„Kapitänin“ im Blättermeer
1. Juni 2026
„Kapitänin“ im Blättermeer
Ein Waldspaziergang mit Försterin Florentine Blessing
Als Kind wollte sie mal Kapitän werden – wie ihr Opa. Doch es kam anders. Statt Meeresrauschen ist Blätterrascheln die Hintergrundmusik ihres Alltags geworden: Florentine Blessings Arbeitsplatz ist der Wald. Seit 25 Jahren ist sie als Försterin in der Region tätig. Mittlerweile leitet sie das Revier im Raum Kirchberg und Rot am See.
Früher war der Beruf eine reine Männerdomäne. Aktuell liegt der Frauenanteil bei etwa einem Fünftel. „Das tut der Sache gut“, findet sie. „Der raue Ton ist milder geworden.“
Florentine Blessing führt ihr Revier mit Herz und Verstand. Ihr Kompass ist die Liebe zur Natur. Gleichzeitig bewirtschaftet sie den Wald entsprechend den Vorgaben: nachhaltig, standortgerecht und klimaangepasst. Sie ist es gewohnt, Entscheidungen zu treffen und anzupacken.
Die Eltern der gebürtigen Münchnerin waren Garten- und Landschaftsarchitekten. Das erklärt wohl die Bedeutung ihres Vornamens: „die Blühende“. Florentine Blessing verbrachte ihre Kindheit überwiegend in Kaisersbach, umgeben von Wäldern. „Dort kam ich auf die Idee, Försterin zu werden.“ Sie absolvierte ein Studium in Rottenburg am Neckar, wo sie ihren Mann kennenlernte. Martin Blessing ist inzwischen Bürgermeister von Ilshofen. Das Ehepaar hat drei erwachsene Kinder. Die Jüngste macht eine Ausbildung zur Forstwirtin.
Begleitet von Familienhund Toni fährt die Revierleiterin in ihrem Dacia zu einem Wald bei Brettheim. Ein historischer Schauplatz, denn hier haben sich die Einheimischen früher zum Tanzen getroffen. Heute nutzen ihn die Kindergartenkinder für ihren Waldtag.
Florentine Blessing trägt eine Jacke mit dem Wappen von Baden-Württemberg. Inmitten der Bäume ist sie in ihrem Element. Sie beschreibt den Wald als „riesengroßes Ökosystem, das keiner so ganz durchschaut.“ Die Försterin zeigt eine gefällte Eiche die von Ringschäle betroffen ist. „Wir haben sie liegen lassen, dann haben die Kinder etwas zum Klettern.“ Am Boden wachsen Walderdbeeren, ein Schmetterling fliegt über bemooste Baumstümpfe.
Auf einem Stamm thront ein hölzernes Eichhörnchen, das einer der Waldarbeiter ausgesägt hat. Dahinter liegt eine Coladose, die jemand achtlos entsorgt hat. „Das ist total unnötig“, seufzt Florentine Blessing und packt sie ein.
Die Revierleiterin betreut die kommunalen Wälder von Kirchberg an der Jagst und Rot am See sowie Kirchenwälder in Brettheim und Reubach. Außerdem ist sie Ansprechpartnerin für Privatwaldbesitzende. Auf Anfrage organisiert sie Pflanzung und Holzernte. „Als Försterin muss ich vernetzend denken, gut organisieren können und Lösungen erarbeiten.“ Manchmal gilt es, abzuwägen. Naturschützer und Sägewerke vertreten unterschiedliche Interessen. „Die Konflikte werden härter, es wird schnell geschimpft“, erzählt sie.
Die Hälfte ihrer Zeit verbringt sie im Büro. „Ich wäre gerne ein bisschen mehr draußen.“ Sie schiebt Äste zur Seite und schreitet über knisterndes Laub. „Da hinten ist es ein bisschen urwaldig“, ruft Blessing. Sie zeigt auf eine Gruppe von zehn großen Elsbeeren. Diese Baumart ist selten in Deutschland. „Das ist etwas ganz Besonderes“, sagt sie stolz. „Sowas haben nicht viele.“
Die einstige Jungscharleiterin führt leidenschaftlich gerne Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch den Wald. Manchmal pflanzt sie Bäume mit ihnen. Ein besonderes Augenmerk legt sie auf die Waldpädagogik. Für den Naturkindergarten in Niederwinden hat sie die Fläche mitgestaltet, mit verschiedenen Waldzonen. Ein kleiner Weihnachtswald wächst dort heran. „Sowas macht mir Spaß.“ Eines ihrer weiteren Herzensprojekte ist der Erlebnispfad im Rothölzle Rot am See. Unterstützung erfährt sie durch ihr Kollegenteam im Innendienst des Kreisforstamts, zu dem insgesamt 13 Reviere gehören.
