwiegt – dass es so bleibt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß mit den folgenden 112 Seiten. So könnte ROTOUR in Zukunft wieder immer aussehen. Ihre Andrea...

September Sep01

September

Das Inhaltsverzeichnis des ROTOUR-Heftes für September Kultur Editorial: Hoffen und bangen Seltener Blick in die Kobolzeller Kirche Die Artgenossen stellen aus Das Museum im Kloster Frauental Ein Club für einen Kultroller Historische Steine am richtigen Platz Die BIldhauerin Susanne Rudolph Veranstaltungen Mooswiese in Feuchtwangen einmal anders Saisonauftakt in der TauberPhilharmonie Kulturtage in Crailsheim für Jung und Alt Ausgehtermine Rund um die Frankenhöhe Wohin im Hohenloher Land Wirtschaft Bordküchen von Winkler Design Wie geht es weiter bei der Projektschmiede? Panoramabild: Erste Herbstboten „Geflieste“ Ideen vom Fachmann Ein Tiny House vom Wintergartenbauer Artischocken und Melonen aus Gollhofen Information Rundgang durch die Jahrhunderte A walk through centuries Karte Rothenburg und Umland TITELBILD: Entspannte Stunden am Marktplatz Foto: am Service Wohin ausgehen in Rothenburg? Inserenten-Übersicht Sehenswürdigkeiten in deutsch/englisch Informationen von A bis Z Freizeitideen Impressum Gesellschaft Personalia: Martin Hanselmann Ein Rezept von den „Tauberhasen“ Schnappschuss: Das Naschauto Buch von Thilo Pohle über die Filmgruppe Szenegflüster: Erstmals wieder Livemusik Lyrik von Fritz...

