Chor: „Atemtöne“
12. Januar 2026
Chor: „Atemtöne“
Singen gibt Lungenkranken neue Lebensqualität
Auf dem Treppenaufgang der Bad Windsheimer Seniorenresidenz geraten die Sänger des noch jungen Lungenchors ein wenig aus der Puste. Kein Wunder, denn die Mitglieder verbindet eines gemeinsam. Sie alle leiden entweder unter Atemwegs-, Muskel-, oder Lungenerkrankungen, die ihnen den Atem rauben. Und genau das lässt sich ändern – durch Singen.
Singen und dabei in Erinnerungen schwelgen, das macht einfach Spaß. Zudem hebt es die Stimmung, wirkt gegen Stress, trainiert das Gedächtnis und fördert das Gemeinschaftsgefühl.
Weil es eben auch die Lungenkapazität und die Atemhilfsmuskulatur verbessert und das Zwerchfell stärkt, hat die Bad Windsheimer Lungenfachärztin Dr. Borghild Grün im September 2025 eine besondere „Singgemeinschaft" gegründet: Den Lungenchor „Atemtöne", der sich vor allem an Menschen mit Lungenerkrankungen wie Asthma, Lungenfibrose oder COPD richtet und damit den Betroffenen mehr Lebensqualität als sonst eine Therapie schenkt.
„Während der Coronazeit rief mich ein Opernsänger an, der mir anbot, meine Post-Covid-Patienten mittels Singtherapie zu trainieren. Ich war anfangs sehr skeptisch", erzählt die engagierte Ärztin. Das Fundament der Arbeit ist das Entwickeln einer ausbalancierten Spannung und Koordination der muskulären Systeme von Atmung, Stimme und Artikulation sowie die Körperbewegung. „Diese Therapieform hatte die bisher besten Therapieergebnisse gebracht", wie Dr. Grün feststellen konnte.
Das bestätigt auch eine Recherche der Lungenärztin: Prof. Dr. Dr. Hermann Reichenspurner am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf berichtet im Jahr 2021 von seinem erfolgreichen Projekt mit der Hamburger Staatsoper, um Long-Covid-Patienten mit Gesangstraining zu therapieren. Musiktherapie findet in der Demenz-, in der Palliativ- und Psychotherapie Anwendung, nicht aber für Lungenpatienten.
Für sie gibt es spezielle Lungenphysiotherapie, die allerdings nicht solch positive Ergebnisse erzielen kann wie Gesangstraining. Die Idee zu einem Lungenchor war geboren.
Auf der Suche nach einem Chorleiter erklärte sich Ralf Schuband aus Burgbernheim, der selbst betroffener Post-Covid-Patient ist, sofort bereit, den Lungenchor ehrenamtlich in Zusammenarbeit mit Dr. Grün zu leiten. Zudem ist er Kreis-Chorleiter im Fränkischen Sängerbund im Kreis Fürth/Neustadt a.d. Aisch.
Erfolg in kürzester Zeit
Schuband ist ein Urgestein als Chorleiter und hat über 15 Jahre lang die Werkstadtchöre von Diakoneo für Menschen mit Behinderung (WfbM) in Rothenburg und in Obernzenn sowie den Chor der offenen Hilfen „Oron" in Ansbach (10 Jahre) ehrenamtlich geleitet. Sogar eine kleines Liedheftchen des Sängerkreises Fürth, unter dessen Dach der Lungenchor „Atemtöne" geführt wird, hat Schuband mitgestaltet. Am Anfang einer jeden Chorstunde, nachdem Dr. Grün Atemübungen als „Warm-up" durchgeführt hat, beginnt Ralf Schuband mit Stimmübungen. Dann kann es losgehen. Mit einem Lied wie „Conquest of paradise" starten die mehr als 30 Anwesenden in den Liederabend, dessen Töne eine besondere Einheit zu bilden scheinen.
Das therapeutische Ergebnis ist erstaunlich: „Am Anfang hatte ich schmerzhaften Muskelkater, aber nach nur fünf Chorstunden waren nicht nur die Schmerzen weg, sondern mir geht nicht gleich die Luft aus und ich kann nachts sogar wieder auf meiner Lieblingsseite erholt schlafen", so eine 43-jährige Asthmapatientin.
Günter Kallert, ein Patient von Dr. Grün, hat eine Lungentransplantation in Großhadern hinter sich. Seit seiner Aktivität im Lungenchor kann er wieder tiefer atmen, ohne ständig zu hecheln, kann durchgehend sprechen und seine Tonstimme beim Singen gleichbleibend halten. „Ich war bisher einer von vielen Lungenpatienten, die sich durch das stetige „Nicht-Mithalten-Können" aus der Gesellschaft zurückgezogen haben", erzählt er. Im Lungenchor sind die Menschen unter ihresgleichen, können sich austauschen, gemeinsam Spaß haben und gehören endlich wieder einmal irgendwo dazu. Und das ohne Leistungsstress.
Der Lungenchor „Atemtöne" in Bad Windsheim, unter dem Dach des Fränkischen Sängerbundes, der sich für Inklusion in der Chorarbeit einsetzt, heißt jederzeit neue Sänger willkommen.
Geplant ist eine erste Teilnahme an dem Aktionstag „Initiative kulturelle Integration" (IKI) mit dem Titel „Zusammenhalt in Vielfalt" im Mai 2026, an dem sich die wenigen Lungenchöre (fünf) Deutschlands beteiligen können.
„Wir wollen Menschen mit Atemwegserkrankungen zeigen, dass Singen ohne Schmerzen möglich ist und der Weg zurück zu einer höheren Lebensqualität frei ist", so Schuband. ul




