Marias Geheimnis
30. April 2026
Marias Geheimnis
Restaurator entstaubt Altar und stößt auf verborgene Details
Draußen scheint die Märzsonne, in der Creglinger Herrgottskirche ist es kühl. Der berühmte Marienaltar von Tilman Riemenschneider präsentiert sich in ungewohntem Gewand: umschlossen von einem dreistöckigen Gerüst. Denn Schönheit will gepflegt sein. Jürgen Holstein steht auf der mittleren Plattform. Mit dem Pinsel löst er behutsam den Staub von Marias Kleid und saugt ihn über eine Fugendüse ab. Nur die wenigsten Menschen kommen der Figur so nah.
Der 63-Jährige ist gebürtiger Rothenburger, selbstständiger Restaurator und studierter Kunsthistoriker. In seinem Arbeitsalltag restauriert, reinigt und retuschiert er Skulpturen sowie Gemälde unterschiedlichster Epochen. Heute taucht er in die Spätgotik ein. „Der hautnahe Kontakt mit sehr guter Kunst“ begeistert ihn an seinem Beruf besonders. Die dafür notwendigen Voraussetzungen sind ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen: Ausdauer, Genauigkeit und Verantwortungsgefühl.
Mit der Wartung in Creglingen hat ihn die Kirchengemeinde beauftragt, in Absprache mit dem Landesdenkmalamt. Fünf Tage lang ist Jürgen Holstein am Marienaltar beschäftigt, der in Fachkreisen als Hauptwerk Riemenschneiders gilt. Zusammen mit der steinernen Basis ist er etwa zehn Meter hoch. Holstein arbeitet sich von ganz oben nach unten.
Dargestellt ist unter anderem die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Auf den Seitenflügeln sind Szenen aus dem Leben der Gottesmutter zu sehen. Der Restaurator empfindet Bewunderung für die Kunst des Würzburger Bildschnitzers: „Die Haarlocken und die Adern an den Händen, das ist alles meisterhaft“, findet er.
Während er mit einem feinen Tuch vorsichtig über die Lindenholzfiguren streicht, sagt er: „Die Spinnweben sind hier ganz massiv.“ Alle drei bis vier Jahre sollte eine solche konservatorische Maßnahme vorgenommen werden. „Wir haben hier eine weitgehend offene Holzoberfläche“, erklärt er. „Sie ist nicht grundiert oder farbig gefasst.“ Bleibt der Staub darauf liegen, kann er bei klimatischen Veränderungen Feuchtigkeit ziehen. „Dann verbackt er mit der Holzoberfläche.“ Außerdem entwickelt sich ein Nährboden für Schimmel.
Den Staub erzeugt jeder Besucher, der über die Steinplatten läuft. Das sogenannte Lichtwunder lockt jedes Jahr viele Menschen nach Creglingen: Um Mariä Himmelfahrt im August fallen die Strahlen der Abendsonne direkt auf das Gesicht der Marienfigur – ein berührendes Ereignis. Obwohl die Herrgottskirche seit der Reformation evangelisch ist, steht Maria hier im Zentrum.
Die reiche Ausschmückung, besonders das Rankenwerk, verlangen Jürgen Holstein Fingerspitzengefühl ab. Was sind die größten Herausforderungen? „Dass ich nicht vom Gerüst falle und nichts beschädige“, meint er in sachlichem Ton und lächelt dabei entspannt.
Der Restaurator empfindet es als Privileg, Details zu entdecken, die den Besuchern verborgen bleiben. Er bekommt die Zehen vom Schmerzensmann zu sehen und die Inschriften von längst verstorbenen Handwerkern. Auch die Rückseite des Retabels, so wird der Altaraufsatz genannt, erzählt spannende Geschichten. Die Figuren und Flächen sind dort von dicken Bohrlöchern übersät. Sie zeugen von verzweifelten Versuchen, holzhungrige Schädlinge zu bekämpfen. Bereiche des Retabels sollen über diese Löcher mit Mitteln wie Arsenoxid, Quecksilberchlorid und Formaldehyd getränkt worden sein. „Das würde so heute nicht mehr stattfinden“, weiß Holstein. Während der Wartung trägt er eine Maske. „Das gast leider immer noch aus und ich habe die Nase ja ziemlich nah am Holz.“
Der Marienaltar ist einer der vier erhaltenen Altäre Riemenschneiders und eines der bedeutendsten Kunstwerke Frankens. Er hat Jahrhunderte überstanden, ist Zeuge historischer Ereignisse wie der Reformation und den Weltkriegen. Das Datum seiner Fertigstellung kennt niemand mit letzter Gewissheit, da es keine Unterlagen gibt. Es könnte zwischen 1505 und 1510 liegen.
Jürgen Holstein kennt die künstlerische Handschrift des Meisters gut. Er hat auch den Heilig-Blut-Altar in der Rothenburger St.-Jakobs-Kirche und den Heilig-Kreuz-Altar in der St.-Peter-und-Pauls-Kirche Detwang gewartet – beide ebenfalls von Riemenschneider.
Der frisch gewählte Stadtrat und begeisterte Fahrer eines Alfa-Romeo-Oldtimers ist nicht nur im Rothenburger Raum unterwegs. Für die Kunstsammlung Würth betreut er regelmäßig Auf- und Abbauten, auch im Ausland. „Das sind echte Highlights, wenn ich da mitarbeiten darf.“
Rätsel um den Standort
Schon im Gymnasium war Kunst sein Lieblingsfach. Damals wurde er durch einen Fernsehbericht über die Tiepolo-Fresken in der Würzburger Residenz auf seinen späteren Beruf aufmerksam. „Das hat mich so fasziniert“.
Seine Ausbildung absolvierte er am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg bei Dr. Thomas Brachert, Leiter des Instituts für Kunsttechnik und Konservierung. „Der war einer der Größen der deutschen Nachkriegs-Restaurierungsgeschichte.“ Begleitend dazu schloss Holstein ein Kunstgeschichte-Studium an der Uni Erlangen ab.
Während er in der Herrgottskirche auf dem Gerüst steht, treibt ihn ein großes Rätsel um: Wurde dieses mächtige Altarretabel wirklich eigens für diesen Ort geschaffen? Holstein verweist auf einen Aufsatz des Restaurators und Kunsttechnologen Professor Volker Schaible.
Darin sind Indizien enthalten, die dagegen sprechen: Untersuchungen an Stützbalken würden darauf hindeuten, dass der Einbau frühestens Ende des 16. Jahrhunderts erfolgt sei. Die älteste Inschrift mit eindeutigem Creglingen-Bezug stamme aus dem Jahr 1606. Stand der Altar zuvor woanders? Und was bedeutet das für das Lichtwunder? Verbreitet ist ja die Annahme, es basiere auf astronomischen Berechnungen des 1531 verstorbenen Riemenschneiders. Vielleicht fördern Forscher irgendwann weitere Puzzleteile zutage. Es bleibt spannend, wie so oft in der Kunstgeschichte.
Jürgen Holstein hat das Lichtwunder übrigens noch nie mit eigenen Augen gesehen. Im Sommer möchte er das ändern. Dank seiner konservatorischen Maßnahme erstrahlt der Marienaltar dann in neuem Glanz. „Dieser Altar ist grundsätzlich nicht für die Ewigkeit“, merkt der Fachmann an. „Aber bei guter Pflege wird er uns noch sehr lange überdauern.“ sab





