Weltweite Strahlkraft
1. Oktober 2026
Weltweite Strahlkraft
Aktion Spendensteine unterstützte den Wiederaufbau
Ein früher Samstagmorgen auf der Stadtmauer. Die richtige Zeit, um in die Geschichte der Befestigungsanlage einzutauchen, die der Leiter des Rothenburger Stadtarchivs, Dr. Florian Huggenberger, im Gespräch so lebendig schilderte. Die wechselvolle Bedeutung für die Entwicklung der Stadt war und ist immens, denn das militärische Schutzschild des Mittelalters wandelte sich ab etwa 1820 zum Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. So trägt die aus Muschelkalksteinen errichtete Stadtbefestigung damals wie heute zur wirtschaftlichen Stabilität der einstigen Reichsstadt und jetzigen freien Kreisstadt bei.
Doch ohne finanzielle Zuwendungen privater Organisationen und Einzelpersonen wäre ihre für den Tourismus so entscheidende Unversehrtheit und der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg kaum möglich gewesen.
Die Spendensteine an der Stadtmauerpartie vom Klingentor zur Spitalbastei erinnern an die Aktion, die die „Arbeitsgemeinschaft zum Wiederaufbau der Stadt Rothenburg“ unter ihrem ersten Vorsitzenden Dr. Heinz Wirsching 1950 initiierte. Sie dienen Gästen aus dem In- und Ausland als beliebtes Motiv, ebenso wie die Schießscharten oder die wundervollen Blickwinkel auf die historische Altstadt.
Vor 854 Jahren als sofort nach der Stadterhebung durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Jahr 1172 der Bau der ersten Stadtmauer begann, spielten weder Außenwirkung noch Romantik dafür eine Rolle. Genauso wenig wie bei der bereits 1204 nötigen Stadterweiterung mit Errichtung eines neuen Befestigungsringes. Es ging einzig um Wehrhaftigkeit bei kriegerischen Auseinandersetzungen und Zugangsbegrenzung an den Toren. Rothenburg hatte seinen eigenen Markt und es war von großer Bedeutung den Warenfluss zu lenken, Händler zu reglementieren und Zölle zu erheben. Auch galt es unerwünschten Leuten wie Räuber, Betrüger und jedem, der irgendwie verdächtig aussah, den Zutritt zur Stadt zu verweigern.
Die Zeitzählung orientierte sich am Tageslicht und bei Dunkelheit wurden die schweren Portale verschlossen. Wer innerhalb der Mauern lebte gehörte zu den Privilegierten – dem Patriziat, gebildet aus Ministerialen und ehemaligen Burgmannen der Stauferburg. Sie hatten ihre Häuser in der inneren Stadt in der Nähe des Marktplatzes, zum Beispiel in der Herrengasse. Handwerker lebten vor allem in den äußeren Bezirken, jenseits der ersten Stadtmauer.
Die Beliebtheit von Rothenburg wuchs rasant und zog immer mehr Menschen an. Sie wollten bleiben, Häuser bauen, ihre Gewerke etablieren und Familien gründen.
Eine Ausweitung des befestigten Areals ließ daher nicht lang auf sich warten. Die Fortschritte in der Belagerungstechnik, besonders das Aufkommen von Feuerwaffen im 14. Jahrhundert erzwangen eine Verstärkung der Wehranlagen. Denn Gewalt und Konflikte mit umliegenden Rittern und anderen Städten waren an der Tagesordnung, Abschreckung gegen Angriff und Belagerung galt als die beste Verteidigung.
Die Bürger – ausnahmslos zuverlässige Männer mit einem ehrenhaften Beruf, Haus und genügend Vermögen, um sich selbst zu erhalten und die Aufnahmegebühr bezahlen zu können – waren für den Erhalt und den Ausbau ihrer Stadtmauer zuständig. Sie mussten bei Reparaturen oder Erweiterung Hand anlegen und regelmäßig in den Nächten Wache schieben, da ihr besonderer Status ihnen nicht nur Rechte gewährte, sondern auch Pflichten verlangte.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts galt der Ausbau der Stadtmauer mit sechs Toren und 29 Türmen als abgeschlossen. Doch schon 1427 verlangte der Fortschritt bei Geschützen und Handfeuerwaffen nach noch mehr und noch besserer Verteidigung gegen Feinde. Kein Stillstand der Entwicklung in Sicht, bis nach 1500 die spätmittelalterlichen Befestigungen Rothenburgs stagnierten, ebenso wie die Bevölkerung der Stadt.
Gebeutelt von den Wirren des 30jährigen Krieges versank Rothenburg in eine Art Dornröschenschlaf, was dem Erhalt der gut erhaltenen historischen Kulisse zugutekam. Als konservative, aber ökonomisch durchaus auf der Höhe der Zeit befindliche Reichsstadt erlebte diese die zweite Hälfte des 17. und das 18. Jahrhundert.
Doch mit dem Übergang Rothenburgs an Pfalz-Bayern 1802/03 verloren die Stadtmauern nach und nach ihre rechtlich-hoheitlichen Funktionen. Der bayerische Staat sah die Steingebäude und Grundstücke der Befestigungsanlagen zum Verkauf auf Abbruch vor, um die reichsstädtischen Schulden abzutragen und Unterhaltungskosten zu sparen.
Das wäre es gewesen, wenn nicht Einheimische einen Gang auf der Stadtmauer als sehr schön empfunden, Maler auf ihren Studienreisen ab 1820 die herrliche Kulisse des Mittelalters auf ihren Bildern verewigt hätten. Nicht zuletzt begründete Ludwig I. von Bayern bei seiner Thronbesteigung 1825 seine romantische Liebe zu historischen Bauwerken mit deren militärischem Wert. Die Stadtmauer war gerettet.
Nach dem Luftangriff, der 1945 Teile der Wehranlagen auf einer Länge von 740 Metern stark beschädigte, brachte die Meter-Spenden-Aktion das fehlende Geld für die Wiederherstellung.
Den Grundstein für die weltweite Öffentlichkeitsarbeit für das mittelalterliche Denkmal legte der Artikel darüber aus dem Fränkischen Anzeiger vom 8. Februar 1950. Zwischen Klingentor und Galgenturm erzählen Namen von Gönnern aus der ganzen Welt – zum Beispiel Japan, USA, Stockholm, München, Krim, China, Indonesien, Russland, Uffenheim und Frankfurt am Main - von ihrer Verbundenheit mit Rothenburg.
Die Kämmerei freut sich weiterhin über Anfragen, denn die Aktion für den Erhalt läuft seit nunmehr 76 Jahren. Heute sind Spendensteine und laufende Spenden-Meter der Hintergrund für unzählige Selfies und so mancher Spruch von Touristen zum Leben im Mittelalter krönt im Vorbeilaufen den Samstagmorgen auf der Stadtmauer: „Wir wären heute eindeutig zu groß für den Job“ oder „Ein schöner Arbeitsplatz mit toller Aussicht und viel frischer Luft – bei Frieden.“ Gelebte und geliebte Geschichte über Jahrhunderte – Tag und Nacht geöffnet für die Welt. br





