Heimatverbunden und kritisch

1. Oktober 2026

Heimatverbunden und kritisch

Der Journalist Sebastian Unbehauen wird neuer Gottlob-Haag-Ring-Träger

Er ist heimatverbunden, pflegt die Mundart und hat zugleich einen kritischen Blick auf die Welt: Der Journalist Sebastian Unbehauen hat viel mit dem 2008 verstorbenen Wildentierbacher Dichter Gottlob Haag gemeinsam. So wundert es nicht, dass der 41-Jährige aus Reubach der neue Träger des Gottlob-Haag-Rings wird. Haag, der als „die Stimme Hohenlohes“ gilt, hat ein umfassendes literarisches Werk aus rund 50 Büchern hinterlassen und würde in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern.

Der Ring zieht weiter

So liegt es nahe, dass die Ringübergabe am 25. Oktober stattfinden wird, genau am 100. Geburtstag des Dichters. Der Gottlob-Haag-Ring ist ein Wanderring, den der inzwischen verstorbene Bad Mergentheimer Goldschmied Helmut Frauenberger zu Ehren des Wildentierbachers Poeten in den 90er-Jahren gestiftet hat und der seitdem von Träger zu Träger weiterwandert. Aktueller Ring-Träger ist die Hohenloher Mundart-Band Annaweech. Sie prägt Hohenlohe musikalisch so, wie Gottlob Haag es lyrisch getan hat.

Annaweech haben entschieden, den Ring an Sebastian Unbehauen weiterzureichen. Und alle bisherigen Ring-Trägerinnen und Ring-Träger sind sich einig: Die Band, deren Leadsänger Frank „Molle“ Winkler im Februar 2026 im Alter von 70 Jahren viel zu früh verstorben ist, hat eine gute Wahl getroffen.

Sebastian Unbehauen liebt die Mundart, und das drückt sich auch in seiner Arbeit aus, indem er etwa im Hohenloher Tagblatt eine wöchentliche Kolumne unter dem Titel „Horch amoal her“ verantwortet, in der er in seiner Muttersprache mit schelmischem Blick unter anderem aus dem Leben eines dreifachen Familienvaters berichtet.

Seit 2010 arbeitet der gebürtige Reubacher (Gemeinde Rot am See) bei der Tageszeitung in Crailsheim. Zuvor studierte er in Tübingen Geschichte und Politik. Die Freude am Schreiben habe er schon als Kind in sich getragen, berichtet der 41-Jährige. Wer sonst wünscht sich als Kind schon eine Schreibmaschine? Nach einem Praktikum bei der Zeitung war für ihn klar: Das ist der richtige Beruf.

Das Kinderbuch „Max und Moritz“ gab es bis 2015 schon in mehreren Dialekten, dann kam Hohenlohisch dazu. Anlässlich einer Wilhelm-Busch-Ausstellung in Schwäbisch Hall hatte der Verleger bei der Lokalzeitung angefragt, ob sie jemand wisse, der das Kinderbuch ins Hohenlohische übersetzen könne. Da kam Unbehauens Name ins Spiel.

„Ich dachte, das könnte mir Spaß machen“, erinnert er sich. Gesagt, getan: Nach der Übersetzung des ersten Streichs kam das „Okay“ des Verlegers und Sebastian Unbehauen machte sich ans Werk. „Dr Hohaloher Max un Moritz – A Lumbegschicht in siewe Straach“ heißt das Original seitdem auf hohenlohisch. Übersetzt hat Unbehauen auch den Klassiker „Oh wie schön ist Panama“ von Janosch. Bei Unbehauen heißt das Buch „Ou, wi schäe is Panama. Di Gschicht, wi dr klaane Tiicher und dr klaane Bär nach Panama marschiere“.

Auch die lokale Geschichte liegt Sebastian Unbehauen am Herzen. So hat er etwa zusammen mit seinem Kollegen Harald Zigan eine Serie geschrieben, die später in Buchform unter dem Titel „Katastrophenjahre in Crailsheim und Umgebung – 14/33/45“ erschien. Und er hat den legendären Bankchef von Gammesfeld, Fritz Vogt, verewigt.