Burgherr oder Mühlenbesitzer

Gerd Raisch erzeugt Strom in der „Ölmühle“ bei Creglingen Auf der Suche nach sich selbst durchstreifte Gerd Raisch 55 Jahre lang verschiedenste Länder wie Ägypten, Indonesien, Tibet und Indien. Die Lebensweise der eigenen Vorfahren und die Kultur fremder Völker zogen ihn von jeher in ihren Bann. Beruflich konnte er sich als ausgebildeter Elektroinstallateur und späterer Mitarbeiter im Controlling der Firma Alcatel (ein französischer Hersteller von Systemen und Geräten für die Telekommunikation) mehrere Wochen Urlaub erlauben. „Ich bin einfach ein Kulturfreak, der Länder und Menschen kennen lernen will“, erzählt er. Von seiner Jugend an träumte er davon, einmal in einer Mühle oder einer Burg sesshaft zu werden. Vor ca. 20 Jahren stieß der Weltenbummler per Zufall auf die „Ölmühle“ zwischen Münster und Creglingen, die sein künftiges Zuhause werden sollte. Die Nähe zum historischen Rothenburg und die Riemenschneider-Altäre in Detwang und in der Herrgottskirche schienen das richtige Umfeld für den Kulturbegeisterten zu sein. Drei Jahre lang pendelte der Visionär zwischen seinem neuen Domizil und dem Stuttgarter Arbeitsplatz hin und her. Die Geschichte der „Ölmühle“ erforschte Raisch natürlich auch ganz genau. Im Jahre 1737, als Lohe-, Walk- und Ölmühle konzipiert, wurde sie im Herrgottstal zur Herstellung von Gerbmitteln, Ölen sowie zur Veredlung und Verdichtung von Stoffen (Walken) genutzt. Durch die Erweiterung des Gebäudes und der Installation zweier Walzenmahlstühle im Jahr 1860 wurde sie zu einer „Altdeutschen Mühle“ erweitert. Der Umbau ermöglichte die Produktion von Ölen und Mehl. „Der Walzenmahlstuhl war damals der unmittelbare Vorläufer der Mahltechnik des künftigen Industriezeitalters,“ erklärt Raisch. Früher mussten die steinernen Mahlwerke im Gegensatz zu den Walzen, von Zeit zu Zeit geschärft werden, was mit einer Art Steinhammer geschah. Durch die neue Mahlart mit Walzen hatte sich diese Arbeit erübrigt. Später wurde das sogenannte Becherwerk, mit dem das Getreide aus dem Kornspeicher nach oben in den Mahlbehälter transportiert wurde, zur neuesten Errungenschaft in der „Ölmühle“. Das Einfüllen des Mahlgutes per Hand gehörte der Vergangenheit an. Beides ist in der „Ölmühle“ noch zu sehen. Die Stilllegung der Getreidemühle folgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis ca. 1970 wurde die Mühle für Schrotmahlgänge genutzt. „Viele Mühlen fungierten, wie auch die Lukasrödermühle in Rothenburg, noch lange zum Schroten von Getreide für Tierfutter“, erzählt der heute 75-Jährige. Was Gerd Raisch beim Kauf des Anwesens im Jahr 2001 nicht wusste, ist, dass er nicht im Besitz von Wasserrechten war. Irgendeinen Zweck sollte die Mühle jedoch in Zukunft noch erfüllen. „Ich fühlte mich zu der alternativen Stromerzeugung mit Wasserkraft berufen“, beschreibt Raisch seine damalige Zukunftsidee. Durchhaltevermögen gefragt Die Stromerzeugung mittels Wasserkraft lag nahe. Gemeinsam mit dem Mannheimer Ingenieur und Mühlenliebhaber Felix Körner ging es ans Werk. Er hatte damals die Lukasrödermühle rekonstruiert und war im Begriff, die Schwarzenmühle wieder herzustellen. Drei Jahre lang arbeiteten Raisch und Körner Seite an Seite an der technischen Installation zur Stromerzeugung per Wasserkraft. Im Jahr 2005 konnten die Wasserrechte wieder erworben werden. Der Antrag auf die Stromlieferung ins öffentliche Netz war eine besondere Herausforderung. Glücklicherweise konnte Gerd Raisch die im Stadtarchiv vorhandenen, für den Antrag notwendigen Angaben, die in der altdeutschen Schrift „Sütterlin“ verfasst waren, übersetzen. Aufgrund der geänderten Auflagen wurde die Stromeinspeisung sieben Jahre nach der Rückgewinnung der Wasserrechte erst im April 2013 möglich. Mit dem technischen „Know-how“ Körners konnte die Mühle als ein effektives Wasserkraftwerk zur Stromerzeugung in Betrieb gehen. „Es tat sehr gut, wie ich einmal mithören durfte, wie Bürgermeister Uwe Hehn dem Stadtbaumeister meine Probleme erklärt hatte“, freut sich Raisch über die stets moralische Unterstützung des Stadtoberhauptes. Mit viel Herzblut und hohen finanziellem Aufwand baute er sich ein gemütliches Heim. Gegenüber des Mühlengebäudes errichtete Raisch ein kleines Haus mit Holzlege und einem gemauerten Backofen. Auch für den Innenausbau im Wohnbereich hatte er ganz eigene Ideen. „Die Küche mit Zugang zu einer Vorratskammer wurde zu einem Raum. Dabei gab es so manche Überraschung. Die trennende Wand war aus leichtem Ytongstein, die sich mühelos entfernen ließ. „Als die Steine entfernt waren, stellte ich fest, dass dieses Mäuerchen eine...

