Spürnasen auf vier Beinen

1. Juni 2026

Spürnasen auf vier Beinen

Hundetrainerin Carmen Baumgarten sucht mit ihren Schützlingen Bettwanzen

Ihre Hunde haben am Biebelrieder Autobahnkreuz schon nach Feldhamstern gesucht und in Karlsruhe Ochsenfrösche – eine hochinvasive Art – aufgespürt. Für das bundesweite Projekt „Otterland“ ist sie ebenfalls aktiv: Hundetrainerin Carmen Baumgarten ist deutschlandweit eine gefragte Spürhunde-Spezialistin. Zu ihrem Portfolio gehört auch die Bettwanzen-Suche. Gerade ist sie dabei, eine Bettwanzen-Einsatzstaffel aufzubauen.

Den Sitz hat Baumgartens Zentrum für Spürhundearbeit mit dem Namen „Scent Vision“ im Creglinger Stadtteil Finsterlohr. Hier hält sie Seminare, wenn sie nicht gerade mit ihren Hunden unterwegs ist – und das auch im europäischen Ausland, etwa in Frankreich.

Training in Finsterlohr

Der elfjährige Australian Koolie Fawkes steht zwischen den Beinen seiner Hundeführerin und wartet auf das Kommando. Sagt Carmen Baumgarten „Search“, legt der Treib- und Hütehund sofort los. Die Nase dicht am Boden, wuselt das Tier über den Erdhaufen am Ortsrand von Finsterlohr. Hier befindet sich ein Trainingsgelände von Carmen Baumgarten. Die Arbeit macht Fawkes sichtlich Spaß.

Die sechsjährige Leora – ein Aus­tralian Cattle Dog – sitzt derweil nebenan brav auf einer Wiese und wartet auf ihren Einsatz. „Wir sind fertig“ ist für Fawkes das Signal, dass er vorerst Feierabend hat. Jetzt steht Leora zwischen den Beinen ihrer Besitzerin und legt auf den Befehl „Search“ los. Die Hunde folgen Carmen Baumgarten zwar aufs Wort, aber „ich mag es nicht, wenn Hunde Kadavergehorsam zeigen“, beschreibt sie ihre Philosophie. Allerdings gilt eine Einschränkung: Sie müssen hören, wenn es im Einsatz darauf ankommt. Ein guter Einsatzhund zeigt Carmen Baumgarten zufolge aber durchaus „gewollten Ungehorsam“. Will heißen: Wenn er schon Geruch aufgenommen hat, lässt er sich auch von seiner Trainerin nicht mehr stören, sondern erledigt seinen Job.

Neben Hawkes und Leora vervollständigen Ayita, Munin und Snape die fünfköpfige Hundefamilie von Carmen Baumgarten. „Meine Hunde sind für mich beste Freunde, beste Mitarbeiter und Familienmitglieder“, sagt die 43-Jährige, die aus Weikersheim stammt und früher Rechtsanwaltsfachangestellte war. Doch das ist lange her.

Schon vor 20 Jahren machte sich Carmen Baumgarten als Hundetrainerin selbstständig. „Das war damals ganz schön naiv“. Aber es war rückblickend genau der richtige Weg. Zehn Jahre lang habe sie als Kind gekämpft, bis sie endlich einen Hund bekam. Sie war zwar auch Pferdenärrin, „aber beides ging nicht“. So wurden die Pferde zum Hobby, die Hunde aber zum Beruf und auch zur Berufung.

Fundierte Ausbildung

Den Trainerschein machte Carmen Baumgarten 1998 beim Südwestdeutschen Hundesportverband (swhv) und begann ihre Laufbahn als Trainerin in einem Hundeverein. Zwei Jahre lang war sie zudem Mitglied in einer Rettungshundestaffel. 2006 folgte unter dem Namen „Hundeschule Pfotenspuren“ der Schritt in die Selbstständigkeit, verbunden mit einem Gassi-Service. Ab 2012 spezialisierte sich die 43-Jährige auf die Nasenarbeit und nannte ihre Firma 2020 in „Scent Vision“ um.

