Ein Macher trotz Handicap
30. April 2026
Ein Macher trotz Handicap
Paralympics, Pokale, Praxis für Physiotherapie: Thomas Steigers Erfolgsstory
„Ich mag Herausforderungen“, sagt Thomas Steiger. Und bei ihm ist das alles andere als eine Floskel. Steiger hat von Geburt an eine Augenerkrankung, die zur Erblindung führt. Aktuell sieht er noch gut ein Prozent auf beiden Augen. Aufhalten lässt er sich davon aber nicht. Als Goalball-Profi feierte er international Erfolge und nahm mehrfach an den Paralympics teil. Im Januar hat der 29-Jährige im ZentRo Rothenburg seine eigene Praxis für Physiotherapie eröffnet – wobei er auch hier Größeres im Sinn hat.
Thomas Steiger ist in Diebach aufgewachsen. Auch wenn seine Sehbeeinträchtigung in jungen Jahren nur schleichend voranging, hat sie ihn geprägt. Er war ein ausgezeichneter Fußballer, aber das ging irgendwann nicht mehr. „Mein Fußballtrainer aus Nürnberg hat mich dann zum Schulsport in einer Blinden- und Sehbehindertenschule mitgenommen“, erinnert er sich. Dort kam er erstmals mit Goalball in Kontakt. Er hat es ausprobiert und „am Anfang hat das alles andere als gut geklappt“, erinnert er sich.
Goalball ist eine paralympische Sportart, die speziell für Menschen mit Sehbehinderung entwickelt wurde. Zwei Teams mit jeweils drei Spielern stehen sich gegenüber und versuchen, einen Ball ins gegnerische Tor zu rollen. Drei Glocken befinden sich im Inneren des Balls, sodass die Spieler seine Position allein durch Hören wahrnehmen können. Alle Beteiligten tragen eine schwarze Brille. So sind die Voraussetzungen für alle gleich. Das Spiel erfordert maximale Reaktionsfähigkeit, Präzision und Teamgeist.
Steiger wäre nicht Steiger, wenn ihn das nicht gereizt hätte. „Ich wusste, ich muss das besser machen“, sagt er. Mit 12 Jahren hat er mit Goalball begonnen, ein halbes Jahr später gelang ihm schon der Sprung in die Jugendnationalmannschaft. Mit 15 Jahren bekam er ein Stipendium für ein Sportgymnasium in Rostock, einem zentralen Trainingsstützpunkt für Goalball in Deutschland.
Erfolg als Profisportler
Seine Karriere nahm daraufhin ihren Lauf: 2015 wurde er bei einem Wettkampf in den USA, in Colorado Springs, Jugendweltmeister. Da er gleichzeitig in der Herrenmannschaft antrat, war er im gleichen Jahr auch Vize-Europameister bei den Herren. 2016 nahm er mit der Herrennationalmannschaft an den Paralympics in Rio teil, 2021 spielte er bei den Paralympics in Tokio. Dazwischen war er mit der Herrenmannschaft Vizeweltmeister (2017), Europameister (2019) und dreimal Deutscher Meister (2019, 2023 und 2025). Steiger ist noch im Kader der Bundesliga- und Nationalmannschaft. Seine Eltern sammeln seine Medaillen in einer Vitrine. „Das dürften rund 80 sein“, so der Profisportler.
Thomas Steiger ist in seiner Laufbahn als Profisportler viel herumgekommen. Er erzählt von Seoul oder Tokio, aber auch von kleineren Städten, die er besucht hat. Er war viel in Finnland, Schweden, Portugal oder Spanien unterwegs. „Es gab Zeiten, da war ich zweimal im Monat bei Trainingslagern oder zu Spielen im Ausland“, erzählt er. Als Profi lebte er vom Sport und hatte diverse Sponsoren, die ihn unterstützten. „Der sportliche Erfolg ist auch das Fundament für meine Praxis – nicht nur finanziell, auch persönlich“, erklärt er.