Der Kulturgarten ist umgezogen

Im Pfarrgarten der Heilig Geist Gemeinde wird gemeinsam Gemüse und Obst angebaut Ob Jung oder Alt, neu hinzugezogen oder Menschen mit Handicap – alle Rothenburger dürfen mit anfassen und den neuen „Kulturgarten“ im Pfarrgarten der Heilig Geist Gemeinde mit gestalten und davon profitieren. Seit Ostern ist Pfarrerin Andrea Oechslen aus Erding bei München in die Tauberstadt gezogen und konnte sich gleich für die Idee des „Kulturgartens“ auf dem Pfarrgelände begeistern. Auf diese Weise kommen Rothenburger aus allen Altersstufen und sozialen Schichten zu ihr in den Garten – eine gute Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Die 920 qm große Fläche bietet viel Raum für eine kreativ gestaltete Gartenanlage, vielleicht sogar mit gemütlichen Sitzecken für ein „Päuschen“ mit „Pläuschchen“ im Schatten alter Bäume an heißen Sommertagen. Ob Familien, Senioren, Jugendliche, alle, die sich für den biologischen Obst- und Gemüseanbau interessieren, sind herzlich eingeladen, sich auf das gemeinsame Projekt einzulassen. Gemeinsam sollen Gartenfrüchte für den Eigenbedarf angebaut werden. Blüh- und Zierpflanzen sollen den „Kulturgarten“ harmonisch einrahmen. Geträumt und gemacht Der Kulturgarten ist aus der Aktion „Träumen und Machen“ von und mit Daniel Ried entstanden. Menschen trafen sich, um offen über eigene Visionen und Ideen zu sprechen, natürlich mit dem Ziel, diese mutig in die Tat umzusetzen. Anke Schrenk von der Stadt Rothenburg träumte von einem Gemüse- und Blühgarten, der für alle zugänglich ist. Gesagt, getan. Zur großen Freude der Einwohner entstand auf dem Gelände des Bürgerheims ein Gemüsegarten für jedermann. Die Coronasituation hat den Zugang der Anlage aufgrund von Kontaktbeschränkungen nicht mehr möglich gemacht, sodass es nur mit Mühe gelang, die Pflanzen in den Sommermonaten regelmäßig zu gießen. Das wird jetzt ein Ende haben, denn der neue Standort im Pfarrgarten der Heilig Geist Gemeinde bietet uneingeschränkten Einlass von der Spitalgasse aus. Ein großes, hölzernes Tor zwischen dem Eingang zur Heilig-Geist-Kirche und der Rossmühlgasse ermöglicht den direkten Zugang auch mit elektrischen Gartengeräten. Für die Lagerung der Gartengeräte gibt es vielleicht sogar auch schon eine Idee. Mit am Start ist die Heilpädagogin und Kunsttherapeutin Heidemarie Duwidziuk von der Rothenburger Diakoniestation. „Alle sprechen immer von Inklusion, aber an der Umsetzung hapert es noch sehr“, erzählt sie aus Erfahrung. Menschen mit Behinderung können mehr als man denkt. Sie haben im Kulturgarten die Möglichkeit, mit allen beteiligten Rothenburgern in Berührung zu kommen und gemeinsam viel zu erleben. „Es soll ein barrierefreier, niederschwelliger Austausch, eine Begegnung und gelebte Inklusion stattfinden können“, so der Wunsch von Anke Schrenk. Die beteiligten Menschen finden Bestätigung im gemeinsamen Tun und werden durch Ausprobieren auch motiviert zu weiterem Engagement in ihrer Stadt.Der Garten soll aber auch ein Lernfeld für urbane Selbstversorgung und ein Gegenentwurf zur Massenproduktion in der häufig schadstoffbelasteten Lebensmittelerzeugung sein.Für den Neustart des Kulturgartens werden immer helfende Hände aus allen Gesellschaftsgruppen in Rothenburg gesucht. Wer Freude am „Garteln“ mit Nachbarn hat, die er noch nicht kennt, kann sich im Internet unter www.kulturgarten-rothenburg.de informieren....

