Der letzte Rundgang
1. Oktober 2026
Der letzte Rundgang
36 Jahre lang war Hans Georg Baumgartner Rothenburgs Nachtwächter
Rothenburg hat das Plönlein, die Kirche St. Jakob, das Toppler-Schlösschen. Und den Nachtwächter. Wenn Rothenburg ein Gesicht hätte, dann das von Hans Georg Baumgartner, der seit über 35 Jahren in unvergleichbarer Art Touristen durch Rothenburg führt, wahlweise in Deutsch oder Englisch. Doch am 31. Oktober ist Schluss. Der 72-Jährige, der zusammen mit seiner Frau Christiane seit einigen Jahren in Creglingen-Freudenbach lebt, geht in den Ruhestand. Das Ende einer Ära.
Wenn es das Idealbild eines Nachtwächters aus dem späten Mittelalter beziehungsweise der frühen Neuzeit gibt, dann ähnelt es bis aufs i-Tüpfelchen Hans Georg Baumgartner: lange, lockige Haare, Bart, stattliche Figur, kräftige und zugleich einnehmende Stimme, die die Zuhörer in ihren Bann zieht. Und das alles authentisch, ohne Firlefanz.
„Die Leute fragen mich manchmal, ob ich Schauspieler sei“, erzählt er und wundert sich noch heute darüber, wie er auf seine Zuhörer wirkt. Denn „als Kind war ich schüchtern und hätte mir nie vorstellen können, so frei vor fremden Menschen zu sprechen“.
Wenn er seinen Mantel überzieht, den Hut aufsetzt und zu Hellebarde und Lampe greift, verwandelt sich Hans Georg Baumgartner mit jedem Schritt mehr in den Rothenburger Nachtwächter und füllt die Rolle mit großer Hingabe aus. „Es ist wie eine zweite Identität“, so der 72-Jährige. Dabei ist er ein Spätberufener. Erst mit 38 Jahren fand er seine Bestimmung. Am Ende kann er auf gut 12 000 Führungen zurück blicken.
Hans Georg Baumgartner kommt 1954 in Duisburg zur Welt und zieht als Sechsjähriger mit seinen Eltern in die Nähe von Würzburg. Schule, Ausbildung zum Verlagskaufmann, Gelegenheitsjobs, Kurierfahrer: Baumgartner ist ein Freigeist und am liebsten sein eigener Herr. Bei einer dienstlichen Fahrt im Jahr 1990 nach Miltenberg kauft er sich eine Zeitung und stößt auf einen Bericht über Rothenburg. Die Stadt sucht einen Nachtwächter. „Das war wie ein Weckruf für mich“, erinnert er sich. Entgegen seiner eigentlich zurückhaltenden Art bleibt Hans Georg Baumgartner nach seiner Bewerbung dran, fragt immer wieder beim Verkehrsdirektor nach. Seine Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Baumgartner bekommt den Job. Er wird der neue original Rothenburger Nachtwächter. Und soll es 36 Jahre lang bleiben.
Die erste Führung muss im Dezember 1990 gewesen sein, so genau weiß es Hans Georg Baumgartner nicht mehr. Was er aber noch weiß: Er kaufte sich die Hellebarde selbst, die Lampe bekam er von Verkehrsdirektor Johann Kempter geschenkt. Die Hellebarde hat er heute noch, „da musste nur mal ein neuer Stiel rein“. Hans Georg Baumgartner, der stets selbstständig bleibt, eignet sich das Wissen über Rothenburg, das Mittelalter und die frühe Neuzeit als Autodidakt an und merkt bald: „Die Leute hören mir gebannt zu, das ist schön“.
Und er spürt, dass dieser Job der richtige ist. 30 Jahre lang steht er von März bis Dezember jeden Tag abends auf der Rathaustreppe und führt Touristen und Einheimische durch die mittelalterlichen Gassen. Schon nach seinem ersten Jahr bietet er auch englische Führungen an. Mit großem Erfolg. Die amerikanischen Teilnehmer drücken ihre Begeisterung direkter aus als die deutschen. „Die sind etwas zurückhaltender“, so seine Erfahrung mit den unterschiedlichen Mentalitäten.