Seit mittlerweile zehn Jahren ist sie in Finsterlohr ansässig. „Zuerst wusste ich gar nicht, wo das Dorf liegt“, erinnert sie sich schmunzelnd. Inzwischen ist sie längst heimisch geworden. „Ich lebe gerne hier, die Menschen sind sehr nett und ich habe Platz für meine Hunde und meine Seminare“. Diese finden meist an Wochenenden statt. Die Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland, aber auch aus dem europäischen Ausland, etwa aus der Schweiz. Es sind Privatpersonen, aber auch Kollegen, die sich von Carmen Baumgarten in der Spürhundearbeit coachen lassen.

Der Tierschutz hat bei der Arbeit oberste Priorität. Nicht nur für die Hunde, sondern auch für die zu suchenden Tiere. „Unsere Hunde berühren das lebende Tier nicht“, betont Carmen Baumgarten. Sie arbeitet eng mit Biologen zusammen und nur in genehmigten Projekten. Ein solches ist das „Projekt Otterland“, das bundesweit läuft und in dem Carmen Baumgarten für den Bereich Sachsen/Anhalt und Thüringen zuständig ist. Hier suchen ihre Hunde nicht den Otter, sondern dessen Losung, also die Ausscheidungen. Geht es beispielsweise vor Großbauprojekten um die Suche nach Hamstern, so sucht der Hund nicht das Tier, sondern dessen Bau.

Die Artenspürhunde sind aber auch im Einsatz bei der Schlagopfersuche unter Windrädern, beim Aufspüren invasiver Pflanzen oder vor dem Abriss alter Häuser, wenn dort womöglich Fledermäuse vorkommen.

Neben dem Wildtiermonitoring spielt die Bettwanzensuche eine große Rolle. „Der Befall hat nichts mit Hygiene zu tun, denn die Bettwanzen ernähren sich vom menschlichen Blut“, betont Carmen Baumgarten. Scham ist deshalb fehl am Platz, wenn man die lästigen Parasiten an der Backe hat. Auch in 5-Sterne-Hotels gibt es zuweilen Wanzenbefall. Reiserückkehrer oder Geschäftsreisende bringen die Viecher mit nachhause. Und wenn sie sich dort erst mal eingerichtet haben („Sie lieben dunkle Ecken“), dauert es nicht lange, bis die Bewohner es zu spüren bekommen. Dann rückt Carmen Baumgarten mit einem ihrer darauf spezialisierten Hunde an. Wenn er den Wanzengeruch entdeckt hat, bleibt der Hund wie angewurzelt stehen und verharrt. Alles weitere ist dann Sache eines Schädlingsbekämpfers.

Neue Tätigkeitsfelder

Alleine kann Carmen Baumgarten ihre Arbeit längst nicht mehr bewältigen. Das Scent-Vision-Team besteht mittlerweile aus drei Trainerinnen im Bereich Mantrailing, einer Trainerin in der Spürhundearbeit und einer Büroangestellten. Das Aufgabenspektrum für die Spürhunde wird immer breiter, dazu gehört auch die Suche nach versteckten Banknoten. Ältere Menschen horten oftmals Bargeld, und wenn nicht vermerkt ist, wo sich das Geld befindet, rückt nach dem Tod des Betreffenden der Spürhund an. Ein noch relativ junges Tätigkeitsfeld ist zudem die Suche nach Schimmel, etwa bei der Erstellung von Baugutachten. Neue Herausforderungen nimmt Carmen Baumgarten sehr gerne an. Mit der im Aufbau befindlichen Bettwanzen-Einsatzstaffel will sie in Deutschland, der Schweiz und in den Niederlanden künftig Einsatzteams stellen. Und einen großen Traum hat sie auch: „Mit meinen Hunden Berghütten abzusuchen“.

Wenn sie mit ihren fünf Hunden – jeder in seiner eigenen Box untergebracht – in den Camper steigt und auf Arbeits- oder/und Urlaubsreise geht, ist das für die 43-Jährige kein Stress. „Wir haben ein entspanntes Leben“. Ob es sie denn auch ohne Hund gibt? Die Antwort auf diese Frage fällt kurz und bündig aus: „Ja, absolut. Aber nur kurz“. abo

Kurze Pause auf dem Übungsplatz in Finsterlohr: Carmen Baumgarten mit Hündin Leora und Hund Fawkes. Foto: abo
Hundetrainerin Carmen Baumgarten und ihr Australian Koolie Fawkes sind ein Herz und eine Seele. Foto: abo

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