Daheim ist, wo der Koffer steht

31. Juli 2026

Daheim ist, wo der Koffer steht

Vom Kochlehrling zum Hoteldirektor: Otto Kurzendorfer ist weltweit erfolgreich

Otto Kurzendorfer sitzt im Brothaus Burgbernheim und beißt in eine Samba-Breze. Vor drei Tagen ist er aus Äthiopien angereist, um seine fränkische Heimat zu besuchen. Seine beeindruckende Karriere nahm im Rothenburger Hotel Eisenhut ihren Anfang. Heute leitet der 56-Jährige das Hyatt Regency in Addis Abeba.

Der Hoteldirektor hat viel zu erzählen. Wer ihm zuhört, umrundet gedanklich den Globus. Otto Kurzendorfer hat schon in 15 verschiedenen Ländern gearbeitet. Zu seinen Gästen zählten Prominente wie Madonna, Staatsoberhäupter und Royals.

Aufgewachsen ist er in Uffenheim, wo seine Familie seit 1887 eine Parkettfirma führt. Von klein auf packten er und sein Bruder Philipp mit an. Wenn die Eltern spätabends oder am Wochenende schafften, waren die Söhne dabei. „Uns hat das Spaß gemacht.“ Dem Schulunterricht hingegen konnte Otto Kurzendorfer weniger abgewinnen. „Ich war ein miserabler Schüler.“

In seiner Freizeit engagierte er sich 15 Jahre lang in einem Pfadfinderlager, an dem auch Jugendliche mit körperlichen Einschränkungen teilnahmen. Dort lernte er, wie man einen Rollstuhl über eine Wiese schiebt und vieles mehr. Diese Erfahrungen schärften sein Verantwortungsgefühl und verfeinerten sein Talent im Umgang mit Menschen.

Die Freitagabende verbrachte Familie Kurzendorfer stets in der Landwehrbräu Reichelshofen. Seniorchef Wilhelm Wörner berichtete ausführlich von seinen Reisen mit der Feinschmeckervereinigung Chaîne des Rôtisseurs. Otto Kurzendorfer hörte fasziniert zu. „Das war einer der prägenden Momente für mich. Ich hatte schon früh den Drang, die große, weite Welt kennenzulernen.“

Ende der 1980er-Jahre begann er eine Kochlehre im Hotel Eisenhut. Gerne denkt er an die gute Gemeinschaft zurück. Erst vor zwei Tagen saß er dort auf der Panoramaterrasse, genoss den Tauberblick und schwelgte in Erinnerungen. Eins fiel ihm sofort ins Auge: „Das Geschirr ist dasselbe wie damals.“

Den Kochlöffel schwingt er nur noch gelegentlich für die Familie. Dann gibt es deutsche Hausmannskost wie Roulade mit Senf, Gürkchen und Speck. „Das würde man im Ausland niemals bekommen.“

Die Ausbildung im Eisenhut legte den Grundstein für Kurzendorfers weitere Laufbahn und beeinflusste seine Einstellung: Essen und Trinken hält er für maßgeblich bei jedem Hotelaufenthalt. „Das verbindet die Menschen.“

Nudeln für Frank Sinatra

Ein wichtiger Mentor war sein Berufsschullehrer, der ihm einen detaillierten Karriereplan entwarf. Kurzendorfer setzte ihn konsequent um: an der Rezeption, im Service und beim BWL-Studium.

Erste Station nach der Ausbildung war London: „The Savoy galt schon damals als eines der besten Hotels in England.“ Eine Begegnung bleibt unvergesslich: Frank Sinatra kam persönlich in die Küche und schnitt mit ihm Linguini. „Das fand ich cool“, lacht er. Der Weltstar hatte sich ausdrücklich diese Nudelsorte gewünscht.

Seither war Kurzendorfer für unabhängige Luxushotels und internationale Hotelketten auf der ganzen Welt tätig, wie Kempinski, Le Méridien und Sheraton. „Ich bin ein Hotel-Nomade“, sagt er. „Zuhause ist, wo der Koffer steht.“ Immer an seiner Seite ist Ehefrau Stacey. Der gemeinsame Sohn wuchs auf mehreren Kontinenten auf. Nach seinem Abitur in Pakistan studiert der Junior momentan in Tübingen.