Weg zur eigenen Praxis
Beruflich hatte er ursprünglich ganz andere Pläne: Sportmediziner, Soldat, Landwirt. „Aber mit meinen Augen war das nicht realistisch“, so Steiger. Da er als Spitzensportler immer therapeutisch begleitet wurde und engen Kontakt zu Physiotherapeuten hatte, entschied er sich für eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. „Das Beste, was ich machen konnte“, ist er längst überzeugt. Ebenso klar war für ihn, sich so schnell wie möglich selbstständig zu machen. Im Jahr 2022 eröffnete er in Rothenburg seine erste Praxis. Im Januar ist er in neue Räume im ZentRo in Rothenburg umgezogen.
Hell und freundlich gestaltet, schließen sich sechs Behandlungsräume wie in einem Rondell an den Empfang an. „Wir haben 180 m2 Therapiefläche“, so der Physiotherapeut. Viel Eigenleistung ist in die Neugestaltung der Praxis eingeflossen. Die ganze Familie hilft mit, seine Eltern sind aktiv eingebunden.
Wer Steiger erlebt, merkt seine Einschränkung kaum. Er bewegt sich sicher durch die Räume, alles hat seinen festen Platz. Struktur ist für ihn essenziell. Und – noch wichtiger – er hat seine Frau Jenny. Sie ist immer an seiner Seite und hilft ihm durch den Alltag. „Das ist blindes Vertrauen“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Normalität ist für ihn wichtig, und „meinen Humor lass‘ ich mir von keiner Krankheit nehmen“, sagt er.
Acht Mitarbeiter zählt sein Team inzwischen, darunter mehrere Physiotherapeuten. Steiger will bewusst anders arbeiten: moderner, technologieorientierter, leistungsfokussiert. Für ihn geht es nicht nur um Symptome, sondern um Ursachen. „Wir schauen über den Tellerrand“, sagt er selbstbewusst.
Herzstück seiner Praxis ist die 3-D-Körper- und Haltungsanalyse. In wenigen Minuten erfassen vier Infrarotkameras die Körperstatik, erstellen einen digitalen Avatar und machen Dysbalancen sichtbar. Oft zeigen sich überraschende Zusammenhänge – etwa wenn Schulterprobleme ihren Ursprung in einer Fehlstellung der Knie haben. Diese datenbasierte Herangehensweise nutzt sein Team nicht nur bei klassischen Patienten, sondern auch im Leistungssport. Steiger und sein Team betreuen Leistungs- und Kampfsportler, die sie auf Wettkämpfe vorbereiten. Dazu hat er auch eine enge Kooperation mit Martin Habelt und dessen Fitnessstudio. „Das wiederum kommt auch unseren Patienten zugute“, so Steiger.
Moderner Therapieansatz
„Ich bin ein Macher“, sagt Thomas Steiger von sich. Halbe Sachen sind nicht sein Ding und er setzt auf Innovation. Daher hat er auch ein 3D-Spacecurl gleich am Eingang seiner Praxis stehen. Mit dem Therapiegerät werden Gleichgewicht, Koordination und Körperstabilität verbessert. Das Gerät besteht aus drei beweglichen Ringen und sieht aus wie ein futuristisches Gyroskop. Der Patient steht im Inneren, gesichert an Füßen und Becken, und bewegt sich allein durch Muskelkraft in alle Richtungen. Das Ergebnis: Gleichgewicht, Koordination und Stabilität werden gleichzeitig trainiert. „In wenigen Minuten spricht man den ganzen Körper an“, erklärt Steiger. Vom Leistungssportler bis zum 90-jährigen Patienten – das Einsatzspektrum ist breit.
Trotz minimalem Sehvermögen bleibt eines konstant: Steigers Antriebskraft. „Ich weiß, was ich sportlich, privat, menschlich und beruflich erreicht habe“, sagt er selbstbewusst. Er ist ein Unternehmer mit Herzblut, aber auch ein Chef auf Augenhöhe. Und so wie er es im Sport nach ganz oben geschafft hat, so will er es auch mit seiner Praxis, die sich auf lange Sicht als Therapiezentrum etablieren soll. „Ich möchte die erste Wahl sein“, stellt er fest. Das ist seine Vision: „Und was ich vorhabe, setze ich durch.“ am