Aufbruch in ein neues Leben

Oliver Körber hat die Glasknochenkrankheit. Trotzdem lebt er Eigenständigkeit. Auf seinen physisch eigenen Beinen zu stehen, das war Oliver Körber noch nie vergönnt. Aber im ideellen Sinn auf den eigenen Beinen zu stehen, das packt er nun an. Seit September hat er eine eigene Wohnung in Rothenburg gemietet. Das war eine der Voraussetzungen, um den Antrag zum persönlichen Budget für Assistenz bewilligt zu bekommen. Zweieinhalb Jahre sind seit Antragstellung vergangen. Vor wenigen Wochen kam nun die Zusage vom Bezirk. Oliver Körber steht ein eigenes Assistenzteam von fünf bis sechs Vollzeitkräften zu. „Ich suche auf Hochtouren nach Menschen mit Erfahrung im Bereich Pflege“, sagt er. Oliver Körber lebt noch bei seinen Eltern. Er macht nun mit 42 Jahren, was andere mit 20 machen: Er will ausziehen und eigenständig werden. Oliver Körber hat die Glasknochenkrankheit (Typ 3). Eine sehr seltene Erkrankung, von der es nur rund 5 000 Betroffene in Deutschland gibt. „Ich bin schon mit gebrochenen Knochen auf die Welt gekommen“, erzählt er. Jammern hilft nicht Die ersten sechs Jahre habe er nur im Bett verbracht. Trotzdem hatte er in diesem Zeitraum um die 60 Knochenbrüche – kaum war der eine verheilt, kam der nächste. Gehversuche waren unmöglich und die therapeutischen und medizinischen Maßnahmen mit den heutigen Möglichkeiten nicht vergleichbar. „Insgesamt dürften es in meinem Leben so um die 100 Brüche gewesen sein“, meint er. Die Schmerzen seien wohl die gleichen wie bei Brüchen ohne Glasknochenkrankheit. „Vielleicht heilt es bei mir etwas schneller“, fügt er an. Er hat diverse Operationen hinter sich, bei denen seine Knochen mit Nägeln begradigt wurden. Aber mit den Jahren sei es besser geworden, kommentiert er. Wann er das letzte Mal beim Arzt war, weiß er schon gar nicht mehr. „Höchstens mal zur Routineuntersuchung beim Hausarzt“, erzählt er, „Mir geht es verhältnismäßig gut.“ Oliver Körber ist genau das, was man sympathisch unkompliziert nennt. „Die Krankheit ist ein Teil meines Lebens, aber nicht mein Leben“, ist seine Einstellung. Grundsätzlich müsse man sich mit den Rahmenbedingungen abfinden und „wenn ich schlechte Laune an den Tag lege, wird mein ganzes Leben schlechter“, sagt er. Trotz körperlicher Einschränkungen ist er seinen Lebensweg zielstrebig gegangen. Oliver Körber war auf dem Reichsstadtgymnasium. „Ich saß damals im Schieberollstuhl und hatte einen Zivi an meiner Seite“, erzählt er. Erst als er in der 8. Klasse war, gab es einen Aufzug im Gymnasium. Bis dahin hat ihn der Zivi im Rollstuhl die Treppe hochgezogen. „Das war natürlich nicht ideal“, kommentiert Körber. Oliver Körber kann seine linke Hand gar nicht benutzen, die rechte Hand nur zu 60 Prozent. „Ich hatte damals in der Schule schon einen Laptop“, erinnert er sich, „Das war ein cooles Teil.“ In jungen Jahren konnte er die Hand noch etwas besser bewegen und Mathematikaufgaben auf Papier schreiben. „Da musste mir aber jemand das Blatt festhalten“, erinnert er sich. Zielstrebig und motiviert Nach dem Abi war klar, entweder studiert er Mathe oder Informatik. „Mathe war das Fach, wo ich nie etwas lernen musste“, erzählt er. Letztendlich hat er sich doch für Informatik entschieden und bis 2007 an der Fernuni Hagen studiert. „Ich war Vorreiter im Bereich Videoprüfung“, erinnert sich Oliver Körber. Ein Universitätsmitarbeiter kam nach Rothenburg und er konnte unter Beobachtung zu Hause seine Prüfungen ablegen. Nach dem Studium übernahm er erst eine Stelle als Softwareentwickler für ein Consulting Unternehmen in Augsburg, bevor er wieder an die Uni zurückging. „Ich hatte einen Vertrag als Lehrassistent an der Uni Hagen“, so Körber. Zu dieser Zeit begann er auch seine Dissertation zu schreiben. Aber so wie es viele trifft, traf es auch ihn: der Vertrag wurde nicht verlängert. „Ich habe dann aus Zufall den Job meiner Schwester Katja übernommen“, erzählt Oliver Körber schmunzelnd. Die Nähe zur Informatik liegt in der Familie und er stieg als Softwareentwickler bei einer Ulmer Firma ein. „Danach hatte ich noch ein Stipendium an der Uni, um meine Dissertation weiterzubringen“, erzählt Körber. Ganz fertig ist sie noch nicht, aber das Thema dreht...

