Der Weg zur Stärke

1. September 2026

Der Weg zur Stärke

Lea Oberfichtner ist eine Bodybuilderin mit Botschaft

Lea Oberfichtner hat einen sehr durchtrainierten Körper. Doch dahinter steckt eine ungewöhnliche Geschichte: Als Jugendliche hat sie sich in ihrem Körper nicht wohlgefühlt. Heute ist die 22-Jährige eine erfolgreiche Spitzensportlerin. Ihr Körper ist ihr Sportgerät. Und sie ist dankbar, dass er das alles mitmacht.

Als junges Mädchen litt sie unter einer Essstörung. Sport war damals kein Vergnügen, sondern ein Mittel, um Kalorien zu verbrennen. Auch im Fitnessstudio ging es ihr zunächst nicht darum, stärker zu werden, sondern darum, Gewicht zu verlieren.

Mit 15 kam der Wendepunkt. Am Silvesterabend wurde ihr bewusst, wie sehr die Essstörung ihr Leben bestimmte. Gemeinsam essen mit Freunden und am sozialen Leben teilnehmen war schwierig geworden. „So wollte ich meine Jugend nicht verbringen“, erzählt sie.

Ausgerechnet der Kraftsport zeigte ihr einen anderen Weg. Lea Oberfichtner entdeckte das Bodybuilding. „Kraftsport geht genau in die andere Richtung“, sagt sie. Wer Muskeln aufbauen will, muss seinen Körper mit ausreichend Nährstoffen versorgen. Essen bekam damit eine neue Bedeutung: Sie begann, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, und stellte zunächst selbst Trainings- und Ernährungspläne zusammen.

Mit 18 Jahren entschied sie sich schließlich für den Wettkampfsport. Ein Coach kam hinzu, professionelle Pläne wurden erstellt, die Wettkampfvorbereitung begann. Vier bis sechs Monate dauert eine solche Vorbereitung. Der Alltag ist streng organisiert. In der Aufbauphase trainiert die Spitzensportlerin fünf- bis sechsmal pro Woche jeweils eine bis eineinhalb Stunden. Vor einem Wettkampf bleibt die Trainingszeit ähnlich, allerdings kommen Cardio und zusätzliche Alltagsbewegung hinzu. Ziel ist es, Körperfett zu reduzieren und die Muskulatur möglichst deutlich herauszuarbeiten.

Ein strukturierter Alltag

Parallel dazu startete Lea Oberfichtner 2022 ihr duales Studium Fitnesstraining an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement. Dazu kamen rund 35 Stunden Arbeit pro Woche in einem Fitnessstudio, ein Minijob und die eigene Wettkampfvorbereitung. Ein straffes Programm – aber Lea Oberfichtner ist ein ausgesprochen strukturierter und disziplinierter Mensch.

2024 stand sie erstmals auf einer Wettkampfbühne. Bei der Newcomer-Meisterschaft des Deutschen Bodybuilding-Verbands erreichte sie den vierten Platz. Eine Woche später wurde sie bei der Jugend-Junioren-Meisterschaft Fünfte. „Ich bin gleich mit zwei Erfolgen heimgegangen“, sagt sie stolz.

Inzwischen sind weitere Medaillen hinzugekommen. Bei der Deutschen Jugend-Junioren-Meisterschaft 2026 holte die Athletin den ersten Platz. Bei der Bayerischen Meisterschaft 2026 siegte sie ebenfalls in der Figurklasse. Bei der Deutschen Meisterschaft erreichte sie den dritten Platz. Damit qualifizierte sie sich für die Europameisterschaft in Spanien im April 2027.

Lea Oberfichtner startet in der Figurklasse. Hier geht es um einen harmonischen Gesamteindruck. Die Frauen sollen deutlich Muskulatur zeigen, gleichzeitig aber ausgewogene Proportionen behalten.

Dass eine Frau so viele Muskeln hat, gefällt allerdings nicht jedem. Sie kennt die Kommentare. Einst hatte sie zu viel auf den Rippen, dann war sie zu dünn, heute heißt es gelegentlich: „Du siehst ja aus wie ein Mann.“ Die Bodybuilderin lässt sich davon nicht mehr beeindrucken. „Frauen können auch Muskeln haben“, sagt sie selbstbewusst.

Überhaupt hat sich ihr Blick auf den eigenen Körper grundlegend verändert. „Ich fühle mich wohl in meinem Körper, unabhängig vom Aussehen“, sagt sie. Ihr Körper muss heute nicht mehr einem fremden Schönheitsideal entsprechen. Sie hat an ihrem eigenen Ideal gearbeitet und ist stolz auf ihre körperliche und mentale Stärke.

Dabei verklärt Lea Oberfichtner ihren Sport keineswegs. Bodybuilding auf Wettkampfniveau sei eine Ausnahmesituation, betont sie. Die strenge Diät endet nach dem Wettkampftag. Danach folgt wieder die Aufbauphase. Die Wettkampfform ist keine Alltagsform. „Dauerhaft mit einem Sixpack herumzulaufen, ist nicht sinnvoll“, sagt sie. Für die Sportlerin ist gerade dieser Wechsel wichtig: „In der Off-Season wächst man körperlich, in der Wettkampfvorbereitung mental.“

Auf ihrem Instagram-Account gibt die Athletin Einblicke in ihr Training und erzählt offen und sympathisch von ihrem Weg von der Essstörung ins Bodybuilding. Ihr persönlich hat der Sport ein Fundament gegeben, auf dem sie mental aufbauen konnte. Gleichwohl sagt sie mit Nachdruck, dass Bodybuilding keine Therapie ist.

Seit 2022 arbeitet Lea Oberfichtner im CTK Fitnessstudio in Neusitz. Ihr Studium hat sie inzwischen abgeschlossen. Sie betreut Kurse, erstellt Trainingspläne, hilft bei Ernährungsfragen. Besonders wichtig ist ihr dabei der Kontakt zu den Menschen. Denn Sport bedeutet für sie nicht automatisch Leistung. Vielleicht möchte jemand wieder mit seinem Enkel spielen können. Ein anderer will nach der Arbeit den Kopf freibekommen. Oder jemand trainiert für den nächsten Wettkampf. Als Trainerin möchte sie alle erreichen.

„Der Sport zeigt mir, dass ich über Grenzen hinaus wachsen kann“, sagt die engagierte Fitnesstrainerin. Aus ihrem Kampf gegen den eigenen Körper wurde ein respektvoller Umgang mit ihm. Und aus dem Wunsch, möglichst dünn zu sein, die Erkenntnis, dass Stärke anders aussehen kann. am

Lea Oberfichtner in Wettkampfform. Foto: Privat
Die Athletin privat: Lea Oberfichtner hat über den Sport erreicht, dass sie sich wohlfühlt in und mit ihrem Körper. Foto: Privat

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