Florentine Blessings Revier umfasst 2 500 Hektar. Hauptsaison ist im Winter. Dann steht das Vermessen von Baumstämmen an. Sie plant und organisiert die Holzernte. Für die Durchführung beauftragt sie Unternehmen. In der kalten Jahreszeit prasseln viele Anliegen gleichzeitig auf die Försterin ein, dann brummt ihr der Kopf.
Im Wald zu arbeiten, birgt Gefahren, besonders die Holzernte. „Man muss wach sein und ein Quäntchen Glück haben“, sagt sie. „Ich bin immer froh, wenn die Forstwirte gesund zurückkehren.“ Die Kirchbergerin betont, wie wichtig es ist, heimisches Holz zu ernten. „Manche halten es nicht aus, wenn ein Baum gefällt wird und haben Tränen in den Augen, sobald die Motorsäge kommt“, schildert sie. „Aber mir ist ein Tisch aus einem nachhaltig bewirtschafteten Wald lieber, als wenn er aus einem Land stammt, in dem großflächiger Kahlschlag betrieben wird.“
Blessing zeigt auf eine Reihe junger Eichen. „Die haben wir gepflanzt, als ich hier angefangen habe“, erinnert sie sich mit strahlenden Augen. „Ich hoffe, sie halten lange durch.“ Seit Anfang dieses Jahrtausends erlebt sie einen „Riesenumbruch“. Die Fichten verschwinden, die Lärchen werden weniger. Letztes Jahr haben selbst die Kiefern Hitzeschäden davon getragen. Die Buchen sterben. „Sie brauchen Kühle und Wasser.“ Wenn es im Sommer nicht regnet, gehen die Feinwurzeln kaputt. Die Esche hat mit einem eingeschleppten Pilz aus Asien zu kämpfen. „Das ist ein Elend. Im Kirchberger Raum habe ich 40 Prozent Eschen gehabt. Jetzt sind es vielleicht zehn Prozent.“ Die Revierleiterin hofft, dass es der Art irgendwann gelingt, sich an den Pilz anzupassen. „Der Klimawandel ist so schnell. Das ist eine große Herausforderung für unser Waldsystem.“ Nachdenklich streicht sie über ein weiches Feldahorn-Blatt. „Dieser Baum ist einer der Klimagewinner.“ Er kommt mit Dürre und Hitze klar.
Mit dem Dacia geht’s weiter zu einem größeren Waldstück, das voller Fichten stand, bis Käfer und Stürme kamen. Eine der jüngeren Kahlflächen wurde neu bepflanzt, mit Bäumen wie Eiche, Wildapfel und Elsbeere. Ein klimastabiler Laubmischwald wächst heran.
Auch Starkregenereignisse sind ein Thema, das sie beschäftigt. In diesem Wald schuf sie gemeinsam mit den Waldbesitzern im Rahmen der Flurneuordnung Möglichkeiten zur Wasserrückhaltung. Es sind Versickerungsmulden und kleine Wasserbecken entstanden.
Statt den Regen über Gräben in überlaufende Bäche und Flüsse zu leiten, soll möglichst viel Wasser im Wald bleiben. Blessing zeigt auf eines der Kleinbiotope. Trotz Trockenheit ist es halbvoll mit Wasser. Plötzlich hüpft ein Frosch heraus. Sie entdeckt Kaulquappen. „Das freut mich extrem“, sagt sie und zückt ihre Smartphone-Kamera.
Jemand sagte einmal zu ihr: „Was der Kapitän auf dem Meer ist, das ist der Förster im Wald.“ Wie schon ihr Opa vertraut Florentine Blessing auf die Kräfte der Natur. An der Seite ihrer Mannschaft steuert sie den Wald durch stürmische Zeiten. sab