Ein Paradies für Stilvolles

Anita Mendt lebt für ihren „Edengarten“ in Herrnberchtheim Mit dem Wechsel der Jahreszeiten ist sie aufgewachsen. Auf dem elterlichen Bauernhof in dem kleinen Ort Herrnberchtheim, nahe Uffenheim, hat Anita Mendt gelernt mit der Natur zu leben. Die Einzigartigkeit der vier Jahreszeiten mit seinen unterschiedlichen Gesichtern fiel ihr besonders beim „Schoppen in der Natur“ auf. Mit Schere und Korb bewaffnet, sammelte sie erste Boten des Frühlings, Rosen- und Staudenblüten des Sommers, Hagebutten im Herbst und Winteraccessoires, die auf ihren Spaziergängen ins Auge fielen. Für jede Blume, jede Baumrinde, Moos oder Zweige mit ihrer ganz individuellen Struktur hatte Anita Mendt ein fertiges Stillleben im Kopf. Daraus entstanden immer ganz eigene Arrangements für Haus und Garten, die schnell Beachtung bei Freunden und Nachbarn fanden. Sie gab Landfrauenkurse für Trockensträuße und selbst gemachte Bindehilfen für Blumengebinde, Kränze und Tischgestecke. Die Nachfrage nach den Kursen zog damals Kreise von Würzburg über Ansbach bis nach Rothenburg und Umgebung. Bei ihren Streifzügen in der Natur kam sie des Öfteren an einem alten Bauernhaus vorbei, das irgendwann zum Verkauf stand. „Das oder keines sollte es sein“, dachte sie sich vor mehr als 30 Jahren. Der geheimen Sehnsucht nach einem eigenen Anwesen als Schauplatz für Dekorationsideen, für Innen und Außen, für Hochzeiten oder auch für private Feste rückte vor ihrem inneren Auge fassbar nahe. Das 123 Einwohner große Seelendorf hatte so seine besonderen Ortsteile. Einer davon wurde der „Edengarten“ genannt; ein Grundstück, auf dem das Haus ihrer Träume stand. Ein altes Hofgebäude, das nicht wie ein fränkisches Bauernhaus, sondern eher wie die Villa von Scareltt O‘Hara in dem Filmklassiker „Vom Winde verweht“ anmutete – Das perfekte Ambiente für ein eigenes Areal, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Auch die drei Reitpferde und ein Pony haben Platz in den ehemaligen Stallungen gefunden. Heute hat sich die Naturfreundin auf nur ein Reitpferd beschränkt. Ihr Wunsch zu einer Ausbildung zur Dekorateurin sollte sich allerdings nicht erfüllen. Anita Mendt arbeitete als ausgebildete medizinisch-technische Assistentin (MTA) zehn Jahre lang in Labors. Ihren Traum vom eigenen Dekorationsgeschäft erfüllte sie sich nach und nach als Ehefrau und Mutter ganz nebenbei in ihrem „Edengarten“. Geht man heute ein paar Schritte durch das schmiedeeiserne Portal, ist es, als taucht man in ein verwunschenes 2 000 Quadratmeter großes Paradies ein. In jedem Winkel zeigt der Garten ein anderes Gesicht. Umsäumt von Rosen, Stauden, Steinskulpturen und kunstvoll bepflanzten Gefäßen, liegt die kleine Villa. Ihr Inneres gilt es ebenso zu entdecken wie den ehemaligen Pferdestall, der als Kreativwerkstatt und Dauerausstellung für die neuesten Dekorationsideen aus der Fantasiewelt von Anita Mendt dient. „Ich legte immer schon meinen Fokus auf die Wertigkeit meiner Produkte und bezahlbar muss es sein“, betont sie weiter. Über Jahre hinweg inszenierte die Gestaltungskünstlerin Osterausstellungen, ein Rosenfest im Juni, das Lichterfest im Herbst bis hin zum mittlerweile traditionellen Weihnachtsmarkt. Aber auch den „Edengarten“ hat die Pandemie verändert. Zurück zu den Wurzeln Was einmal mit individuellen Kundenberatungen zur Raumausstattung, Gartendekoration und der Ausgestaltung von Festivitäten verschiedenster Anlässe begann, hat heute wieder Priorität. „Ich komme zu den Menschen nach Hause und nehme mir Zeit, um die Stilrichtung des Kunden aufzunehmen“, erzählt sie. Es liegt ihr fern, die eigenen Gestaltungsvorlieben in den Häusern, Gärten oder Festdekorationen umzusetzen. Viele suchen sich schöne Dinge aus ihrem Repertoire aus und stellen mit Anita Mendt eine ganz eigene Kreation zusammen. Dabei gehört der Stilbruch wie die Kombination von Gold und Silbernuancen oder des Barock, mit dem geradlinigen Designerstil zur Handschrift der „Mendt-Gestaltung“. „Ich arrangiere gerne viele Dinge, die augenscheinlich nicht zusammenpassen“, erzählt sie lächelnd. Pflanzen für perfekte Deko Im Moment boomt der „Dschungelstil“ mit Pflanzen aus dem sogenannten „Easycare“-Programm. Dazu gehört zum Beispiel die Bepflanzung von hochwertigen Gefäßen mit pflegeleichten Gewächsen wie spezielle Sukkulenten, die auch einen zweiwöchigen Sommerurlaub ohne Wasser überleben. Ein Urlaub zu Hause wird für die Menschen nicht nur wegen Corona immer wichtiger. Um dem Namen gerecht zu werden, bietet der „Edengarten“ auch Zimmer- und Gartenpflanzen an. Wer einmal eine ganz individuelle...