Normalerweise bleibt der Hoteldirektor zwischen zwei und vier Jahren an einem Ort. Beim Umzug von einem Hotel zum nächsten transportieren die Kurzendorfers ihr Hab und Gut in einem 40-Fuß-Container. Sie haben einzigartige Bildersammlungen und Erinnerungsstücke zusammengetragen.

Otto Kurzendorfer bekennt: „Ich bin nicht mehr so deutsch, wie vor 30 Jahren.“ Den Menschen und ihren Lebensweisen, Wertvorstellungen und Traditionen begegnet die Familie mit großer Offenheit. „Mit der Zeit gelingt es immer besser, den Kulturschock abzufedern“, schildert er. „Als Gast in einem Land sollte man sich auch wie ein Gast benehmen.“

Wie groß die kulturellen Unterschiede sind, erlebt der Kosmopolit im Alltag. Als Beispiel nennt er die Rolle der Frauen: In Pakistan seien sie eher familiengebunden, statt Jobs zu haben. In Äthiopien erledigten sie 80 Prozent der Arbeit.

Um sich über die jeweilige Sicherheitslage zu informieren, nutzt er regelmäßig die Briefings der deutschen Botschaft. Am aktuellen Standort sei zum Beispiel Taschendiebstahl ein Thema. Ihm selbst sei noch nie etwas Schlimmeres passiert. Sein Arbeitstag beginnt morgens um 7.30 Uhr und endet nicht vor 20 Uhr. Als Hoteldirektor trägt er die gesamte Verantwortung, ohne eigenen operativen Bereich. „Ich gehe im Haus spazieren, schaue und rede mit den Menschen“, erklärt der gebürtige Franke. Er entwickelt strategische Ziele und sorgt für deren Umsetzung. Jüngst gelang es ihm, den Gästeservice messbar zu verbessern. Seine Highlights sind die beruflichen und privaten Erfolge seiner Mitarbeiter. Viele ehemalige Beschäftigte halten mit ihm Kontakt und fragen ihn um Rat.

Er hat in Ländern wie Saudi-Arabien, China und auf den Bahamas gearbeitet. Was vermisst er im Ausland am meisten? „Die Broadworschd“, verrät er ohne zu zögern. Einmal im Jahr zieht es ihn und seine Frau in die fränkische Heimat. „Das genießen wir.“ Diesmal unternahmen sie als erstes einen Waldspaziergang. „Die Natur meiner Kindheit und Jugend wieder zu erleben, das ist wichtig für mich.“

Fränkischer Akzent

Der fränkische Akzent verrät seine Herkunft. „Meine Frau behauptet, den habe ich nur hier“, sagt er schmunzelnd. Im Berufsleben spricht er Hochdeutsch oder Englisch. Außerdem kann er sich in weiteren fünf bis sechs Sprachen verständigen.

Einen Ausgleich zum Beruf findet er auf zwei Rädern: Mit seinem Bruder unternimmt er regelmäßig Motorradtouren. Zuletzt erkundeten die beiden die USA und den Oman. Ihm geht es dabei nicht um die Geschwindigkeit, sondern um die Landschaft, das Erlebnis und das Ankommen. „Auf dem Motorrad hat man eine ganz andere Wahrnehmung. Man fühlt den Wind, die Beschleunigung, das Kurvenverhalten.“ Otto Kurzendorfer bewundert die Menschen, die sich ihr Leben in Uffenheim aufgebaut haben. „Aber das wäre nicht meins.“ In Gesprächen mit Einheimischen fühlt er sich manchmal wie ein Paradiesvogel. Er hat einen anderen Weg gewählt. Frank Sinatra würde es so ausdrücken: „I did it my way.“ sab

Aktuell leitet der gebürtige Franke das Hyatt Regency in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Foto: Privat
Im Eisenhut startete Otto Kurzendorfer seine Karriere mit einer Kochausbildung. Diese Aufnahme entstand einige Jahre vorher. Foto: Stadtarchiv
Wenn sie die Abenteuerlust packt, unternehmen Otto und Philipp Kurzendorfer gemeinsame Motorradtouren. Foto: privat

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