Es ist ein Portrait entstanden, das den Bankrebellen als „bodenständigen Widerständigen“ beschreibt. „Du sollst nicht stehlen – Gespräche mit Fritz Vogt“ lautet der vielsagende Titel. Erschienen ist das Buch nur wenige Tage nach Vogts Tod im Oktober 2020. Er hatte es noch zu Lebzeiten lesen können und dem Autor „Grünes Licht“ gegeben. „Ich habe manchmal das Gefühl, ein kleiner Fritz Vogt sitzt auf meiner Schulter, und ich frage mich dann, was er wohl sagen würde, wenn er auf die Welt blickt“, sagt Sebastian Unbehauen mit einem Schmunzeln.

Vogt sei eine faszinierende Persönlichkeit gewesen, ausgestattet mit einem kritischen Blick auf den Kapitalismus und seine Auswüchse. „Ich glaube, Fritz Vogt ist mein Gottlob Haag gewesen“, ergänzt er und sieht viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Charakteren. Den Dichter habe er nicht persönlich gekannt, aber er weiß, dass auch Gottlob Haag den Finger in die Wunde legte und damit immer wieder aneckte.

Der Oktober wird für Sebastian Unbehauen ein bewegter Monat. Und das nicht nur wegen der Ehrung. Denn der Herbst, das ist auch Muswiesenzeit. Und für einen Reubacher wie Sebastian Unbehauen ist die Muswiese die zentrale Veranstaltung im Jahreslauf.

Beruflich ist er der größten Messe in Hohenlohe genauso verbunden wie privat. Die Muswiese ist ein „Muss“. Womit wir bei Frank „Molle“ Winkler wären. Auch er, obschon aus dem am anderen Ende Hohenlohes liegenden Forchtenberg stammend, liebte die Muswiese bei Rot am See und die Hohenloher Landwehr. Unbehauen und Winkler lernten sich aus beruflichen Gründen kennen und schätzen.

Eine überzeugende Wahl

Als Annaweech Sebastian Unbehauen zu einem Gespräch nach Forchtenberg einluden, war er erst mal verwundert, denn „es klang sehr geheim“. Umso größer war die Überraschung, als er den Grund erfuhr: Er soll der neue Ringträger werden, so hatte es Frank Winkler noch zu Lebzeiten seinen Musiker-Kollegen vorgeschlagen. Und sie schlossen sich der Wahl gerne an.

„Ich freue mich sehr, dass ich Ringträger werde, auch wenn ich mich an den Gedanken erst noch gewöhnen muss“, sagt der 41-Jährige. Bis zur öffentlichen Ringübergabe am Sonntag, 25. Oktober, um 17 Uhr in der Alten Turnhalle Niederstetten will Sebastian Unbehauen noch tiefer in das Werk Gottlob Haags eintauchen und ihn besser kennenlernen. Eine Ähnlichkeit hat er schon gefunden: „Gottlob Haag war wohl auch ein Herbstmensch wie ich“.

Kennenlernen wird Sebastian Unbehauen am 25. Oktober auch die anderen Ring-Träger: Arno Boas, Norbert Bach, Heide Ruopp, Manfred Kern, Thilo Pohle und das Russlanddeutsche Theater Niederstetten. Nicht mehr dabei sein kann neben Frank Winkler leider auch der Fotograf Roland Bauer, der im August 2026 im Alter von 76 Jahren verstorben ist. Der Ringübergabe voraus wird ein öffentlicher Festakt zum 100. Geburtstag von Gottlob Haag gehen. abo

Der Journalist Sebastian Unbehauen wird neuer Träger des Gottlob-Haag-Rings. Unbehauen ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in seinem Heimatort Reubach. Foto: abo
Sebastian Unbehauen hat unter anderem zwei berühmte Kinderbücher ins Hohenlohische übersetzt. Foto: abo

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