Für den Glauben
1. September 2026
Für den Glauben
Historiengewölbe wird 60
Die Feder des Ratsschreibers kratzt über das Papier. Landsknechte sitzen in ihrer Wachstube beim Kartenspiel. Eine furchteinflößende Kanone, Gewehre, Geschütze und weiteres Kriegsgerät erinnern an die turbulente Stadtgeschichte Rothenburgs im 30jährigen Krieg. Kaum schließt sich die Tür zum Historiengewölbe des Historischen Festspiels „Der Meistertrunk“ e.V. hinter den Besuchern sind diese in einer anderen Welt. Wunderbar gestaltet, bestückt mit unzähligen Unikaten kombiniert zu lebendigen Szenen, begeistern die Räume mit ihrer einzigartigen Stimmung und drehen für die Gäste aus aller Welt die Zeit um fast 400 Jahre zurück.
Das kleine, aber sehr feine Museum belegt seit 1966 in eindrucksvoller Darstellung die turbulenten Ereignisse, derer sich die evangelische Reichsstadt während des Glaubenskriegs erwehren musste. Am 12. September feiert der Trägerverein in einer nicht öffentlichen Veranstaltung mit hochrangigen geladenen Gästen den 60. Geburtstag dieser geschichtsträchtigen Einrichtung, die seit ihrer Eröffnung pro Jahr mehr als 30 000 Besucher aus nah und fern anzog.
Das heutige Historiengewölbe war Kaufhaus im Mittelalter. Seine Verliese und der südliche Teil der Gewölbe stammen aus dem 12. Jahrhundert. Dieser frühe romanische Bau beinhaltete die Amtsräume und das Gericht des vom König eingesetzten Schultheiß. Das Haus verschmolz um 1300 mit einem großen Erweiterungsbau, der in etwa noch heute als Rothenburger Rathaus besteht und in dessen Lichthof das Museum zu Hause ist.
Die tonnengewölbten Kammern mit ihren Toröffnungen dienten damals als Verkaufsläden. Der darüber angeordnete spätere Kaisersaal war nicht nur Rats- und Versammlungsraum sowie im südlichen Teil Gerichtssitz, sondern in erster Linie die Markthalle des Kaufhauses, wie ein Rothenburger Gesetz- und Verordnungsbuch beschreibt. Große Handelsmärkte machten die Tauberstadt einst zu einem begehrten Ort, den Kaufleute von weit her ansteuerten: Salzleute aus Hall, Tuchhändler aus Flandern und Italien, Gewürze aus dem Orient. Die Rothenburger stellten ihnen gern Verkaufsflächen zur Verfügung und profitierten von den Einnahmen.
Kaisersaal, Historisches Festspiel „Der Meistertrunk“ und das Museum-Historiengewölbe bilden bis heute wichtige Anziehungspunkte der ehemaligen Reichsstadt. Die Eröffnung des Museums krönte das 85. Bestehen des Festspiels im Jahr 1966.
Geboren 1961 aus einer Stammtisch-Idee entwickelte Festspielregisseur Ernst Unbehauen ein detailliertes Konzept, das er mit ungeheurer Schaffenskraft und unglaublichem Idealismus umsetzte. Martin Wegele, Vorsitzender von „Der Meistertrunk“ e.V. würdigt das Engagement von Ernst Unbehauen: „Es war die Krönung seines Lebenswerks, eine Leistung, die niemals mit Geld oder Auszeichnungen hätte aufgewogen werden können.“
Das Festspiel verfolgte mit der Errichtung der Historiengewölbe die Absicht, die Geschehnisse um die Zeit des 30jährigen Krieges, die Adam Hörber in seinem Werk vom Meistertrunk so eindringlich schilderte, durch eine kulturgeschichtliche Schau zu vertiefen.
Thematisch aufgeteilt, präsentieren zehn Gewölbe unter anderem zeitgenössische Gewänder, vergilbte Pergamente, Wappen, kostbare antike Möbel und das Original-Wamst des städtischen Offiziers Johann G. von Perkhöfer, der 1631 bei der Einnahme von Rothenburg ums Leben kam.
Doch die einzelnen Räume erzählen nicht nur von Kriegswirren und Belagerung, sondern auch von der Blütezeit, die das städtische Handwerk, Kunst und Wissenschaft zu Beginn des 17. Jahrhunderts erlebten. Steinmetze und Architekten, Maler und Goldschmiede schufen Unvergängliches, das den Ruhm Rothenburgs in allen Teilen des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mehrte.
Im „Nuschraum“, der dem Titelhelden des „Meistertrunks“ gewidmet ist, sind sein Familienwappen und andere Urkunden ebenso gegenwärtig wie das Original des Meistertrunkhumpens. Den drei Ständen – dem Adel, den Patriziern und den einfachen Bürgern vom Handwerker bis zum Ratsschreiber – sind die nördlich der Eingangshalle angrenzenden Gewölbe gewidmet. Jedes einzelne ein Fundort lebendiger Geschichte: detailgetreu, spannend und hochinteressant.
Museumsdirektor Hans Haitchi lebt und liebt seine Aufgabe, eine Führung mit ihm ist kulturell und historisch ein nachhaltiges Erlebnis. Für die Chronik zum 60. Geburtstag des Museums tauchte er nochmals tief in die Entstehungsgeschichte ein. Über viele Seiten erstrecken sich mittlerweile seine Aufzeichnungen, der größte Teil fußt auf Zeitungsberichten, die rund um das Ereignis erschienen sind. „Es war unglaublich, wie viele Menschen die Ausstellungsstücke aus privatem und städtischen Besitz zusammentrugen. Schätze fanden sich auf Dachböden und in Rumpelkammern. Aber auch die schwedische Botschaft half bei der Beschaffung von Material über den Schwedenkönig Gustav II. Adolf, den Gegenspieler von General Tilly und der Katholischen Liga,“ beschreibt er seine Recherchen.
Nur zu gern führt er auch von der ersten Etage zu den beiden Verliesen im Keller, die die Ausstellung seit dem 20. Geburtstag des Historiengewölbes ergänzen. Sie sorgen für ein bisschen Grusel: Denn hier starb der reiche und mächtige Bürgermeister Heinrich Toppler 1408 unter mysteriösen Umständen.
Viele Geschichten spiegeln die zwölf Gewölbe: Ein Besuch macht sie lebendig. Alle Infos dazu und zu den Öffnungszeiten des Historiengewölbes: www.meistertrunk.de br