In all den Jahren hat Hans Georg Baumgartner nur drei Tage krankheitsbedingt gefehlt. „Die Verlässlichkeit hat auch zu meinem Ruf beigetragen“, ist er überzeugt. Die Hotels konnten ihre Gäste immer zu ihm schicken, um 20 Uhr zur englischen, um 21.30 Uhr zur deutschen Führung. Nach Corona hat er sein Pensum reduziert, und nun hängt er am 31. Oktober 2026 seinen Nachtwächter-Umhang an den Nagel. Aus gesundheitlichen und familiären Gründen, wie er sagt. Die Reaktionen auf seinen angekündigten Rückzug sind deutlich: Die Leute können es sich schlicht nicht vorstellen, dass Hans Georg Baumgartner aufhört. „Viele sind betroffen und sagen, das geht doch nicht“. Ihn ehrt das und zeigt ihm, dass er alles richtig gemacht hat in seiner langen Laufbahn, die gepflastert ist mit vielen Anekdoten. So war er 2011 beim European Song Contest im Einspieler des aserbeidschanischen Beitrags zu sehen, wie er zwei Frauen aus Aserbeidschan durch die Stadt in den Burggarten führt. „Ich war das Maskottchen, und sie haben gewonnen“, erinnert er sich schmunzelnd.
Weniger erfreulich verlief dagegen ein grauer Novembertag, als nur eine einzige junge Frau zur Rathaustreppe kam. „Ich wollte es ihr ausreden, habe ihr eine kostenlose DVD angeboten, aber sie wollte unbedingt die Führung machen“. So absolvierten sie die rund einstündige Tour zu zweit. „Das war komisch“. Meist stehen die Leute aber schon in Scharen bereit, wenn er still und leise aus einer schmalen Gasse an der Ratsstube vorbei auf den Marktplatz schreitet und von Sekunde zu Sekunde mehr in seiner Rolle aufgeht. Es dauert dann nicht lange, und die Menschen fühlen sich magisch angezogen von dem Mann im langen Gewand. Rausgehen, sein Ding machen: „Das war meine innere Verpflichtung“.
Viele machen die Führung im Lauf der Jahre mehrfach mit, animieren Verwandte oder Freunde, es ihnen gleichzutun. Den „Wiederholungstätern“ fällt auf, wenn sich etwas an Baumgartners Vortrag ändert, und das tut es immer wieder mal.
Viele Jahre lang war etwa die Geschichte vom ausschweifenden Ratsherrenessen der Renner. Die Stadtoberen (fr)aßen so viel, bis nichts mehr in ihren Wanst passte. Weil es aber so gut schmeckte, steckten sie sich kurzerhand einen Gänsekiel in den Hals … über die unangenehmen Folgen dieses Tuns hüllt sich der Kenner in Schweigen. Das Ergebnis jedoch war eindeutig: Die Männer konnten weiter schlemmen. „Meine Zuhörer sind darauf voll abgefahren, aber mir hing es irgendwann zum Hals raus“. Es gab zwar Protest, aber Baumgartner strich die Episode irgendwann aus seiner Erzählung.
Der Faszination seiner Führungen hat das keinen Abbruch getan. „Ich will die Leute abholen, ohne aufdringlich zu wirken. Meine Kindsseele kommt mir da zugute“, so der Nachtwächter. Die Menschen lieben Baumgartners unverstellte Art, die einzigartige Mischung aus Bescheidenheit und Führungsqualität.
Im Oktober absolviert Hans Georg Baumgartner noch das aktuelle Führungspensum: montags, dienstags, freitags und samstags um 20 Uhr (englisch) und 21.30 Uhr (deutsch). Am 31. Oktober geht er letztmals auf Tour durch die vertrauten verwinkelten Gassen Alt-Rothenburgs. „Es haben sich dazu sogar Leute aus Nordrhein-Westfalen angekündigt“, berichtet er. Und dann? Wie sieht sein Leben ab dem 1. November aus? „Ich werde mir etwas ausdenken, aber was, das weiß ich noch nicht. Das ist ja das Spannende“. Mehr Zeit wird er jedenfalls mit seiner Frau Christiane verbringen, mit der er vor rund sieben Jahren nach Freudenbach gezogen ist und ein ehemaliges Gasthaus – den „Sonnenhof“ – erworben hat. Inmitten der freien Natur fühlt sich das Paar wohl und längst heimisch. Zu ihrem Landleben gehören mittlerweile auch zehn Katzen, zehn Hühner, drei Schafe und zwei Ziegen.
„Ich muss dem neuen Lebensabschnitt Raum geben“, sagt Hans Georg Baumgartner mit Blick auf die nahe Zukunft. Aber er wäre nicht Nachtwächter mit Leib und Seele, würde er zum Schluss nicht noch einen Satz anfügen: „Vielleicht helfe ich bei Personalnot ja mal aus“. Über seinen Nachfolger, der von einer Findungskommission ausgesucht wird und der im April 2027 anfangen soll, sagt Hans Georg Baumgartner: „Die Erwartungen sind hoch. Aber jeder Mensch ist anders. Er wird seinen eigenen Weg gehen“. abo




